Deutsches CO2-Budget: Zu langsamer Ausstieg aus der Kohle

Eine Prognose im Auftrag eines Ökostromanbieters zeigt: Laufen die Kraftwerke tatsächlich bis 2038, würde das das nationale CO2-Kontingent sprengen.

Zwei Kohlekumpel stehen vor einem Kohlebagger

Echte Bürde: Braunkohleabbau in Sachsen, Neukieritzsch für das benachbarte Kraftwerk Lippendorf Foto: Hendrik Schmidt /

FREIBURG taz | Der geplante Betrieb von Kohlekraftwerken bis zum Jahr 2038 macht es für Deutschland praktisch unmöglich, sein nationales CO2-Restbudget einzuhalten. Das lässt sich aus einer Studie des Analysten Energy Brainpool im Auftrag des Ökostromers Greenpeace Energy ableiten.

Das Rechnen mit Megatonnen CO2 ist inzwischen ein wichtiger Teil der Klimadiskussion geworden. In dieser Betrachtung bekommt jedes Land ein Gesamtbudget zugeordnet, das es in den kommenden Jahren noch ausschöpfen darf, um anschließend CO2-frei zu wirtschaften. Solche Budgetkalkulationen basieren auf Rechnungen des Weltklimarats IPCC. Die von den beteiligten Wissenschaftlern als gerade noch vertretbar definierte globale Menge an Emissionen wird dabei pro Kopf der Bevölkerung auf alle Länder der Erde aufgeteilt.

Danach dürfte Deutschland, beginnend mit dem Jahr 2020, nur noch insgesamt 4.400 Megatonnen CO2 ausstoßen. Fast 2.000 Megatonnen davon würden nach dem aktuellen Kohleausstiegs-Szenario allein für die Kohlekraftwerke gebraucht, rechnet die Studie vor. Damit würde Deutschland von seinem CO2-Kontingent 45 Prozent für die Kohleverstromung brauchen.

Reicht Budget sogar nur bis 2026?

Das Fazit von Greenpeace Energy liegt auf der Hand: Ein schnellerer Kohleausstieg und ein stärkerer Ausbau der Erneuerbaren seien notwendig. „Es kann nicht sein, dass die Kohle einen großen Teil unseres ohnehin knappen Spielraums bei den noch möglichen Emissionen auffrisst“, sagte Sönke Tangermann, Vorstand des Ökostromanbieters. Und die Autoren der Analyse erklärten: „Je höher der Anteil der Emissionen der Kohlekraftwerke am CO2-Budget ist, desto mehr Emissionseinsparungen müssen andere Sektoren wie der Verkehr, die Industrie, der Gebäudesektor und die Landwirtschaft kurzfristig realisieren.“ Folgt man den IPCC-Zahlen, ist in allen Sektoren Eile geboten. Denn bei einem unverminderten CO2-Ausstoß in Deutschland, der im Jahr 2020 bei 739 Megatonnen lag, wäre das nationale Kontingent bereits 2026 erschöpft.

Ein wesentlicher Unsicherheitsfaktor der Simulationen ist der CO2-Preis. Die Studie geht im Hauptszenario von überraschend niedrigen 40 Euro pro Tonne im Jahr 2038 aus. Doch bereits im vergangenen Monat lagen die Notierungen im Emissionshandel im Mittel bei knapp 54 Euro. Mancher Marktbeobachter geht sogar davon aus, dass der „Green Deal“ der EU nur mit Preisen von 200 oder 300 Euro pro Tonne umsetzbar sein wird.

CO2-Preis ist der Schlüssel

Zwar rechnet Energy Brainpool noch ein zweites Szenario mit einem Preis von immerhin 105 Euro pro Tonne, bei dem der CO2-Ausstoß der Kohlekraftwerke dann um 13 Prozent niedriger liegt als bei der ersten Variante. Aber auch dieser Wert ist wenig praxisgerecht, weil – wie die Autoren selbst einräumen – indirekte Effekte, wie zusätzliche Ökostrom-Investitionen, nicht eingepreist wurden.

So machen die verschiedenen Szenarien vor allem die grundsätzliche Bedeutung des CO2-Preises deutlich, wodurch die politischen Ausstiegsbeschlüsse in den Hintergrund treten. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier hatte bereits im Juli gesagt, der Kohleausstieg werde aufgrund der gestiegenen CO2-Preise „schneller gehen als ursprünglich erwartet“. Mit Bezug auf die aktuelle Studie betonte dann auch das Ministerium, das Gesetz gebe lediglich „einen regulatorischen Stilllegungspfad bis spätestens 2038“ vor. In den Jahren 2026, 2029 und 2032 werde dieser überprüft. Was aber nichts daran ändere, dass sich marktgetrieben durch den Emissionshandel ein Ausstieg sehr wohl früher vollziehen könne.

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