Debütband von Ana Schnabl: Beobachterin der Abgründe

Die slowenische Autorin Ana Schnabl schreibt über Menschen in der Krise. „Grün wie ich dich liebe grün“ erzählt von Sucht und Depressionen.

Gesicht einer jungen Frau mit blonden Haaren

Autorin Ana Schnabl begleitet ihre Protagonist*innen sprachlich brillant in ihren dunkelsten Stunden Foto: Matej Pušnik

„Grün wie ich dich liebe grün“ heißt es in der Übersetzung eines Gedichts von Federico García Lorca, das zu den bekanntesten des spanischen Dichters gehört. Grün, heißt es in einem Aufsatz der US-amerikanischen Professorin Frieda Blackwell, stünde dort als Zeichen des Lebens, der Fruchtbarkeit und der Attraktivität – aber auch als Symbol der Frustration und des verbotenen Begehrens. Als Letzteres nimmt es die Schriftstellerin Ana Schnabl in einer ihrer Geschichten auf.

„Als er den Kopf hob, richteten sich seine durchdringenden grünen Augen direkt auf mich. Tief auf mich“, beschreibt die Ich-Erzählerin Eva ihre Begegnung mit Lev. Ein Blick besiegelt, worum es auf den folgenden Seiten gehen wird: die Erfüllung einer sexuellen Sehnsucht, für die Eva ihre Ehe riskiert und deren Dringlichkeit ebenso schnell abklingt, wie sie aufkam. „Zwischen uns vermochte sich auch jetzt kein Gespräch zu entwickeln, nach der offengelegten Leidenschaft.“

Eva ist nur eine von vielen Protagonist*innen im Debüt der slowenischen Autorin Ana Schnabl, in dem sie insgesamt zehn unterschiedlich lange Geschichten versammelt. Schnabl, die 1985 in Ljubljana geboren wurde, beschreibt sich im Gespräch selbst als Beobachterin: „Ich bin kein besonders sozialer Mensch, ich habe nicht viel mit der Welt zu tun, aber ich beobachte sie oft von außen.“

Das Observieren und Analysieren hat sie zur Profession gemacht, promoviert sie doch gerade in psychoanalytischer Theo­rie. Auch in ihrem Buch, das den von Lorca inspirierten Titel „Grün wie ich dich liebe grün“ trägt, macht sich Schnabl ihre Leidenschaft zunutze. Sprachlich brillant seziert sie Schicht um Schicht ihrer Charaktere, bis deren Ängste und Abgründe vollends sichtbar werden.

Abweichungen vermeintlicher Normen

Der Ehebruch in der titelgebenden Geschichte ist dabei die harmloseste Abweichung von einer vermeintlichen Norm. Schnabls Figuren befinden sich alle auf ihre Weise in einer Krise. Gebeutelt von Störungen und Süchten, aber auch von bloßer Scham und von Minderwertigkeitskomplexen, versuchen sie ihren Alltag zu bewältigen.

Ana Schnabl: „Grün wie ich dich liebe grün“. Aus dem Slowe­nischen von Klaus Detlef Olof.Folio Verlag, Bozen 2020, 176 Seiten, 20 Euro

Wie schwer das sein kann, zeigt die erste Geschichte „Trittico“, in der eine namenlose junge Frau in der Warteschlange einer Apotheke steht. Sie leidet an Depressionen (der Titel bezieht sich auf ein Medikament zur Behandlung dieser Krankheit), gepaart mit Angststörungen, die den scheinbar banalen Akt des Anstehens zur Kür werden lassen.

Umtrieben von Selbsthass vergleicht sie sich mit den Umstehenden, stets die persönlich empfundene Unzulänglichkeit im Bewusstsein: „Herzlich gern würde ich die fettige Strähne unter der Achsel wegziehen, aber ich fürchte, dass ich dazu den Arm heben, den Schweißring entblößen müsste, und gleichzeitig würde die katzenhaft attraktive junge Frau vor mir mitbekommen, wie viel Mühe ich investiere, um anständig auszusehen.“

Durch die Ich-Perspektive, aus der Schnabl ihre Geschichten erzählt, kommt man den Protagonist*innen fast schon unangenehm nahe. Denn identifizieren möchte man sich eigentlich nicht mit deren oftmals beklemmenden Umständen.

Brutale, schwer zu ertragende Ehrlichkeit

Wie in „Das Kind“, wo eine frisch gebackene Mutter ihr Neugeborenes nicht zu lieben vermag: „Seine kurzen Glieder ragten in den Raum und wanden sich grotesk, seine Haut war fettig, blutig, ekelig. Es schrie, röchelte, atmete.“ Für den*die Leser*in ist die brutale Ehrlichkeit in Schnabls Erzählungen zuweilen schwer zu ertragen.

Und doch ist man ständig fasziniert von diesen Figuren – meist Frauen –, die so gut um ihren jeweiligen desolaten Zustand wissen, ihn reflektieren und analysieren, sich daraus aber nicht befreien können. Schnabl ist ihnen stets nah, immer verständnisvoll, nie moralisierend oder verurteilend begleitet sie sie in ihren dunkelsten Stunden. Für die an postnataler Depression Erkrankte bedeutet das schlussendlich ein Aufenthalt in der Psychiatrie, für eine unter Magersucht leidende Jugendliche sogar den Tod.

Weniger hart trifft es den Protagonisten der mit knapp 60 Seiten längsten Geschichte. Der junge Mann ist exzessiver Kiffer und pflegt seine Leidenschaft so gründlich, dass ihm kein produktiver Alltag möglich ist. Als seine Freundin sich dessen bewusst wird, muss er aus der gemeinsamen Wohnung aus- und wieder zurück nach Hause ziehen.

Anerkennung fremd erscheinender Verhaltensweisen

Während in den übrigen Geschichten neben Ablehnung auch immer Zuneigung – zumindest aber Mitleid – mit den Unglückseligen aufkommt, gelingt es Schnabl hier nicht, Empathie für diesen Stoner zu wecken.

Denn statt sich eine Veränderung auch nur zu wünschen, suhlt der sich lieber in seiner Sucht – was in etwas zu langatmigen, fast einseitigen Ausführungen mündet. Und doch verfügt auch dieser Charakter über ein erstaunliches Maß an Selbstreflexion: „[Sie wissen], dass die treibende Kraft des zentralen Problems meine extreme Verwöhntheit ist, aufgepfropft auf ein Muster extremer Verantwortungsverweigerung.“

Alles, was Empörung und Unverständnis auszulösen droht, nimmt Schnabl so vorweg und offenbart der*dem Lesenden, was sie*ihn an den Erzählungen am meisten fordert: das Anerkennen fremd erscheinender Verhaltensweisen.

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