piwik no script img

Autor über die spanische Nachkriegszeit„Der Hunger ist Teil der Logik des Sieges“

Miguel Ángel del Arco Blanco ist Experte für die Zeit unmittelbar nach dem Spanischen Bürgerkrieg. Hunger und Repression gehörten damals zusammen.

Interview von

Ulrike Fokken

taz: Herr del Arco, war der Spanische Bürgerkrieg nur der Beginn von vielen Jahren der Grausamkeit?

Miguel Ángel del Arco: Die Motive für den Staatsstreich und die im Bürgerkrieg ausgeübte Gewalt formierten den franquistischen Staat bereits während des Kriegs. Und die Nachkriegszeit war geprägt vom Begriff „Sieg“. Der Bürgerkrieg wurde nicht durch ein Friedensabkommen beendet, sondern durch einen totalen Sieg einer Diktatur.

taz: Und Sieger haben Recht?

Del Arco: Ja, die Besiegten mussten für das bezahlen, was sie getan hatten. Die Schuld für alles lag demnach bei den Republikanern und ihrem demokratischen Projekt.

taz: Was bedeutete das für die Menschen?

Del Arco: Vielen wurden Verbrechen vorgeworfen, die sie nicht begangen hatten, anderen wurde ihr Eigentum beschlagnahmt, sie verloren ihre Arbeitsplätze. Die kulturelle Repression traf die Frauen besonders hart, weil man sie zwang, ihr Verhalten in der Öffentlichkeit zu ändern. Dieses europäische Frauenbild, modern, mit kurzen Haaren, einen Beruf außerhalb des Hauses ausübend, war ein Frauenbild, das das Franco-Regime hasste und als unspanisch betrachtete.

taz: Frauen sollten zu Hause bleiben, Kinder kriegen und sich um die Familie kümmern.

Del Arco: Dieses Frauenbild herrschte in ländlichen Gebieten und in den wohlhabenderen Schichten vor, war aber vor allem mit dem Katholizismus verbunden. Ein Wandel ging vor dem Bürgerkrieg vom liberalen, demokratischen und in vielen Fällen auch vom sozialistischen, kommunistischen und anarchistischen Denken aus.

taz: In Ihrem Buch über die spanische Hungersnot in den 15 Jahren nach dem Krieg schreiben Sie, dass die Diktatur in der Nachkriegszeit Nahrungsmittelknappheit genutzt hat, um die Menschen zu bestrafen.

Del Arco: Das Franco-Regime wollte die Menschen nicht verhungern lassen, änderte aber auch nichts, um das zu ändern. In den Gefängnissen und Konzentrationslagern war der Hunger zweifellos Teil der Bestrafung.

taz: Was hatte die Diktatur davon, wenn die Menschen unter Hunger leiden?

Del Arco: Der Hunger ist Teil der Logik des Sieges. Diejenigen, die den Krieg gewonnen haben, essen, haben Zugang zu Lebensmitteln, kontrollieren sie, sind privilegiert und können auf dem Schwarzmarkt Geschäfte machen, wie die in den 1940er Jahren total korrupte Armee. Auf der anderen Seite stehen die Republikaner, die versuchen zu überleben.

Im Interview: Miguel Ángel del Arco Blanco

Miguel Ángel del Arco Blanco ist Professor für Zeitgeschichte an der Universidad de Granada. In seinem Buch „La hambruna espanola“ (2025) verbindet er die Gewalt in der Nachkriegszeit mit der Politik des Hungers.

taz: Warum war die Hungersnot im ländlichen Andalusien am größten?

Del Arco: Im Süden war die soziale Polarisierung am stärksten und der Reichtum am ungleichsten verteilt. Die Landwirtschaft produzierte gut und exportierte, aber sie basierte auf dem Einsatz vieler billiger Arbeitskräfte. Viele dieser Tagelöhner waren Republikaner gewesen. Mit der Hungersnot sanken die Löhne und die Preise auf dem Schwarzmarkt stiegen so stark an, dass diese Menschen sich keine Lebensmittel mehr leisten konnten.

taz: Franco wollte Spanien in der Nachkriegszeit zu einem autarken Land ausbauen, was fatale wirtschaftliche Folgen hatte.

Del Arco: Das Wirtschaftskonzept war falsch, aber für das Franco-Regime standen soziale Kontrolle und der Sieg im Vordergrund, und daher diente die autarke Politik politischen Zielen, nicht wirtschaftlichen. Die Mitglieder des Regimes wurden reich, litten keinen Hunger und vernichteten andererseits die Republikaner.

taz: Wann endet diese gewalttätige Nachkriegszeit?

Del Arco: 1952, als die Autarkie endet. Die Lebensmittelkarten werden abgeschafft, die wirtschaftliche Lage bessert sich. Aber die brutale Gewalt geht weiter. Schätzungen zufolge wurden nach 1939 rund 30.000 Menschen erschossen. Hinzu kommen die mehr als 200.000 Menschen, die an den Folgen der Hungersnot starben. 300.000 Exilanten, dann die Menschen, die vom Land in die Stadt flohen, weil sie verhungerten und weil im Dorf die Atmosphäre so erdrückend war, dass ein Leben ohne Arbeit und in sozialer Ausgrenzung unmöglich war.

taz: Franco regierte bis zu seinem Tod 1975, blieb also zeitlebens „Sieger“. Wie hat sich das auf die Demokratisierung ausgewirkt?

Del Arco: In der transición, im Übergang zur Demokratie, gab es keine Debatte über die Schuld, sondern ein Schweigen, ein Vergessen. Es gab zaghafte Wiedergutmachungsmaßnahmen für Kämpfer seitens der Regierung, aber über Verantwortlichkeiten wurde nicht gesprochen. Aber es gab Menschen in den Dörfern, die ihre Angehörigen ausgruben, mit einer Schaufel, nachts und ohne jegliche Anerkennung.

taz: Wann hat Spanien mit der Aufarbeitung der Geschichte begonnen?

Del Arco: Das begann ab dem Jahr 2000, als die Bewegung zur Wiederherstellung des historischen Gedächtnisses Druck auf die Regierungen in Madrid und in den Provinzen ausübte. Das waren Menschen meiner Generation, also Enkel der Bürgerkriegsteilnehmer, die von ihren Eltern wissen wollten: Warum habt ihr meinen Großvater am Straßenrand liegengelassen? Man schätzte, dass etwa 40.000 Leichen von Opfern in Massengräbern begraben sind.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare