piwik no script img

Demokratiemonitor 2026Die Idee finden viele gut, die Praxis nicht

Ein Großteil der Bür­ge­r:in­nen möchte an der Demokratie festhalten, zeigt eine neue Studie. In der Praxis sind aber die wenigsten richtig zufrieden.

Der Bundesadler fliegt weiter: Eine Studie verzeichnet hohe Zustimmung für die Demokratie als Deutschlands Staatsform Foto: Carsten Koall/dpa

Es darf ja auch mal gute Nachrichten geben: Die viel beschworene Vertrauenskrise der Demokratie ist offenbar weniger gravierend, als Schlagzeilen, Talkshows und AfD-Wahlergebnisse vermuten lassen. Darauf deuten zumindest die Ergebnisse des „Demokratiemonitors 2026“ der gemeinnützigen Bertelsmann Stiftung hin. Darin nämlich zeigt sich: Auch wenn viele Bür­ge­r:in­nen mit dem Funktionieren der deutschen Demokratie in der Praxis unzufrieden sind, hat dies keinerlei Auswirkungen auf die grundsätzliche Akzeptanz der Demokratie als Staatsform.

Im Schnitt identifizieren sich 82 Prozent der Befragten mit den Werten, Regeln und Institutionen der Demokratie, darunter freie Wahlen, Gewaltenteilung und Bürgerrechte. Gleichzeitig sind aber nur 29 Prozent der Ansicht, dass das Ganze in der Praxis auch gut klappt. Eine große Kluft, die laut den Au­to­r:in­nen des Demokratiemonitors aber Mut machen sollte. „Das Fundament der liberalen Demokratie in Deutschland ist und bleibt stabil“, lautet das Fazit der Studie.

Einen Vergleichswert bietet eine Vorgängerstudie aus dem Jahr 2019. In den sieben Jahren seit dem letzten Demokratiemonitor ist die Zustimmung zur Demokratie als Staatsform leicht gestiehen. Und das trotz Pandemie, Energiekrise und dem Bruch der Ampelregierung. Die Forschenden sehen daher keinerlei Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen politischer Unzufriedenheit und einer Abkehr von der Demokratie.

In anderen Worten: Weder ein unbekanntes Virus noch die Streitereien der Ampel oder das Rekordtief in Friedrich Merz' Umfragewerten haben dem Ansehen der Demokratie als Solche geschadet.

Die Demokratie ist nicht in einer Vertrauenskrise

Robert Vehrkamp, Mitautor der Studie, zeigte sich selbst überrascht von den „enorm hohen“ Zustimmungswerten zu demokratischen Grundwerten – aus seiner Sicht sei das ein klares Zeichen für die Widerstandsfähigkeit der Demokratie. Der Demokratieforscher warnt davor, von einer Krise zu sprechen, sobald sich Unzufriedenheit mit der Regierung zeigt.

„Wer bewusst kritisch mit dem Funktionieren der Demokratie unmgeht, hat in der Regel auch konkretere Vorstellungen was besser laufen könnte“, betont Vehrkamp. Vielmehr als eine Vertrauenskrise der Demokratie zeigten die Ergebnisse ein realistisches Demokratieverständnis in der Bevölkerung, wonach das Ideal in der Praxis oft nicht ganz realisierbar sei.

Trotz positivem Fazit wollen die Au­to­r:in­nen die weit verbreitete Kritik an demokratischer Praxis nicht einfach so vom Tisch wischen. Der Demokratiemonitor verzeichnet insbesondere bei politischer Teilhabe jenseits von Wahlen und bei den Parteien deutlich Luft nach oben – mit Zustimmungswerten von lediglich 15 und 17 Prozent. Viele Befragte äußerten den Eindruck, nur wenig Einfluss auf das politische Geschehen und Parteiprogramme nehmen zu können.

„Die Ergebnisse sind noch lange kein politisches Ruhekissen“, warnt deshalb Vehrkamp. Im Gegenteil: Sie zeigten einen klaren Handlungsbedarf.

Berlin-Monitor verzeichnet antidemokratische Tendenzen

Dass die grundlegende Zustimmung zu der Demokratie als Staatsform jedoch nicht unbedingt die Abkehr von antidemokratischen Alternativen bedeutet, zeigte jüngst der „Berlin-Monitor“ der Universität Leipzig, der trotz ähnlichem Namen nichts mit dem Demokratiemonitor zu tun hat.

Demnach empfinden 86 Prozent der Ber­li­ne­r:in­nen die Demokratie zwar als das beste System für Deutschland, ähnlich den Ergebnissen der Bertelsmann Stiftung. Gleichzeitig gaben aber auch 40 Prozent der befragten Ber­li­ne­r:in­nen an, dass sie sich ebenfalls mit einer autoritären Staatsform zufriedengeben würden.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare