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Partyboote shippern vorbei, wenn im Radialsystem an der Spree Musiktheater, Konzerte und Tanz neue Formen ausprobiert werden. Jetzt feiert das Kulturhaus sein 20-jähriges Bestehen

Von Katrin Bettina Müller

Die Kinder und der Wind müssen mitspielen, wenn das Radialsystem in Berlin sein 20-jähriges Bestehen als Ort der Künste feiert. Denn luftgefüllte Skulpturen aus Stoff, die auf den Wind und die Sonnenwärme reagieren, sind Teil der Performance „Greyline“ der Choreografin und Künstlerin Renae Shadler. Was unsichtbar ist, wie die Luft, die uns umgibt und die wir mit allen teilen, wird zum Bild. Die Bewegungen von fünf Per­for­me­r:in­nen verflechten sich mit denen der Skulpturen.

Für das Jubiläum des Radialsystems hat Daniella Strasfogel eine Fassung für Kinder erarbeitet, um mit der Performance das alte Pumphaus an der Spree und seine Umgebung zu erkunden. Strasfogel ist die Initiatorin der Reihe „Schrumpf“, die von anspruchsvollen Performances Versionen für Kinder erarbeitet. Aber auch für Erwachsene ist es erhellend und macht Spaß, den „Schrumpf“-Versionen zu folgen.

Auch Sasha Waltz & Guests haben seit mehr als 15 Jahren eine Kinder- und Jugendcompany, die einen Workshop geben wird, wenn es am Samstag, dem 12. September, heißt „Radialsystem für alle“. Der Gedanke an die nächsten Generationen von Künst­le­r*in­nen und Zuschauenden ist immer wieder gegenwärtig im Programm des Radialsystems.

Ende August zeigte Sasha Waltz dort ein Doppelprogramm von einer frühen und einer neuen Choreografie. Das 30 Jahre alte Stück „Zweiland“ wurde mit einer neuen Besetzung getanzt, eine Form von Repertoire-Erhalt und Weitergabe. „Zweiland“ ist geprägt von kuriosen Bildern, schnell ineinandergleitenden Szenen, von Slapstick und Groteske. Anekdotisch, narrativ und witzig sind die Szenen, während einzelne Lieder eher von Romantik und Melancholie zeugen.

Wie mit einem Messer hackt eine Tänzerin auf dem Tisch mit den Absätzen ihrer Stilettos nach den Händen eines Mannes, der sie immer nur knapp wegzieht; ein Flirt auf des Messers Schneide. Frauen halten sich an ihren Zöpfen und ziehen sich damit in Drehungen hinein, Tänzer werden wie Puppen bewegt und auch etwas gequält, was aufgebaut wird, fällt gleich wieder um. Risikoreiche Spiele, Verwandlungs- und Erfindungslust treiben das Stück an, das nicht selten an einen Jahrmarkt erinnert.

Gegenüber diesem bilderreichen Tanztheater glich die neue Produktion „for the time being“, in der Waltz selbst nach langer Zeit wieder mit acht Per­for­me­r*in­nen auftrat, einer Lecture darüber, wie Tanz aus Tanz entsteht, aus der Improvisation und der Reaktion aufeinander und auf eine fordernde Musik.

Sasha Waltz & Guests waren schon dabei, als das Radialsystem vor zwanzig Jahren gegründet wurde

Die Komposition von Diego Noguera, der selbst am elektronischen Pult stand, flutete den Raum mit engmaschigen Informationen und dichten Spannungen, die selbst den Zuhörenden das Stillsitzen schwer machten. Nicht selten hielt man den Atem an vor Spannung. Impulse wie Schutz suchen, Gemeinschaften bilden, sich gegen den Druck stemmen konnte man in den tänzerischen Begegnungen ebenso entdecken wie Positionen der Einsamkeit und/oder der Sturheit. Beeindruckend war, wie unterschiedlich die Körper die Dynamik des Sounds interpretierten.

Sasha Waltz & Guests waren schon dabei, als das Radialsystem vor zwanzig Jahren von Jochen Sandig, unter anderem der Produzent und Dramaturg von Sasha Waltz, und Folkert Uhde, Musikmanager und Spezialist für Alte Musik, gegründet wurde. Anfangs wurde das alte Pumpwerk an der Spree von einem privaten Investor gemietet. Das Radialsystem bekam bis 2018 keine institutionelle Förderung; mit Vermietungen für unternehmerische und politische Events versuchten sie neben dem Kulturprogramm die Kosten hereinzuspielen. 2018 kaufte der Senat das Haus, der alte Mietvertrag lief weiter; demnächst steht ein neuer an. Seit 2017 erhält das Radialsystem eine Förderung der Infrastruktur für die Zeit, in der es als Kulturort genutzt wird, etwa sieben Monate im Jahr. Doch auch die Vermietungen müssen weiter laufen und decken etwa ein Drittel der Kosten.

Damit hat das Radialsystem noch keine eigenen Produktionsmittel. Die muss es für seine Programme einwerben, das beschäftigt es beinahe täglich. Und die auftretenden Künst­le­r*in­nen müssen Förderung mitbringen. Dafür werden sie dann mit Öffentlichkeitsarbeit, Marketing und technischer Umsetzung unterstützt, wie Matthias Mohr, seit acht Jahren künstlerischer Leiter, erzählt. Das Haus gilt als Ankerinstitution, die Förderung der Infrastruktur ist mit der Aufgabe verbunden, Künst­le­r*in­nen aus der Freien Szene Berlins eine Bühne bieten.

Oft begleitet Livemusik die Tanzstücke im Radialsystem, zum Beispiel „In C“ von Sasha Waltz, Teil des Festprogramms, mit Minimalmusik von Terry Riley. Oder Konzerte wandeln sich in Installationen, die die Zuhörenden selbst in Bewegung setzen und das Hören körperlich intensivieren. Zwei der Musikensembles, die im Feierprogramm auftreten, das Solistenensemble Kaleidoskop und das Andromeda Mega Express Orchester, bestehen ebenfalls seit zwanzig Jahren und sind dem Radialsystem schon lange verbunden.

Ein Höhepunkt wird die Deutschlandpremiere von Heiner Goebbels Komposition „Walden“ sein, vom Solistenensemble Kaleidoskop und dem Ensemble Klang aus Den Haag interpretiert. „Walden“ entstand 1998 und wird nur selten aufgeführt. Schon das Arsenal der Instrumente ist ungewöhnlich, darunter ein Steel Cello und eine Bow Chimes. Beide Instrumente entwickelte Bob Rutman, ein lange in Berlin lebenden amerikanischer Künstler, der zwischen bildender Kunst, Installation und Musik wandelte und vor seinem Tod in den Aufführungen von „Walden“ mitspielte.

Er las auch Auszüge aus Thoreaus Text, etwa über die Reduktion aller Dinge des täglichen Bedarfs in der selbstgebauten Blockhütte. Oder über die Erhabenheit der Landschaft, den Wechsel der Jahreszeiten, den distanzierten Blick auf das, was einmal sein social live war, und über die geschärften Sinneswahrnehmungen in seiner Zeit im Wald. Diese Rolle hat jetzt Keir Neuringer vom Ensemble Klang übernommen, der auch Vogelstimmen imitiert und Geräusche wie Schlagen auf Holz oder Rieseln von Steinchen einbringt.

Die Spannung zwischen dem Rückzug, von dem der Text erzählt, und der Offenheit für neue Erfahrungen ist aufregend zu spüren in diesem Orchesterwerk. Manchmal dringt ein jazziger Rhythmus durch, manchmal erlaubt die Klanglandschaft sich, den Blick in die Weite und in die Unendlichkeit zu imaginieren. Aber es kann auch unheimlich werden und beängstigend, wenn ein Ton wie von Sirenen alles beherrscht.

Ein bisschen schräg, ein bisschen wild, manchmal anarchistisch; oft aber auch kulturbeflissen und gebildet – das ist eine Mischung, die viele Projekte im Radialsystem ausgezeichnet hat. Viele, die über die Jahre hinweg hier auftraten, sind hier mit anderen Künst­le­r*in­nen zum Experimentieren zusammengekommen. 20 Jahre Radialsystem erzählen deshalb auch von Beziehungen, die hier gewachsen sind. Dabei treten auch alte und neue Avantgarden in einen Dialog. Im Frühsommer trat Germaine Acogny auf, eine Pionierin des afrikanischen Tanzes, die auf ihre Geschichte und die ihres Vaters zurückblickte. Das war auch der Auftakt zu einer diskursiven Reihe, die sich mit dem Wissen des Körpers und der Dekolonisierung des Körpers im Tanz beschäftigt.

20 Jahre Radialsystem, 9. bis 12. September

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