piwik no script img

Der talentierte Herr Hagel

Jung, ehrgeizig, strategisch geschult – Manuel Hagel gilt als große Hoffnung der Südwest-CDU. Doch im Wahlkampf zeigt sich: Talent allein reicht nicht. Zwischen Zuversichtsrhetorik und Rissen im Image muss der 37-Jährige beweisen, dass er mehr kann als Aufstieg

Aus Ehingen Benno Stieber (Text) und Daniel Gomez Vega (Illustration)

Langsam geht dem Bläserquartett die Puste aus, aber wo ist der Kandidat? Der steht noch draußen im Foyer­, vertieft in Gespräche mit Honoratioren. Das Publikum wartet. Als er dann endlich den Saal betritt, haben die Musiker schon aufgegeben. Freundlicher Applaus, Hagel winkt kurz in den Saal, dann geht’s los.

Ein solider, wenn auch etwas hüftsteifer CDU-Wahlkampfabend in der Festhalle in Rotten­burg nimmt seinen Lauf. Einer von über 100 im ganzen Land. Der dunkle holzgetäfelte Saal, Baujahr 1900, ist gut gefüllt, aber nicht brechend voll. Anders als einige Wochen später beim grünen Gegenkandidaten. Die alte Römerstadt ist ein liberales Pflaster. Rottenburg ist Mitglied der Seenotrettung, die einzige mit einem CDU-Stadtoberhaupt. Oberbürgermeister Stephan Neher hält ein recht reserviertes Grußwort auf Hagel. Bei der Flüchtlingspolitik setzt der OB auf Aufnahme, der Kandidat auf Begrenzung. Immerhin bei der strikten Abgrenzung zur AfD sind sie sich einig. Dafür bekommt Hagel den meisten Applaus. Am Schluss gibt es noch ein Fläschchen örtlichen Schnaps, den sie auch schon Angela Merkel geschenkt haben. Vielleicht ein kleiner Hinweis, dass die Kanzlerin hier noch ein paar Fans hat.

Der Weg zurück an die Macht ist für die CDU im Südwesten lang und mühsam. Trotzdem könnte der Wahlabend am 8. März der Triumph des Manuel Hagel werden. Er hat Chancen, in Baden-Württemberg wieder das herzustellen, was seine CDU eigentlich für den Normalzustand hält: einen Unions-Mann auf dem Ministerpräsidentenposten. Hagel wäre dann gerade noch 37 Jahre alt. Sein zeitweiliges Vorbild, der frühere österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz, war bei Amtsantritt nochmal sechs Jahre jünger.

Vielleicht war nicht jedem im Saal in Rottenburg vorher der Name dieses jungen, stets korrekt frisierten Mannes geläufig gewesen. So geht es jedem fünften der Badenerinnen und Württemberger. Dennoch lag die CDU vor einigen Wochen noch 6 Prozent vor den Grünen, in dieser Woche waren es nur noch 1 Prozent. Und nur 19 Prozent würden Hagel direkt wählen, seinen Gegenkandidaten Cem Özdemir dagegen 30 Prozent. Könnte also eng werden.

Der CDU-Politiker Manuel Hagel, 37, hat gute Chancen, der nächste Ministerpräsident von Baden-Württemberg zu werdenFoto: imago

Hagel macht Witze darüber: Anders als damals Merkel mit dem Slogan „Sie kennen mich“ müsste er eher „Sie kennen mich nicht“ plakatieren.

Deshalb hier eine kurze Zusammenfassung dessen, was in den letzten 15 Jahren im Leben des Manuel Hagel geschah: Mittlere Reife, Bankausbildung, 2009 Filialleiter der Sparkasse seines Heimatorts. Für die CDU sitzt er im Gemeinderat, dann im Kreisrat, ist Kreisvorsitzender, Generalsekretär und Fraktionsvorsitzender. Und dann, 2023, auch Parteivorsitzender. Daneben gründete Hagel eine Familie und ist Vater von drei Kindern. Sein Gegner, Politroutinier Cem Özdemir, war auch mal der Jüngste und macht heute einen Wahlkampf, den man mit dem alten Slogan eines Haushaltsgeräteherstellers zusammenfassen könnte: Aus Erfahrung gut.

Um da auf Augenhöhe zu sein, versucht Hagel gelegentlich, etwas mehr zu scheinen, als er ist. In seinem alten Job bei der Bank durfte er sich als Filialleiter aus nicht ganz verständlichen Gründen „Direktor“ nennen. Auf seiner Abgeordnetenseite bezeichnete sich Hagel zudem lange als diplomierten Bankbetriebswirt – ohne den Zusatz, dass er diesen Abschluss nicht nach einem Studium erhalten hat, sondern nach einer Fortbildung der „Frankfurt School of Finance & Management“. Und zwei Wochen vor der Wahl erscheint ein acht Jahre altes Video, in dem Hagel in einem Regionalsender über einen Termin in einer Schule schwärmt: „80 Prozent Mädchen. Da gibt es für 29-jährige Abgeordnete schlimmere Termine.“ Über die „rehbraunen Augen“ einer Schülerin sagte er, die werde er „nie vergessen“. In seiner Stellungnahme gibt er sich wenig Mühe. „Mist“ sei das gewesen. Die moralische Einordnung delegiert er an seine Frau: Die habe ihm dafür damals tüchtig den Kopf gewaschen, sagt Hagel.

Je länger also der Wahlkampf dauert, desto mehr Risse zeigt die spiegelglatte Oberfläche. Dabei will Hagels CDU doch Verlässlichkeit signalisieren. Gerade in der Unsicherheit wählten die Leute die Union, sagt Hagel. Und während bei Bosch, ZF Friedrichshafen und Daimler Arbeitsplätze abgebaut werden, verbreitet Hagel im Wahlkampf mit seiner „Agenda der Zuversicht“ und seinen Instagram-Bildern, unterlegt mit „Can’t Stop“ von den Red Hot Chili Peppers, irritierend gute Laune. In seinen Reden appelliert Hagel an Tüftlergeist und Findigkeit im Südwesten. Man habe doch aus dem „Minus zwischen Baden und Württemberg ein echtes Plus“ gemacht, kalauert er. Seine Rezepte sind seltsam nostalgisch. Gegen Wohnungsnot verspricht er Zuschüsse fürs Eigenheim, als wäre Häuslebauen im dicht besiedelten Baden-Württemberg die Lösung. Er verspricht mit der Gründergeste eines Lothar Späth eine elfte Universität für KI im Land, obwohl das Land da schon vorne mitspielt. Sinn und Finanzierung des Projekts bleiben unklar. Selbst in den eigenen Reihen, so schreiben es die Kollegen von Kontext, nennen sie ihn heimlich den „Phrasen-Hagel“.

Aber vielleicht glaubt Hagel solchen Politkitsch auch ein bisschen selbst. Denn Politik hat er dort gelernt, wo die CDU-Welt auch nach 15 grünen Regierungsjahren noch wie früher ist. Das Städtchen Ehingen, eine halbe Autostunde von Ulm entfernt, knapp 28.000 Einwohner, drei Kirchen, vier Brauereien. Touristen werden mit der Bierkultur angelockt. Im properen historischen Ortskern gibt es, so weit das Auge reicht, kein Stadtbild-Problem.

Politik hat Hagel dort gelernt, wo die CDU-Welt noch wie früher ist

Hier hat die CDU auch während der Kretschmann-Ära im Gemeinderat noch unangefochten die Mehrheit. Das sogenannte politische Vorfeld – Fastnacht, Feuerwehr, Sparkasse – ist fest in der Hand von Konservativen. Auch wenn Hagel wohl aus nicht ganz idyllischen Familienverhältnissen kommt. Der Vater ist Polizeibeamter, quittiert vorzeitig den Dienst, das Geld ist eher knapp. Aber einer wie Hagel kann hier mit Fleiß, Gespür und den richtigen Kontakten schnell nach oben kommen. Hagel sei extrem umtriebig, heißt es. „Nicht einmal der Manu selbst weiß, in wie vielen Vereinen er Mitglied ist“, sagen sie im Ort. Ein persönlich angenehmer Typ sei er, der mit seinen Mitmenschen auskommen wolle und immer gesprächsbereit sei, so beschreiben ihn Stadtratskollegen. Ein Vertreter jener CDU, die sonntags das hohe Lied auf den Erhalt der Schöpfung und Heimat singt, aber wenn es dann um ein Neubaugebiet oder um die Erweiterung des Werksgeländes vom größten Arbeitgeber vor Ort geht, zuverlässig für den Flächenfraß stimme, beobachten Grüne. „Der Boden sei ja nicht weg, sondern dann nur anders genutzt“, habe Hagel ihm mal erklärt, erinnert sich ein grüner Gemeinderat.

2016 zieht Hagel mit dem besten CDU-Wahlergebnis seiner Partei in den Landtag ein. Parteichef Thomas Strobl macht ihn gleich zum jüngsten Generalsekretär. Er ist Teil von ­Strobls Modernisierungsprojekt, das die Honoratiorenpartei im Südwesten jünger und weiblicher machen soll. Hagel ist da grade 28 und die Union im Südwesten tief zerstritten. Mit zahllosen Gesprächen, so berichten es Parteifreunde, habe Hagel die Gräben zugeschüttet – und wohl auch mit vielen Versprechen. Wer Hagel als Generalsekretär kennenlernte, vor dem saß ein extrem gut vorbereiteter Politiker, der sein Weltbild mit kompakten Schlagworten beschreiben konnte. Tradition und Moderne, Bewahrung der Schöpfung als konservativer Wert. Innere Sicherheit als Unions­-Kernthema, aber auch Weltoffenheit, was Glauben und sexuelle Orientierung angeht.

„Der Manuel kennt sich in erstaunlich vielen Themen auf den ersten Blick gut aus“, sagt einer, der ihn lange kennt. Aber es gehe dann im Gespräch nicht wirklich in die Tiefe. „Er wechselt recht schnell das Thema, wenn man nachfragt.“ Dafür kennt Hagel alle Erhebungen und Untersuchungen zum Wählerverhalten und alles zur Empirie von Wahlkämpfen. Bei der Landtagswahl 2021 ist er für den Wahlkampf der Spitzenkandidatin Susanne Eisenmann verantwortlich. Eine Frau mit eigenem Kopf und gelegentlich harschem Ton. Es ist der Coronawahlkampf. Als seine Spitzenkandidatin, die damals auch Kultusministerin ist, gegen die Linie der eigenen Kanzlerin trotz hoher Infektionszahlen Schulöffnungen verlangt, distanziert sich Hagel unverhohlen. Das ist nicht mehr sein Wahlkampf und auch nicht seine Niederlage.

Illustration: Daniel Gomez Vega

Auch jetzt, fünf Jahre später als Spitzenkandidat, heißt seine Devise: Reibung vermeiden. Auch wenn seine Partei gern mehr Wölfe abschießen würde – zum Wahlkampf-Porträt mit dem Spiegel erscheint der passionierte Jäger auf seinem Hochsitz lieber ohne Gewehr. Wer, wie die taz, für ein Interview mit Hagel wie üblich bei der Presseabteilung Themen ankündigt, muss mit dem Anruf eines Mitarbeiters rechnen, der kritische Themen rausverhandeln will: „Das kann ich meinem Chef so nicht vorlegen“.

Das sei nix Neues, erfährt man in Ehingen. Hagel habe schon immer genau gewusst, bei welchen Abstimmungen im Gemeinderat er besser fehlt, um später nicht auf diese oder jene Position festgelegt zu werden, erzählen Ratskollegen. Auch im Landtag bleibe der Sitz des Fraktionschefs immer dann leer, wenn zu befürchten ist, dass man ihn in der Debatte auf Positionen festnagelt. Im Sommer sagte Hagel, er könne sich ein Social-Media-Verbot für Kinder vorstellen. Später erklärt er: Verbote nur während des Unterrichts. Dann beschließt die CDU auf ihrem Bundesparteitag eine Altersgrenze. Jetzt ist Hagel dafür.

Hagel habe noch nie regiert, sagen seine Gegner. Auch Vorgänger wie Oettinger und Kretschmann seien vom Fraktions­vorsitz nach der Wahl schnell zum Regierungschef gereift, sagen Anhänger. Er lege seit Jahren eine steile Lernkurve hin, loben Berater. Aber reicht das? Kann man Ministerpräsident by doing werden? Möglich, dass Manuel Hagel das bald beweisen muss. Falls ihm nicht die Puste ausgeht.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen