: Dem Krieg wegfahren
Die ukrainische Frauennationalmannschaft im Radsport trainiert in Italien. Ihre Rennen bestreitet sie in ganz Europa. Doch die Probleme sind groß
Aus Brno Tom Mustroph
Der Krieg geht weiter, aber das Leben auch. Die ukrainische Frauennationalmannschaft im Straßenradsport hat seit 2022 eine provisorische Heimstatt im italienischen l’Aquila gefunden. Dort leben und trainieren die Athletinnen und ihr Coach Sergiy Grechyn. Und von dort aus brechen sie auch auf zu Rennen. In der vergangenen Woche nahmen sie an der Tour de Feminin teil, einem Etappenrennen in Tschechien.
„Es ist hart für mich“, sagt Daryna Nahuliak. Die 23-Jährige gilt als eines der interessantesten Radsporttalente der Ukraine. Sich komplett auf die sportliche Karriere zu konzentrieren, fällt ihr aber schwer. „Ich kann jetzt zwar in einem freien Land leben, aber meine Familie ist weiter in der Ukraine“, sagt mit leiser Stimme. Das belastet. Hinzu kommt, dass ihr Mann in Polen lebt. „Ich pendele jetzt zwischen drei Ländern, Italien, wo ich lebe, Polen, wo ich meinen Mann besuche, zuletzt zweimal in drei Monaten, und der Ukraine“, beschreibt sie ihre Lage.
Immerhin, mit dem Training in Italien klappt es inzwischen gut. Kurz nach Ausbruch des russischen Kriegs gegen die Ukraine gab es zwar schnell Unterstützung durch den italienischen Radsportverband. Er nahm die ukrainische Nationalmannschaft, die zu Kriegsbeginn bei einem Rennen in der Türkei weilte, auf und vermittelte den neuen Standort.
Es mangelte allerdings an vielem, vor allem an Material. „Ich schäme mich manchmal, in den Fahrradladen zu kommen“, erzählte Sergiy Grechyn 2023 in einem Interview. „Ich gehe zum Mechaniker und zeige auf die Kiste, die mit ‚Müll‘ gekennzeichnet ist. Es sind Ketten, Kassetten und andere benutzte Fahrradteile drin. Ich sage: ‚Du wirfst diese Kiste bitte nicht weg, ich nehme sie mit‘.“
Das habe sich mittlerweile gebessert, sagt Grechyn drei Jahre später. Vor allem Marken wie Specialized, DTSwiss und Vittoria hätten geholfen. „Ohne sie könnten wir gar nicht auf Rädern losfahren“, meint Grechyn. Für die Benzinkosten der Autos kommt der ukrainische Verband auf. Er bezahlt ebenfalls Grechyns Trainergehalt.
Sportlich passt der frühere Profi, dessen größter Erfolg 2013 der Gesamtsieg bei der Aserbaidschan-Rundfahrt war, die Ambitionen den Bedingungen an. „Natürlich wollen wir immer gewinnen. Aber es fehlt eben an vielen Stellen, am Material etwa, an der Ernährung wie auch an Rennen. Aber die Mentalität ist da. Trotz aller Probleme wollen die Frauen und Mädchen ihre beste Leistung zeigen.“
Daryna Nahuliak strebte in Tschechien vor ein paar Tagen sogar den Etappensieg an. „Ich hoffte, dass ich in die Fluchtgruppe komme und so gewinne“, sagte sie lachend. Sie meinte aber auch: „Das Feld hier ist richtig stark. Und es handelt sich in dieser Saison auch um mein allererstes Etappenrennen überhaupt.“ Sie beendete dann nicht einmal die Etappe.
Die Möglichkeiten, in Ländern ohne Krieg trainieren und Rennen fahren zu können, spornt Grechyn und die von ihm betreuten Sportlerinnen natürlich an. Die Gedanken an die Heimat begleiten und beschweren sie aber auch. „Wir können uns davon nicht wirklich befreien. Wir denken an unsere Familien und Freunde, an alle, die zu Hause sind. Einige der Frauen hier haben auch komplett ihr Zuhause verloren. Eine von uns wohnte zehn Kilometer von der Frontlinie entfernt. Da ist alles zerbombt“, sagt Grechyn.
Daryna Nahuliak
Nahuliak erlebte den Kriegsbeginn in der Ukraine. Sie war in einem Trainingslager und kehrte wenige Tage nach dem Angriff in ihre Heimatstadt Khmelnytskyi zurück. „Zwei Raketen schlugen in das Haus mir gegenüber ein, das Haus brannte, alle waren in Panik“, schilderte sie die Situation. Auch jetzt, im Mai 2026, ist die westukrainische Stadt immer wieder Ziel russischer Drohnen.
Mittlerweile im Ausland Rennen fahren zu können, bedeutet ihr viel. „Es ist eine starke Motivation, auch gute Leistungen zu zeigen“, sagt sie. Die Herausforderung für sie und ihre Kolleginnen ist, das Mehr an Motivation, das sie gegenüber der Konkurrenz haben, mit dem Weniger an Equipment und Rennpraxis derart in Einklang zu bringen, dass herausragende Leistungen zustande kommen.
2023 immerhin gewann Teamkollegin Kulynych die Tour de Feminin. Und eine andere Teamkollegin, die erst 19-jährige Milena Ushakova, hat es mittlerweile ins Development Team von Tadej Pogačars Rennstall UAE Emirates geschafft. Sportliche Lichtblicke im politischen Dunkel.
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