Deutsches Schulbarometer: Schulalltag ist für Kinder und Jugendliche belastend
Ein Fünftel der Schüler:innen fühlt sich psychisch belastet, zeigt eine neue Studie. Auch die schulpsychologische Versorgungslage ist dramatisch.
Ein weiterer Befund des „Deutschen Schulbarometers“, das erstmals gezielt Schüler:innen zum Schulalltag befragt hat: Ein Viertel der Kinder und Jugendlichen, die psychosoziale Hilfe in Anspruch nehmen möchten, erhält an der Schule selbst auf Nachfrage keine Hilfe. Auf außerschulische Angebote ist laut der Umfrage kein Verlass: Ein therapeutisches Erstgespräch kommt im Schnitt erst nach vier Monaten zustande.
„Diese Antworten zeigen, dass wir die psychische Gesundheit von Schülerinnen und Schülern sehr ernst nehmen müssen“, sagt Dagmar Wolf, Leiterin des Bereichs Bildung der Robert Bosch Stiftung. „Besonders dramatisch“ seien aus ihrer Sicht die Lücken in der Versorgungsstruktur.
Zwar habe sich die Belastungssituation von Kindern und Jugendlichen seit der Coronapandemie insgesamt verbessert. Allerdings habe sich die Lage noch nicht so entspannt wie in anderen Ländern, so Wolf. Auf die Krisen in der Welt lässt sich die anhaltende Belastung der Schüler:innen also nur bedingt zurückführen.
Die Weltlage spielt natürlich eine Rolle: So ist die momentan größte Sorge unter den befragten Schüler:innen, „dass es Krieg auf der Welt gibt“, gefolgt von Leistungsdruck. Auch die Klimakrise und die persönliche Zukunft treiben viele Schüler:innen um. Das Schulbarometer zeigt aber, dass auch der Unterricht einen großen Einfluss auf das schulische Wohlbefinden hat.
Schüler:innen vermissen individuelles Feedback
Vier Aspekte hat die Bosch-Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Institut für klinische Kinder- und Jugendpsychologie der Universität Leipzig dafür ermittelt und gezielt abgefragt: Wie Lehrkräfte ihren Unterrichts durchführen, wie sehr sie die Schüler:innen unterstützen, wie gut sie die Klasse zum Mitmachen anregen und wie es um das Klassenklima bestellt ist. Daten, die selten aus Perspektive der Schüler:innen erhoben werden.
Damit schließe das Schulbarometer „eine große Datenlücke“, freut sich der Projektleiter an der Universität Leipzig, Professor Julian Schmitz. Weniger erfreulich sind aus seiner Sicht die Ergebnisse: Schulbezogene Themen wie Leistungsdruck, belastete Beziehungen zu Lehrkräften und Mitschüler:innen, mangelhafte Unterrichtsqualität und ein schlechtes Lernklima seien „wichtige Faktoren“ für das Wohlbefinden und die psychische Gesundheit der Schüler:innen.
So geben beispielsweise Schüler:innen auf die Frage, was ihnen an der Schule „nicht gut“ gefällt, am häufigsten an: „Lehrkräfte, Umgang mit Schüler:innen“. Jeweils rund ein Drittel der Schüler:innen sagen zudem, dass „keine oder wenige Lehrkräfte“ sich um sie kümmerten oder individuelles Feedback gäben. Auffällig aus Sicht der Autor:innen: Bei Schüler:innen, die sich selbst als belastet bezeichnen, teilen bis zu doppelt so viele diese Eindrücke. Um das schulische Wohlbefinden aller Schüler:innen zu stärken, müssten in diesem Bereich „dringend mehr Anstrengungen unternommen werden“, fordert Schmitz.
Handlungsbedarf sieht auch Fabian Schön, Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz: „Das sind schockierende Zahlen, die für uns zur Normalität geworden sind“, sagt er. Vor allem kritisiert er, dass die Schule in vielen Fällen selbst für den Stress von Kindern und Jugendlichen verantwortlich sei. Es sei nicht zu dulden, dass der Leistungsdruck an Schulen nach den Kriegen in der Welt die zweitgrößte Sorge von Schüler:innen sei. Die Bundesschülerkonferenz fordere schon lange einen „anderen Leistungsgedanken“: mehr individuelles Feedback, etwa in Form von Wortzeugnissen oder Evaluationsgesprächen mit den Schüler:innen. Schulnoten hingegen sollten „so spät wie möglich“ zählen.
Eine Fachkraft auf 5.000 Schüler:innen
Insgesamt erkennt Schön eine „Tabuisierung der psychischen Gesundheit“ an Schulen. Zwar bekomme das Thema seit der Pandemie mehr Aufmerksamkeit. Allerdings, so Schön, hänge es bis heute davon ab, wie engagiert Schulen hier seien. Er fordert, das Thema zu institutionalisieren. Etwa indem alle Schulen mit ausreichend Schulpsycholog:innen und Schulsozialarbeiter:innen ausgestattet werden.
Wie schlecht es um die Versorgung mit Fachkräften bestellt ist, zeigt eine Erhebung des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) vom August dieses Jahres. Demnach muss sich ein:e Schulpsycholog:in im Schnitt um 5.218 Schüler:innen kümmern. Besonders dramatisch ist die Versorgungslage demnach in Rheinland-Pfalz, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt.
Julian Schmitz von der Universität Leipzig weist auf die gesamtgesellschaftliche Bedeutung früher Prävention hin: „Wir wissen, dass psychische Erkrankungen der Hauptgrund sind, warum Menschen arbeitsunfähig werden.“ Gleichzeitig wisse man, dass drei Viertel aller psychischen Erkrankungen bereits in einem Alter bis 24 Jahren begännen. Allein aus diesem Grund sei es wichtig, auf die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zu blicken, so Schmitz.
Es gibt jedoch noch weitere Gründe: „Besonders in unseren Zeiten, in denen unsere Demokratie unter Druck steht, ist es wichtiger denn je, junge Menschen zu beteiligen und ihnen zuzuhören.“
Seit 2019 führt die Robert Bosch Stiftung Umfragen zum Schulalltag durch. Für das vorliegende „Deutsche Schularometer Schüler:innen“ wurden bundesweit rund 1.500 Schüler:innen im Alter von 8 bis 17 Jahren sowie je ein Elternteil befragt. Die Befragung hat das Meinungsforschungsinsitut forsa zwischen 26. April und 20. Mai 2024 durchgeführt.
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