Der Hausbesuch: Mehr als Träumerei
Louis Edler ist Maler, Schauspieler, Musiker. Lange hat er gebraucht, um dahin zu kommen. Gegen alle Widerstände ging er seinen Leidenschaften nach.
Das Musische und Künstlerische ist Louis Edlers Sache. Auch dass er heute als Schauspieler arbeiten kann, empfindet er als großes Glück.
Draußen: Eine ruhige Wohnanlage am Rande von Berlin. Noch kahle Bäume vor dem Fenster, dazwischen: Sonne. Im Frühling wird es hier grün.
Drinnen: An der Wand seines WG-Zimmers hängen viele Gitarren. „Den Bass habe ich von meinem Bruder“, sagt Louis Edler. Auf seinem weißen Klavier steht ein Notenheft mit Stücken von Bach. An einer Wand: Edlers Bilder, winzige Quadrate mit Fineliner gezeichnet. Die könne man hören. „Bilder erzeugen auch eine Klangqualität, wie wenn ein wunderbarer Wasserfall fließt in der Natur oder wenn der Wind leicht weht.“
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Bilder: Die Motive kämen aus dem Unbewussten, den Träumen. „Was man malt, das träumt man auch.“ Eines seiner Bilder zeigt ein riesengroßes Virus. Es sei während der Coronazeit entstanden: Ein Bild, das so eindringlich wie bedrohlich wirkt.
Wohnen: „Die war nicht so wunderschön“, sagt Edler über die Zeit während des Lockdowns. „Du warst zu Hause gewesen, konntest auch deine Freunde nicht richtig sehen. Und es war sehr angespannt.“ In seiner damaligen WG, einer betreuten Wohngemeinschaft, habe es „Auseinandersetzungen und Konflikte“ gegeben, die vielen Regeln zu befolgen. An der WG, in der Edler seit 2021 lebt, mag er, „dass wir viel gemeinschaftlich machen und man mit den Betreuern reden kann, wenn etwas ist.“ Er erzählt, dass er anders als in der alten WG auch endlich mitentscheiden könne, wenn jemand Neues einzieht.
Aufwachsen: Geboren ist Louis Edler 1988 in Ludwigsfelde. Aufgewachsen mit vier Geschwistern. Edler erinnert sich gern an den Garten, an Marienkäfer. Mit 15 begann er, Klavier zu spielen. Als seine erste Klavierlehrerin weggezogen war, unterrichtete ihn ein Musiker aus einer Punkband in Keyboard und Gitarre. „Der war für mich wie ein enger Freund. Ich habe eine besondere Verbindung zu ihm gehabt.“ Später hätten sie sich jedoch aus den Augen verloren. „Ich konnte das nicht fassen.“ Die Zeit damals sei für ihn ohnehin nicht leicht gewesen.
Schulzeit: Edler besuchte ab 1995 eine Förderschule in Groß Schulzendorf. „Ich hatte mal echt tolle Momente gehabt, die ersten Jahre war es noch eine sehr harmonische Klasse gewesen.“ Er sei später von Mitschülern „krass gemobbt worden“, erzählt er. „Weil ich die und die Beeinträchtigung habe, weil ich anders bin.“ Sein Selbstbewusstsein sei „sehr stark im Keller gewesen. Ich wusste seitdem nicht mehr, wie ich den Mut fassen soll, auf die Leute zuzugehen.“ Auf die Frage, ob er eigentlich etwas darüber sagen möchte, wie er beeinträchtigt sei, sagt er später: „lieber nicht“.
Glauben: Am Ende der Schulzeit gab es eine Abschiedsfeier „mit Anzug und Krawatte“, „Büfett mit Lachs“. „Da war alles sehr vornehm.“ An einen besonderen Moment erinnert Edler sich genau: „Dann kam eine Schülerin, die mich auch geärgert hatte, und die hat gesagt: ‚Du siehst so schön aus, dass ich mich in dich verlieben würde.‘ Das war der schönste Satz, den ich jemals gehört hatte. Und dann ging’s zur Werkstatt nach Ludwigsfelde.“
Werkstatt: Edler erzählt von seinem Praktikum. „Da habe ich irgendwelche Montagearbeiten gemacht, irgendwelche Medikamententaschen gemacht, Briefumschläge geklebt und Schrauben sortiert.“ In der Werkstatt, in der er schließlich drei Jahre arbeitete, habe er auch die Mitschüler, die ihn gemobbt hatten, wiedergetroffen. Er habe sich wie in einem „Labyrinth“ gefühlt, sich gefragt: „Ist das überhaupt das Leben, das ich wollte? Meine Seele sagte: Das kann so nicht gehen. Und im Praktikumsbericht wurde dann geschrieben: Ihm machte die Arbeit Spaß.“
Schreiben: „Ich dachte, ich bin in einem Teufelskreis gefangen. Ich war in einer ganz krassen Leere gewesen.“ Später arbeitete Edler in Berlin in einer Küche. Er habe in der Zeit Songtexte über den Alltag geschrieben. Als er einmal bei der Arbeit vor dem Geschirrspüler stand, habe er an seinen Gitarrenlehrer von früher gedacht. „Ich habe mich gefragt: Was will ich überhaupt? Und was kann ich?“
Theater: „Irgendwann kam ich zum Theater Rambazamba.“ Das inklusive Theater liegt im Berliner Ortsteil Prenzlauer Berg. Edler erinnert sich an ein Stück, „das mit Shakespeare zu tun hatte“. Edler machte dort ein Praktikum, konnte seinen Talenten und Leidenschaften nachgehen. Ihm gefiel das Umfeld. „Die Leute waren nett gewesen.“ Was ihm rückblickend gefehlt habe, sagt er, sei das freiere Improvisieren und die vielen anderen Künste, die er heute beim Theater Thikwa ausüben könne.
Thikwa: Im inklusiven Theater Thikwa in Kreuzberg, wo er 2013 im Ensemble begann, ist Edler nicht nur Schauspieler, sondern gleichzeitig Tänzer, Musiker und Maler. „Wir sind sehr vielfältig. Wir machen sehr viel mit Musik und Tanz und malen sehr viele Bilder.“ Edler gefällt diese Abwechslung. „So entwickle ich mich immer weiter.“
Abstrakt: Eines seiner Vorbilder sei Picasso. Edler erinnert sich, wie er Bilder von ihm in einem Museum in Paris bestaunte. „Er hat auch dieses Bunte und diese abstrakten Formen.“
Zauber: Dass ihm neben dem Malen auch das Schauspielern liegt, wusste Edler früh. „In der Schulzeit gab es bei der Weihnachtsfeier ein Stück, das hieß ‚Frau Holle‘. Ich war die Frau Holle gewesen.“ Er spricht von einem „Zauber auf der Bühne“. Er habe sein Publikum „in den Bann ziehen können“. Edler wollte beweisen, wo seine „Fähigkeiten in der musikalischen und schauspielerischen Hinsicht liegen, wo ich merken konnte, da ist irgendwas, da ist mehr als irgendeine Träumerei“. Wenn man so ein starkes Gefühl habe, sei es wichtig, seiner Leidenschaft nachzugehen – auch wenn andere einem Fähigkeiten absprechen wollen, sagt er.
Rollen: Inzwischen hat Edler als Schauspieler verschiedene Rollen gespielt. Eine hat ihm besonders gefallen, die Hauptrolle „Dave“ im gleichnamigen Stück. Ein Außerirdischer. Besonders mochte er außerdem das Stück „OZ, OZ, OZ“, frei nach dem Stück „Der Zauberer von Oz“. „Da gab es den Löwen, einen Blechmann und die Vogelscheuche, alle hatten ein bestimmtes Ziel vor Augen. Der Blechmann wollte sein Herz. Und die Strohpuppe wollte, dass sie ein bisschen klüger ist. Und der Löwe wollte seine Angst überwinden.“
Entwicklung: Beim Schauspielern mag Edler, dass er sich „hineinversetzen kann“ in andere Rollen. „Da ist man in verschiedenen Situationen, auch in einer ganz anderen Zeit, das hat mit Emotionen und Trauer viel zu tun, auch mit Freude und Turbulenzen. Je nachdem, in welcher Situation man ist.“
Inklusion: Die Chance bei Thikwa sei „Gold wert“ gewesen. „Ich dachte immer: Ich hoffe, ich werde angenommen.“ Es sollte viel mehr Inklusion geben, auch in anderen Theatern, „dass Leute mit Beeinträchtigung es einfacher auf dem ersten Arbeitsmarkt haben, auch in anderen Betrieben.“ Er freue sich außerdem, bald ein Kunststudium zu beginnen: an der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee.
Miteinander: Derzeit beschäftigt ihn, „dass wir in hoch bewegten Zeiten leben“. Edler macht sich Sorgen, „dass das Miteinander in der Gesellschaft nicht mehr so ist wie früher, dass es immer mehr Gewalt gibt“, sagt er.
Lesen und Schreiben: Edler sagt, dass Menschen mit Beeinträchtigung viel mehr gefördert werden sollten. „In der Schule habe ich immer nur dasselbe gelernt, irgendwelche Buchstaben ausmalen. Ich habe immer gedacht: Was hat das alles mit Schule zu tun? Ich konnte nicht mal Lesen und Schreiben lernen.“ Geholfen hätten ihm seine Mutter, sein Vater und eine Studentin, die regelmäßig vorbeikam. Lesen und Schreiben seien jedoch „die wichtigsten Voraussetzungen des Lebensalltags“. Edler ist froh, dass seine Familie ihn so unterstützt hat. „Wenn das alles nicht gewesen wäre: Wo würde ich dann stehen?“
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