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Das blaue Wunder

Ein altes Handwerk, fast ausgestorben: In Scheeßel praktiziert ein kleiner Kreis Frauen den Blaudruck. Er gilt der Unesco als Weltkulturerbe, im Ort vertraut man auf die Weitergabe des Wissens an die nächste Generation

Geht bei der Arbeit nicht spurlos an den Händen vorbei: der Blaudruck in Scheeßel Fotos: Christina Czybik/Visum

Aus Scheeßel Daniela Barth

Die Treppe ist so schmal, dass man instinktiv die Schultern zusammenzieht. Die Holzstufen knarzen. Matthias Loeber, 35, hochgewachsener Museumsleiter, duckt sich unter den Balken durch. Oben angekommen, in der Blaudruckwerkstatt in einem über 200 Jahre alten Fachwerkhäuschen auf dem Meyerhof in Scheeßel, ist die Decke niedrig, das Licht gedämpft. An der hinteren Wand stehen sie dicht an dicht: Hunderte Druckmodeln, manche 270 Jahre alt, jede ein kleines Kompendium handwerklichen Könnens. Insgesamt beherbergt das Museum 1.200 antike Modeln.

Anne Rathjen nimmt eine heraus und fährt mit dem Finger zärtlich über die Oberfläche. Ein filigranes Blumenmotiv: Ranken, die sich verzweigen, Blütenkelche, die sich öffnen, alles aus winzigen Messingstiften und hauchdünnen Metallstreifen, die jemand vor Jahrhunderten in Holz gedrückt hat, ohne Kleber, ohne Schrauben, gehalten allein durch den Druck des umschließenden Materials. „Das hält ewig“, weiß Rathjen. Seit 45 Jahren kommt sie in diesen Speicher. Sie sei „Generation 2.0“, sagt die 66-Jährige, die im Berufsleben Managerin in der Autoindustrie war, etwas geheimnisvoll.

Scheeßel, 7.200 Einwohner im Kernort, Landkreis Rotenburg, Niedersachsen. Schon auf der Autobahn weist ein Schild auf die Blaudruckwerkstatt und -ausstellung im Heimatmuseum hin.

In dessen altem Vorratsspeicher wird ein Textilhandwerk gepflegt, das im 17. Jahrhundert über die Seidenstraße aus Indien nach Europa kam und das heute in Deutschland nur noch an zwölf Orten praktiziert wird. Vor acht Jahren wurde der Blaudruck in die UNESCO-Liste des immateriellen Weltkulturerbes aufgenommen.

Zuständig für diesen Schatz sind in Scheeßel neun Frauen. Sie arbeiten alle ehrenamtlich, getragen vom Heimatverein Niedersachsen. Für Scheeßel, das vor allem wegen des Hurricane-Musikfestivals bekannt ist, zu dem im Sommer Zehntausende pilgern, ist der Blaudruck ein weiteres touristisches Aushängeschild.

Renate Albrecht, 62, Beamtin, rührt stoisch in einem Keramikpott. Das Prinzip des Blaudrucks ist das der Abdeckung: Was geschützt wird, bleibt weiß. Was ungeschützt ins Indigobad taucht, wird gefärbt. Die Schutzmasse heißt Papp – eine zähe Paste, die später mit den Modeln auf den Stoff gedruckt wird. Im Fachjargon: Reservedruck. Die Rezeptur ist alt – Tonerde, Gummi arabicum, Blaustein, Alaun, Grünspan und eine weitere, spezielle Zutat. Die aber verraten die Blaudruckerinnen nicht. Dieses Geheimnis ist ausschließlich ihnen vorbehalten. Die Zutat stehe in einem Rezeptbuch, das Heinrich Müller hinterlassen hat, der letzte professionelle Blaudrucker des Ortes, gestorben 1950. Erst 1975 reaktivierte sein Geselle Alfons Friese sein Know-how. Die Weitergabe des Wissens ist zur Philosophie geworden. Ergo sind Anne Rathjen und Renate Albrecht Generation 2.0.

Sandra Meinken, mit 49 die „Novizin“ in der Runde, ist seit knapp einem Jahr dabei: „Generation 3.0“, wie sie sagt. Zwei Jahre Ausbildung habe sie noch vor sich. Meinken trägt Papp auf eine Model auf. „Zu viel, und das Muster läuft aus“, sagt Albrecht. „Zu wenig, und es wird unscharf.“ Meinken wischt mit dem Zeigefinger einen winzigen Überschuss ab. Dann der Druck: Die Model wird auf den Stoff gesetzt, kurz, fest. An der Seite sitzt ein kleiner Metallstift – der Ansatzpunkt, mit dem die nächste Model exakt positioniert wird. Und die nächste. Und die nächste. „Die Model mag mich noch nicht immer“, scherzt Meinken, ohne aufzuhören, konzentriert den Stempel aufs Tuch zu pressen.

Die schmale Stiege hinunter führt in eine andere Zeitzone. Zwei runde Bottiche sind in den Boden eingelassen, je etwa 120 Zentimeter Durchmesser, rund 180 Zentimeter tief. Die Indigolösung in ihnen wurde seit fünfzig Jahren nicht gewechselt, sondern stetig aufgefüllt mit importiertem Indigo, Kalk, Eisensulfat und Wasser. Rathjen sagt es beiläufig, als wäre das keine besondere Information. Darüber hängen große Eisenringe, an denen die bedruckten Stoffbahnen befestigt werden.

Renate Albrecht lässt mit der Handkurbel den Stoff langsam hinab, das schwarze Indigowasser verschluckt ihn allmählich. Zwanzig Minuten, die Eieruhr ist gestellt – bevor die drei Frauen wieder hinaufsteigen, zurück zu den Modeln, zurück zum Papp.

Was später hochgekurbelt wird, ist zunächst grünlich-grau. An der Luft beginnt die Oxidation, und allmählich verfärbt es sich bläulich. Die Prozedur wird zehnmal wiederholt, bis Leinen, Baumwolle oder Seide das einzigartige Indigoblau angenommen haben. Wer das zum ersten Mal erlebt, ist verblüfft. Wochenlang trocknen die Textilien, bevor der verfestigte Papp in schnöder Handarbeit abgeschrubbt werden muss.

Warum das alles? Heimatverein, UNESCO-Zertifikat, ein paar Frauen, die samstags auf einen Speicher steigen – ist es pure Nostalgie?

Von Sentimentalität aber will der Museumsleiter und promovierte Historiker Matthias Loeber nichts wissen. Blaudruck sei kein bloßes Dekor. Es sei eine Wissensform – eine Art zu verstehen, wie Farbe, Stoff, Chemie, Physik und Handarbeit zusammenwirken, die sich nicht in ein Geschichtsbuch übertragen lasse. Das Wissen lebe in den Händen, in den Fehlern, in dem Moment, in dem Sandra Meinken etwa spürt, dass der Papp heute zu dick ist, weil die Luft im Speicher trockener ist als vergangene Woche. Solche Erkenntnis entsteht nicht durch Lesen. Sie entsteht durch praktisches Wiederholen, über Jahre. „Die Leute stellen sich vor, man schaut mal über die Schulter und lernt, wie man druckt“, sagt Loeber. Er vergleiche es gern mit dem Geigespielen: Die ersten zwei Jahre führten noch nicht zum Erfolg. Die Druckerinnen sind quasi menschliche Zeitkapseln: Sie transportieren nicht Texte oder Objekte, sondern Körperwissen – Griffe, Sensorik, Urteil – das sich nur von Mensch zu Mensch übertragen lässt.

Ab ins Blau: Tücher über den Bottichen mit dem Indigobad

Das eigentliche Argument für den Blaudruck sei kein konservatives. Eher das Gegenteil. In einer Welt, in der die Textilproduktion vollständig ins Unsichtbare verschwunden ist – in Fabriken, auf anderen Kontinenten, in Algorithmen, die Kollektionen generieren – sei hier ein Ort, an dem der Zusammenhang zwischen Rohstoff und Ergebnis noch körperlich erfahrbar ist. Indigobrocken, in Indien fermentiert, gepresst, getrocknet, werden hier zu Pulver zermahlen, händisch. Der Papp, der zwar nach einem Rezept aus dem 19. Jahrhundert gemischt, aber mit dem immer weiter experimentiert wird. Alles keine bloße Vergangenheitspflege, so Loeber: „Es ist Weitergabe von altem, neu erfahrbarem Wissen.“

Das UNESCO-Label des Weltkulturerbes ist dabei auch anderweitig hilfreich: Wenn Matthias Loeber heute Förderanträge stellt, reiche oft ein Hinweis darauf an die Stiftungsgremien, sagt er. Die 2020 eröffnete und von Anne Rathjen konzipierte Dauerausstellung wäre ohne das UNESCO-Siegel schwerer zu finanzieren gewesen.

Im Textilgeschäft selbst aber spielt dieses durch die UNESCO geadelte Blaudruckwissen kaum eine Rolle. Die Blaudruckerinnen von Scheeßel produzieren gar nicht für den Markt. Das entzieht das traditionelle Textilfärbeverfahren der üblichen Geschäftslogik – und sichert damit zugleich seine Glaubwürdigkeit als etwas, das man nicht kaufen, sondern nur weitergeben kann. Die Ehrenamtlerinnen drucken nicht für den Verkauf, sondern für Gastgeschenke der Gemeinde, Schürzen für die ansässigen Trachtengruppen, kleine Auflagen für den jährlichen Kunsthandwerkermarkt, abgegeben gegen eine „vordefinierte Spende“.

Dazu gibt es noch eine Kooperation mit einer Goldschmiedin im Ort und einer Textilkünstlerin, für die der Blaudruck Bänder und Details fertigt. Keine Massenware. Aber genug, um das Handwerk auch für Jüngere sichtbar zu machen. Und jenes besondere Blau, das erst grau und blassgrün ist, bevor es zu sich selbst, zu seiner Tiefe, findet.

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