Der Hausbesuch: Frei und doch vereint

Die Zwillingsschwestern Traude und Iris Bührmann reisen gemeinsam durch dieses Leben. Schreibend, liebend und voller Kraft.

Die Zwillingsschwestern Traude und Iris Bührmann stehen auf ihrem Balkon

Traude Bührmann (rechts) und ihre Zwillingsschwester Iris auf dem Balkon ihrer Wohnung Foto: Stefanie Loos

Zwilling sein, ist etwas Besonderes. „Man ist nie verlassen“, sagt Traude Bührmann. Ihre Schwester Iris nickt.

Draußen: Wohnblocks, gebaut in den 1950er Jahren in Berlin-Schöneberg unweit des Viktoria-Luise-Platzes. Dort wirft ein Brunnen eine riesige Fontäne in die Höhe. Die uniformen, fast 70 Jahre alten Häuser haben inzwischen selbst Patina und so bescheidene Eleganz.

Drinnen: Arbeiten, Schlafen, Essen, Reden – alle Zimmer sind für alles da. Bücher, Bilder, Erinnerungsstücke von Reisen sind überall. Traude Bührmann und ihre Schwester sitzen mit Abstand an zwei Tischen wegen des Virus. Aber angesichts lebenslanger Zwillingszugewandtheit schmilzt Distanz schnell.

Der Anfang: Sie sind 1942 in Essen geboren. Mitten im Krieg. „Traude ist zehn Minuten älter“, erzählt Iris Bührmann. Das ist Zwillingen wichtig: die Ältere sein, die Jüngere sein. Niemand hatte mit dem zweiten Kind gerechnet. Der Arzt und die Hebamme hatten den Raum verlassen; da ging es wieder los. Die Mutter sei fast gestorben. „Einen Namen für mich gab es auch nicht“, sagt Iris.

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Zu zweit sein: Zweieiig seien sie. Aber aufgewachsen als Einheit. „Die Mutter hat uns in gleiche Klamotten gesteckt.“ Selbst den jüngeren Bruder habe sie so angezogen, „als wären wir Drillinge“. Die Mutter war streng, kam aus bäuerlichem Milieu. „Ihr könnt das nicht“, soll sie oft zu den Mädchen gesagt haben. Der Vater starb früh.

Sich haben: „Wir hatten lange einen gemeinsamen Lebensweg“, sagt Iris Bührmann. Erst machten sie Mittlere Reife, dann beide eine Lehre in Industriebetrieben in Bochum. Wenn der VfL Bochum gewonnen hatte, wurden Kisten mit Bier angeschleppt für die Männer; die Frauen tranken Eckes Edelkirsch. „Und, keine Einzelheiten, wie die uns behandelt haben“, sagt Traude. „Das wurde uns schnell zu eng“, sagt ihre Schwester.

Ansicht einer Häuserfassade in Berlin-Schöneberg

Die schlichte Eleganz eines 70 Jahre alten Wohnblocks Foto: Stefanie Loos

Weiter gehen: Abends lernten sie Englisch an der Volkshochschule. Und 1960 gingen sie als Au-pairs nach England. Iris arbeitete bei einem Naturfreak, der mit Schirm und Melone ins Büro kam. Im Winter holte sie sich Frostbeulen, weil das Haus nicht geheizt wurde. Dass sie Deutsche waren, war kein Thema, obwohl der Krieg noch nicht lange vorbei war. Anschließend waren sie ein Jahr lang Au-pairs in Paris. Sie saßen an der Seine und die Welt sei so voller Schönheit gewesen. „So fing das Reisen an“, sagt Traude Bührmann.

Bei der Lufthansa: „Wir wollten auf keinen Fall zurück ins Büro“, sagt Iris. Deshalb bewarben sie sich bei der Lufthansa und bekamen Jobs beim Bodenpersonal am Flughafen in Düsseldorf. Sie tauschten Schichten, legten Tage zusammen, damit sie, das war ihr Begehren, länger am Stück reisen konnten. Für sie waren Flugtickets wegen ihres Jobs billig. Ihre erste Reise ging 1966 nach Kreta. Sie wollten die Höhlen von Matala besichtigen, meinten, das sei ein historisches Denkmal. Aber die Höhlen waren von Hippies bewohnt. „Und ach du meine Güte, wir kamen mit unseren Lufthansa-Taschen“, sagt Traude Bührmann. Ihre erste Fernreise ging nach Bangkok, Hongkong und Bali. Dort trampten sie über die Insel. „Was für eine schöne Landschaft“, sagt Traude. „Was für schöne Menschen“, sagt ihre Schwester.

Eine geht voraus: Während Traude, die zehn Minuten Ältere, weiter bei der Lufthansa blieb, ging Iris Bührmann 1968 mit dem Deutschen Entwicklungsdienst nach Nepal. Die Erfahrung des Fremden, des anderen, und der Gedanke, dass sie die Fremde im anderen sein könnte, lockten sie. Sie fing im Büro des Entwicklungsdiensts an. „Wir waren alle gleich, alle haben 500 Mark verdient.“ Es sei die Zeit gewesen, als Hierarchien infrage gestellt wurden. Es sei der Anfang ihrer Politisierung gewesen. Iris blieb zwei Jahre in Nepal, während Traude weiter am Flughafen arbeitete. Bald fragte die sich: „Ach nee, das soll alles gewesen sein im Leben?“

Journalismus: Traude schrieb sich für einen Fernkurs in Journalismus ein, kündigte, besucht ihre Schwester in Nepal, hielt sich mit journalistischen Arbeiten über Wasser und blieb. Iris fuhr 1971 mit einem Freund im Minibus über Land zurück, durch Indien, Afghanistan, Pakistan. Zwei Jahre später tat Traude es ihrer Schwester gleich. „Wir haben Landschaften gesehen, die heute zerstört sind“, sagt sie. Auf Fotos von Traude Bührmanns Reisen fällt auf, dass sie vor allem Frauen ins Bild setzte.

Bildung: Zurück in Deutschland holte Iris das Abitur nach und begann 1973 ein Germanistik- und Amerikanistikstudium in Berlin. Bei Wolfgang Fritz Haug belegte sie die legendären Kapitalkurse. „Da habe ich am meisten gelernt.“ Auch Traude ging in Berlin zur Uni, mit Begabtenabitur. Ihr Fach: Soziologie. Studieren allerdings war in der Zeit mehr: Die Aufbruchsbewegungen nahmen Fahrt auf. Beide waren begeistert von den lateinamerikanischen Befreiungsbewegungen, Traude auch vom Feminismus und dem Kampf der Homosexuellen.

Und weiter: Während des Studiums ging Iris Bührmann in die USA, unterrichtete deutsche Grammatik. Ihre zehn Minuten ältere Schwester reiste wieder, Afrika, Lateinamerika. Sie schrieb einen Artikel über die erste Frauendemonstration in Ecuador, schickte ihn an die feministische Zeitschrift Courage, die 1976 gegründet worden war, und wurde gefragt, ob sie mitmachen möchte. Sie wollte.

Liebe: Für die Courage schrieb Traude Bührmann auch über die in Berlin-Moabit im Hochsicherheitstrakt einsitzenden Frauen des 2. Juni. „Besuch mich doch, ich bin immer zu Hause“, sagt eine zu ihr. Traude tat es, alle zwei Wochen eine halbe Stunde. Die beiden verliebten sich. In Bührmanns Buch „Flüge über Moabiter Mauern“, geht es um diese Liebe, die noch eine Weile andauerte, als die Geliebte wieder frei war. Ihre Schwester sah das mit der Liebe anders. „Ich habe mich immer mehr so als alleinstehende Frau begriffen“, sagt sie.

Berlin: 1977 kam Iris Bührmann aus den USA zurück und wurde Lehrerin am Charlotte-Wolff-Kolleg, einer Schule für Erwachsene. Traude schrieb, engagierte sich in der Frauen- und Lesbenbewegung in Berlin, organisierte Kulturräume, Projekte, Ausstellungen, Literaturevents. Und dann lernte sie auf der feministischen Buchmesse in Montreal 1988 Suzette Robichon kennen, ihre Lebensgefährtin. Sie wohnte in Paris. Das beflügelte.

Was Neues machen: „Ach, jetzt muss ich mich mal verändern“, sagte Traude, als sie 50 wurde. Sie fragte eine Freundin, die in der Provence lebt: „Kann ich kommen?“ Sie konnte. Fortan pendelte sie zwischen Paris und dem französischen Süden. Immer schreibend, übersetzend, Ideen entwickelnd. Und oft prekär. „Ich hatte nie das Gefühl, auf etwas verzichten zu müssen“, sagt sie. „Die Nachkriegserfahrung ist da hilfreich. Die Durchschlagementalität. Ich hatte keine Angst.“ Und ihre Schwester: „Das ist bei mir anders. Ich war froh, einen Job zu haben.“

Neues im Alten: „Nach ein paar Jahren wurde es mir in Paris zu eng“, sagt Traude Bührmann. Mit dem Schreiben, dem Veröffentlichen, den zwei Sprachen – es war kompliziert. Sie kam zurück, machte, was sie vorher auch tat, organisierte Kultur­events, war dabei, als der Lesbenchor Spreediven gegründet wurde, organisierte Gedenkveranstaltungen für vergessene Frauenrechtlerinnen, schrieb Bücher. „Fünfzehn mindestens.“ Zuletzt wurden ihre Reiseerinnerungen veröffentlicht. „In die Welt hinaus; in die Welt hinein“, ist der Titel. „Ein halbes Jahrhundert meiner Reisen zusammengetragen, ein Vermächtnis an die Frauenbewegungen“, sagt sie. Das Buch zeigt: Es gibt eine weibliche Ästhetik.

Attac: Während Traude sich in der lesbisch-feministischen Bewegung verwurzelte, ging Iris in den sozialen Bewegungen auf. Sie schloss sich Attac an, setzte sich gegen die Privatisierung der Bahn ein, war beim Kampf gegen Gentechnik auf Äckern dabei, derzeit treibt sie die Unmenschlichkeit der EU um, die Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken lässt. Sie wohnt in einem Hausprojekt mit Gleichgesinnten. „Ich wollte einen Ort finden zum Leben. Ohne Autos. Ich bin gegen Autos“, sagt sie.

Und, war es das? Iris Bührmann denkt jetzt oft über das Sterben nach. Wie sie selbstbestimmt sein kann, auch über den Tod hinaus. Und Traude sorgt ganz praktisch dafür, dass sich zwölf Frauen finden, die eine Patenschaft für ein historisches Grab auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin übernehmen. Später dann werden sie dort, in dieser Lesben-Grab-WG, auch beerdigt. „Bisher ist noch keine eingezogen“, sagt Traude Bührmann.

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