Deutsche Bilanz bei Paralympics: Wenig Goldglanz
Bei den Winter-Paralympics sorgt nur Anna-Lena Forster für die großen deutschen Erfolge. Andere Nationen fördern ihre Sportler weit professioneller.
Als die Tränen und all der Druck abgefallen waren, konnte Anna-Lena Forster wieder lächeln. Gemeinsam mit ihrem etwa 30-köpfigen Fanclub, Familie und Freunden ließ Deutschlands Paralympics-Heldin im deutsch-österreichischen Haus von Cortina „brutale Spiele“ ausklingen.
Als brutal erfolgreich kan sie diese bezeichnen – trotz der finalen Enttäuschung mit Platz vier in ihrer Lieblingsdisziplin Slalom. Forster durfte als einzige deutsche Sportlerin ganz nach oben aufs Siegerpodest. Zwei Goldmedaillen und eine Silbermedaille holte sie. Aber dieses Paralympics waren auch brutal anstrengend für den Alpin-Star und den Rest des deutschen Teams – und das hatte nicht nur mit den andauernden politischen Diskussionen um Russlands Rückkehr in den Weltsport zu tun.
„Es waren noch nie so viele Menschen und noch nie so wenig Platz für mich. Das war schon heftig“, erklärte Forster mit Tränen in den Augen: „Der Druck von außen und von mir selbst war schon gewaltig.“ Jeder erwartete Gold von ihr – und die 30-Jährige lieferte mit ihren Triumphen ausgerechnet in den bisher für sie eher schwierigeren Disziplinen Abfahrt und Riesenslalom. Sie allein sorgte in der deutschen Bilanz für den goldenen Anteil.
Mit 17 Podestplätzen (2 Gold – 6 Silber – 9 Bronze) wurde zwar das intern gesteckte Ziel erreicht, unter den Top 4 der Nationen von der Zahl der Medaillen zu landen. Aber im Vergleich zu den Winter-Paralympics 2022 in Peking mit 19 Medaillen (4 Gold – 8 Silber – 7 Bronze) ging es im von China dominierten Medaillenspiegel wieder ein Stück abwärts. „In dem Medaillenspiegel zählt ja eine goldene mehr als 100 in Bronze. Das spiegelt aber nicht die Teamleistung wider. Wir haben uns in der weltweit immer härter werdenden Konkurrenzsituation deutlichst weiterentwickelt“, zog Ski-Bundestrainer Ralf Rombach ein positives Fazit für seine Sparte.
Tatsächlich sorgten seine Sportler im Skilanglauf und Biathlon für die mit Abstand meisten deutschen Medaillen – in den drei anderen Sportarten schaffte es ansonsten nur Anna-Lena Forster aufs Podest. „Wir hätten uns schon ein paar mehr Ausreißer nach oben gewünscht“, bilanzierte Marc Möllmann, der deutsche Chef de Mission. Rombach kündigte an, dass man vor allem „das deutsche Gold-Problem“ bei seinen Sportlern analysieren wolle. „Natürlich sind auch Silber und Bronze ein Highlight, uns hat aber sehr oft das letzte Quäntchen für Gold gefehlt. Das ist sicher auch eine mentale Sache.“
Sein Top-Medaillensammler Marco Maier – gemeinsam mit Anja Wicker schaffte er es viermal aufs Podest – verpasste im Biathlon und Skilanglauf gleich mehrfach knapp Gold. Am Ende holte er „nur“ dreimal Bronze und einmal Silber. Maier sagte: „Natürlich fühlen sich die Medaillen im ersten Moment gut an, aber dann denkt man auch: Mist, ich hätte lieber eine goldene.“
Der 26-Jährige ist aber einer der deutschen Sportler, die Hoffnung auf künftige Paralympics-Erfolge machen. Auch andere Medaillengewinner im Ski/Biathlon-Bereich wie Linn Kazmaier (19), Leonie Walter (22) oder auch Wicker (34) wollen auf jeden Fall bis 2030 weitermachen. Dagegen sieht es im Bereich der deutschen Alpin-Goldgaranten eher düster aus. Die nach Depressionen mit zwei vierten Plätzen stark zurückgekehrte „Grande Dame“ Andrea Rothfuss (36) will nach 14 Medaillen nicht noch einmal bei den Paralympics antreten und durfte bei der Abschlussfeier am Sonntag die deutsche Fahne tragen.
Anna-Lena Forster hat ihre Zukunft noch offengelassen. Es gibt also Anlass zur Sorge für den deutschen Behindertensport, der in der Geschwindigkeit der Professionalisierung gegenüber anderen Nationen wie China, USA, Italien oder Ukraine nicht mithalten kann. „Es gibt Sondermittel für Olympia, aber bisher nicht für die Paralympics. Auch in Sachen Jahresförderung, Athletenförderung und der Zusammenarbeit mit der FES haben wir noch Potenziale, die wir erschließen wollen“, kündigte Cheick-Idriss Gonschinska als Vorstandsvorsitzender des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS) an.
Im olympischen Bereich fördert die Sporthilfe fast dreimal so viele Athleten, wie am Ende bei den Sommer- und Winterspielen dabei sind. Im Bereich der Sportler mit Behinderung fahren mehr zu den Paralympics als gefördert werden. „Das ist eine große Gefahr für künftige Erfolge“, sagt Rombach. Gonschinska mahnte, dass die Politik mit Blick auf die deutsche Bewerbung für die Olympischen und Paralympischen Spiele ihre Anstrengungen erhöhen müssten: „Hoffentlich haben die Bewerber-Städte bei den Paralympics genau hingeschaut. Hier werden besondere Geschichten erzählt – auch über die Fähigkeit, wieder aufzustehen und Herausforderungen zu bewältigen.“ Anna-Lena Forster ist das beste Beispiel dafür.
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