Debütalbum von Rapper Kay Shanghai: Der Solitär hat es schwer

Auf seinem Album „Haram“ zeigt sich Kay Shanghai als einer der ersten offen schwulen deutschsprachigen Rapper. Es ist Feier und Schmerz zugleich.

Der Rapper Kay Shanghai sitzt in einer Turnhalle auf einem Sprungkasten.

Der Rapper Kay Shanghai erzählt ohne Attitüde Foto: Fabien Holzer

John Waters hat mal gesagt, er dankt dem lieben Gott auf Knien, dass er schwul und katholisch ist“, sagt Kay Shanghai, „so wird Sex immer dreckig für ihn sein.“ Shanghai muss es wissen. Denn er ist selbst im katholisch geprägten Westdeutschland aufgewachsen, in Mülheim an der Ruhr besuchte er ein katholisches Gymnasium für Knaben. Das hat er nach der zwölften Klasse ohne Abschluss geschmissen, sich dann als Schauspieler probiert und nachdem ihm ein Theaterregisseur eine große Karriere vorhergesagt hatte, seine wahre Berufung gefunden: als Clubbetreiber.

Vor ziemlich genau 18 Jahren hat Kay das „Hotel Shanghai“ in der Innenstadt von Essen gegründet. Ursprünglich war es in den achtziger Jahren eine jener New-Wave-Discos gewesen, wie es sie damals im ganzen Ruhrgebiet gegeben hat.

Mittlerweile ist es unter der Regie von Kay Shanghai ein Solitär in der Clublandlandschaft des Reviers: ein Laden, der von Electroclash über Indie hin zu Cloud Rap vielen Stilen eine Heimat geboten hat und der dabei immer eine Art von Charme-Signatur besaß: ein wenig nerdy, ein wenig flirty und mit dem nötigen Gespür, dass eine Clubnacht ohne Trash nicht viel taugt.

Und Kay Shanghai war immer mittendrin. Im Club verbrachte er seine Nächte und nahm frühmorgens auch manchmal selbst das Mikrofon in die Hand. Etwa, als die versammelte Kreativwirtschaft des Ruhrgebiets sich 2007 an der Aussicht erfreute, endlich die abgehalfterte Love­parade in den Pott zu holen. Aber damals widersprach Kay Shanghai ihnen öffentlich: Man solle doch besser die Lokalszene fördern statt solcher fragwürdiger Großevents.

Kay Shanghai: „Haram“ (Hotel Shanghai Records/Groove Attack)

Den Größenwahn der Ruhrgebiets-Kulturfunktionäre bezahlten 2010 in Duisburg bei der Massenpanik während der Loveparade 21 Menschen mit ihrem Leben. Das Hotel Shanghai gibt es immer noch, auch wenn die Pandemie den Club momentan in eine Zwangspause geschickt hat. Dass Kay Shanghai schwul war, war in dieser ganzen Zeit kein großes Geheimnis. Aber irgendwie war es auch nie so richtig wichtig.

Wie authentisch ist Kay Shanghai?

Jetzt, mit Mitte 40, hat Shanghai sein offizielles Coming-Out: „Ich bin der erste offen schwule deutschsprachige Rapper Deutschlands.“ Das stimmt zwar, aber nur so halb. Denn schon im Sommer 2021 hatte sich der Battle-Rapper Tobi High als schwul geoutet, aber in seinen Battle-Raps spielt es keine große Rolle. Der Frankfurter Rapper Ash M.O. ist ihm sogar noch ein Jahr zuvorgekommen, rappt aber auf Englisch.

Und dann ist da noch Juicy Gay. Der kokettierte schon vor einem halben Jahrzehnt damit, der erste schwule Rapper zu sein, und rappte über seine spritzige Wasserpistole. Aber letztlich entpuppte sich Juicy Gay – wie viele Rapper – als Kunstfigur. Wie authentisch ist dann Kay Shanghai? „Es stimmt nicht immer alles hundertprozentig, was in meinen Songs vorkommt“, sagt er. „Aber das ist dem Reim geschuldet. Ich muss nichts erfinden oder chiffrieren. Eigentlich öffne ich mich nur.“

Das Tagebuch dieser Öffnung heißt ­„Haram“: zehn Stücke, die von Kays schwulem Leben erzählen – vom Anbandeln auf der Clubtoilette bis zum glücklichen Frühstück zu zweit. Selbst eine Hommage an die doppeldeutigen Anmachsprüche schwuler Datingportale ist dabei und unterschreitet das Niveau ihrer Wortspiele problemlos. Das alles erzählt Kay Shanghai ohne Attitüde – mit wem sollte er sich auch messen wollen?

„Wo grad noch Kuscheltiere waren / Da liegst jetzt du in meinem Bett“, rappt er auf „Vanilla Love“ und bezeichnet sich kurz danach als Schmusebär. „Ich weiß, welche Kapitel in meiner Vergangenheit die Songs betreffen. Ich habe aus Menschen Songs gemacht, so dass ich besser damit abschließen kann“, sagt Kay Shanghai. „Das Album ist sehr gefühlvoll, aber dies wird oft durch den Sound gebrochen.“

Was fehlt, ist die Geschichte queerer Dancemusic

Verantwortlich für diesen Sound sind die Produzenten der Essener Proll-HipHop-Crew 257ers. „Für die ist das eine Gegenwelt zu dem, was sie sonst produzieren“, meint Kay Shanghai. Für ihn haben sich seine Produzenten einmal durch die Stilvielfalt von HipHop gebastelt: von prolligem Electro-Pop bis zu verstolperten Garage-Rhythmen. Was fehlt, ist die Geschichte queerer Dancemusic – Ballroom oder House –, mit der schwule Rapper wie Le1f oder Lil Nas X so gerne flirten.

Dafür hat sich Kay Shanghai in die schlierenziehenden Synthesizer und 808s von Trap verliebt. Aber wo diese Sounds in Atlanta von Drogenkicks erzählen, rappt Shanghai auf „Haram“ mit tief gepitchter Stimme: „Komm lass uns einen spliffen / Vielleicht lass ich mich dann ficken“ – und signifiziert damit doch einen emotionalen Tiefpunkt. „Das ist keine Provokation. ‚Haram‘ ist ein sehr persönlicher Song“, erzählt er. „Es geht um Begehren und Ausgrenzung, um geächtete Liebe.“

In Momenten wie diesen wird deutlich, was Kay Shanghai, der spät berufene Schulabbruchs-Rapper aus Essen, und die flamboyant perfekte Performance eines Lil Nas X gemeinsam haben: Wenn sie über ihre Sexualität rappen, dann ist es Feier und Schmerz zugleich.

„Auch wenn man schwul ist, muss man kein Abziehbild, keine Karikatur sein“, sagt Kay Shanghai und erzählt davon, wie er in der Bochumer Innenstadt gemeinsam mit seinem Freund homophobe Sprüche gedrückt bekommen hat. „Ich drehe mich dann um und fronte das. Aber ich will nicht, dass Kids mit dieser Angst groß werden und sich verstecken müssen. Wenn ich dafür ein Vorbild sein kann, dann wäre mir das eine Ehre.“

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