Das Kunstwochenende: Mit Luft und Ruhe

Kunst vor Schluß: Noemi Molitor empfiehlt was es sich noch schnell anzuschauen lohnt und Events, die exklusiv dieses Wochenende stattfinden.

Abstrakte Tonskulpturen von Jonas Wendelin auf dem Boden der Galerie Dittrich & Schlechtriem

Skulpturales Gruppentreffen in der Ausstellung „Only“ von Jonas Wendelin Foto: Courtesy the artist and Dittrich & Schlechtriem

Die unzähligen abstrakten Keramikfamilien, die sich in Jonas Wendelins Ausstellung im Untergeschoss der Galerie Dittrich & Schlechtriem am Boden zwischen Sandspuren tummeln, sind in ihrer Größe und Zusammensetzung kaum erfassbar. Welches der an Krater und Unterwasserkreaturen erinnernden Gebilde wie wo dazugehört ist zwar durch unmittebare Nähe zu anderen angedeutet, Titel wie „ONLY TWO (Small Evolution VII)“ geben aber über die Anzahl der Mitglieder einer Gruppe gerade keine Auskunft, sondern verwirren eher die Zuordnungsimpule.

Diese ergeben sich allein dadurch, dass die Oberflächen der im Cone 10- und Rokuverfahren gebrannten Skulpturen so unterschiedlich sind: schillernd und matt, rauh und hell, dunkel und ölfarben zeigen sie sich nach Außen. Und doch gehören sie eben übergreifend zusammen, verbinden sich über die Sandkörner am Boden hinweg, der dunkel gehaltene Raum sorgt dafür, dass sich die Besuchenden hier als mehr als besondere Gäste denn als omnipotente Beobachter_innen fühlen.

Eigentlich beginnt die Ausstellung „ONLY“ schon vor der Galerie, deren Fenster und Glastüren mit der Zeitung „The a-llusion“ bepflastert sind. Eine weitere Zusammenkunft verschiedener Ausrichtungen und Positionen: Wendelin hat für das 10.000-Auflagen umfassende Blatt andere Künstler_innen und Schriftsteller_innen gebeten sich mit der realitätsstiftenden Qualität der Fiktion zu beschäftigen.

Gedichte von Fiona Alison Duncan duchziehen die kollektive Zeitung und „Seashell“, ein Text von Analisa Teachworth, ruft erneut die mit Luft abgelöschten Keramiken Wendlins auf, die der See entsiegen zu sein scheinen. Auf den Seiten 8 und 9 hat Kandis Williams außerdem ihren 2018 zusammengestellten Reader „Cassandra“ beigetragen, eine Übersicht über wissenschaftliche Literatur zu „Misogynoir“, wie Dr. Moya Bailey die Wirkweise der kulturellen Bildermaschine nennt, die Schwarze Frauen abwertet.

Da die Kulturbeilage taz Plan in unserer Printausgabe derzeit pausiert, erscheinen Texte nun vermehrt an dieser Stelle. Mehr Empfehlungen vom taz plan: www.taz.de/tazplan.

Dittrich & Schlechtriem, „Jonas Wendlin: Only„ und „Soufiane Ababri: Berliner Luft“, Mo.–Sa. 11–18 Uhr, Linienstr. 23, bis 29. 8.

Ortstermin 20, bis 30. 8., verschiedene Standorte in Moabit: https://ortstermin.kunstverein-tiergarten.de/ortstermin20.

Galerie Nagel Draxler, Weydingerstr. 2/4, Di.–Fr. 14–18 Uhr & nach Vereinbarung: berlin@nagel-draxler.de, bis 29. 8.

Im Eingangsbereich der Galerie ist es Soufiane Ababri, der mit seinen eindringlichen Buntstiftstrichen die Traditionslininen des heutigen Rassismus nachzeichnet. Die Ausstellung seiner neuen Serie „Bedwork“ ist die letzte Ausgabe der Reihe “Berliner Luft“, mit der die Galerie seit April dafür gesorgt hat, all ihre Künstler_innen während der Pandemie eine Woche lang zu zeigen. Ein schöne Geste von „Curating as Caring“ angesichts der vielen abgesagten Ausstellungen und auch sonst erschwerten Arbeitsbedingungen, mit denen vor allem Künstler_innen akut zu kämpfen haben.

Verabredung mit Moabit

In Moabit steigt diesen Freitag, den 28. 8., um 18 Uhr die offizielle Eröffnung des bereits seit Mitte August kochenden Moabiter Kunstfestivals “Ortstermin 20 – bis hierher und nicht weiter“ im Hof des Berlin Kolleg (18 Uhr, Turmstraße 75, hinter der Galerie Nord). Bis zum 30. 8. gibt es Ausstellungen, Lesungen und Performances, darunter Videoscreenings in den Fenstern der Galerie Nord / Kunstverein Tiergarten. Viele Künstlerateliers sind geöffnet, das volle Pogramm unter: https://ortstermin.kunstverein-tiergarten.de/veranstaltungen.

Am Sonntag kommt es zum „Umherschweifen durch Raum und Klang“ mit einer performativen Stadtteilerkundung von und mit Claudius Hausl. Treffpunkt ist vor dem ZK/U (Smartphone und Kopfhörer mitbringen, max. 20 Teilnehmer_innen, Anmeldung erforderlich: contact@gameoversociety.com).

Praying Boy in Mitte

In Mitte ist am Samstag, den 29. 8., die letzte Gelegenheit, um die wundervollen semi-abstrakten Polymer-Malerien von Egan Frantz in der Galerie Nagel Draxler zu begutachten. Die Ausstellung „The Praying Boy“ zeigt sechs neue großformatige Gemälde des Künstlers. Rechts neben der Eingangstür hängt „Music“ (180 x 180 cm), eine Freude aus pinken Rastern und orange-grauem Fluss. Jedes Bild trägt auch unter den Farbschichten eingearbeitete Übergangslinien, die eine weitere, kaum sichtbare geometrische Schicht erzeugen.

Auf dem im Vergleich kleineren „Hours“ lässt sich schließlich die Lust an Farbkontrasten erkennen, mit denen der US-Amerikanische Künstler seine Kompositionen entsehen lässt. Dass dies auch immer mit Schwierigkeiten verbunden ist und vor allem Silence, also absolute Ruhe, erfordert, glaubt man ihm gern.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Jahrgang 1981, studierte Gender Studies und Europäische Ethnologie in Berlin und den USA. Promotion "Chrononauts in Chromotopia" zum Lusterleben in der abstrakten Malerei. Schreibt seit 2014 für die taz, seit 2015 Redakteurin für Kunst in Berlin im taz Plan. Themen: zeitgenössische Kunst, Genderqueerness, Rassismus, Soziale Bewegungen

Mit der taz Bewegung bleibst Du auf dem Laufenden über Demos, Diskussionen und Aktionen in Berlin & Brandenburg. Erfahre mehr

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de