Debütalbum des Berliner Trios Gewalt: Zwischen Lust und Ekel

Das Berliner Industrial-Krachrock-Trio Gewalt veröffentlicht sein Debütalbum „Paradies“. Die Platte zetert und bebt sich die Apokalypse herbei.

Das Trio Gewalt auf einem Flugplaturollfeld bei Sonnenschein

Die Sonne scheint nur auf dem Foto: Das Trio Gewalt ist so grob wie der Teer auf dem Rollfeld Foto: Clouds Hill/Puupe

Zehn Minuten pumpt eine Drum Machine im immer gleichen Takt. Monoton, erbarmungslos. Sänger Patrick Wagner tut es der Maschine gleich und repetiert gleichförmig: „Das ist mein / Das ist mein / nur mein / Paradies“. Echo und Hall liegen auf Wagners Stimme, das Zuhören wird zur Strafe, man bleibt gefangen in einer Dauerschleife. Während der Drumcomputer weiterrattert, dreht der Ich-Erzähler durch, das Stück endet für ihn in der Psychiatrie („Ich werd eingewiesen / Zur eigenen Sicherheit“). Wagner bellt, tobt und schreit.

„Paradies“ ist der Titeltrack des Debütalbums der Berliner Band Gewalt. Es ist auch ein Höhepunkt dieses Werks; ein Stück, in dem die Gruppe das Morbide, Kaputte, Suizidale ihrer Ästhetik auf den Punkt bringt. Die Band befindet im Begleittext, das Lied sei immer noch zu kurz. Ja, konsequenter wäre es gewesen, den Song auf Albumlänge auszudehnen – denn Gewalt wollen, dass ihr Sound die größtmögliche Zumutung darstellt.

Gegründet hat sich das Trio bereits 2015. Neben Sänger und Gitarrist Wagner, ehemals bei den Noi­sero­cke­r:in­nen Surrogat und polarisierende Berliner Szenefigur, besteht die Band aus Gitarristin Helen Henfling und Bassistin Jasmin Rilke. Vielsagend aber ist, dass als erstes immer die Drumcomputer-Software genannt wird (früher DM1, jetzt LMMS).

Zehn neue und elf alte Purgatorien

Zunächst veröffentlichte Gewalt regelmäßig Singles bei Winzlabels, nun konnte die Hamburger Plattenfirma Clouds Hill das Trio offensichtlich davon überzeugen, ein Doppelalbum zu veröffentlichen. Neben zehn neuen Songs enthält es auch elf Songs von den Singles, darunter viele Hits.

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Der Bandnahme ist Programm. Die Musik der Berliner ist geprägt von Industrial Rock, EBM (Electronic Body Music) und Dark Wave. Bands wie DAF, Front 242 und Nitzer Ebb kommen einem in den Sinn, ähnlich mechanisch und unterkühlt klingt auch Gewalt. Die Kleidung ist schwarz, die Frauen tragen Lack und Leder auf den Fotos, in den Songs gibt es Anspielungen an SM-Praktiken („Unterwerfung“).

Im Vergleich klingen die älteren Stücke minimalistischer und Lofi-mäßiger, während die neuen Songs fetter produziert sind und dadurch stumpfer, metallischer und düsterer daherkommen. Zuweilen muss man gar an die Überwältigungsästhetik von Rammstein denken („Es funktioniert“, „Jahrhundertfick“).

Tiefes Unbehagen in Krank-moll

Nett, behaglich und gemütlich wird es zu keiner Zeit auf diesem Album, ein tiefes Unbehagen zieht sich durch alle Songs. Aber es gelingt Gewalt, auf diese Weise die chaotische und eher finstere gesellschaftliche Gesamtgemengelage abzubilden. In „Wir sind sicher“ (2018) beschäftigt sich Wagner mit dem Irrglauben, das Leben im Spätkapitalismus halte auch nur irgendwelche Gewissheiten bereit – ein doppelt und dreifach gültiger Song in Zeiten der Pandemie.

Alles ist Apokalypse, suggeriert auch das neue Stück „Es funktioniert“: „Ein täglich neuer Weltuntergang / Solide finanziert / Bild und Ton brilliert / es funktioniert“, singt Wagner darin. „Deutsch“ (2019) klingt dagegen wie ein überfälliges Auskotzen angesichts der rechtsextremen Hetze im Netz und auf den Straßen und derer, die sie dulden („Ich seh die Angst in deinen Augen / Du fieser Mob / Du lässt sie absaufen / Du Sau, du Sau / Du […] Bist besser als die Fremden / Die Schwellenländer, die Bittsteller“).

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Lediglich im Auftaktsong scheinen mal kleine Anzeichen von Humor durchzuschimmern, wenn es heißt, dass es doch auch etwas gebe, das alle Menschen verbinde – nur ist dies eben leider die „Gier“.

Neuer Wagnerkult

Um Gewalt ist, mit freundlicher Mithilfe Wagners, ein regelrechter Kult entstanden. Den rechtfertigt dieses Album nicht unbedingt, dazu setzt es sich musikalisch nicht klar genug von den Industrial-Rock-Urviechern ab. Und dennoch: So wie das lyrische Ich im Titelsong „Paradies“ dem Takt der Maschine nicht entkommen und seinem Selbst nicht entrinnen kann, so kann man sich auch als Hörer diesem Album nicht ganz entziehen.

Gewalt: „Paradies“ (Clouds Hill/ Warner/ ADA)

Der Sound zieht einen in den Bann, man schwankt zwischen Lust und Ekel, zwischen Faszination und Abscheu. Wenn Wagner wiederholt singt: „Du musst stumpfer werden“, so findet sich das ja genau auch in der Musik wieder: Die Songs berserkern roh vor sich hin, dazu hört man die durchweg defätistisch-dystopischen Verse. Aber genau so soll und will diese Band wahrscheinlich eben klingen.

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