Das Konzept von Freundschaft

Schön, wenn du absagst

Zeit mit den FreundInnen zu verbringen, ist meistens schön. Allerdings können geplatzte Verabredungen noch schöner sein.

Zwei Personen stoßen mit einem Flaschenbier an

Ein Feierabendbier mit FreundInnen kann richtig schön sein – wenn es keinen Termindruck gibt Foto: dpa

Um das direkt mal klarzustellen: Ich liebe meine FreundInnen. Es ist wichtig, dass Sie sich diesen Satz merken und in Ihrem Herzen bewegen, denn die folgenden Zeilen könnten sonst leicht falsch verstanden werden. Also: Ich liebe meine FreundInnen, und ich liebe es, sie zu treffen – aber ich habe sie noch lieber, wenn sie absagen.

Ja, ja, ich höre schon die empörten Ausatmer. Da hat wohl jemand das Konzept Freundschaft nicht verstanden, hm? Schließlich liegt es in der Natur der Sache, dass Freunde so viel Zeit wie möglich miteinander verbringen, und außerdem ist es ja kein Zufall, dass das Wort „Freude“ nur einen Buchstaben von „Freunde“ entfernt ist, also warum, zum Teufel, freut sich die Kolumnistin denn nicht auf Verabredungen?

Tu ich ja, jedenfalls am Anfang. Meistens beginnt es mit einer SMS: „Huhu, lange nicht gesehen! Wollen wir nächste Woche einen Wein trinken?“ Unbedingt!, denke ich, und das schreibe ich dann auch zurück und meine das ganz ehrlich, es ist ja auch wirklich viel zu lange her, wir haben uns ganze Leben zu erzählen! Also notiere ich freudig Name, Zeit und Ort, und das Unglück nimmt seinen Lauf.

Denn sobald etwas im Kalender steht, wird es zur Pflicht. Und Pflicht ist das Gegenteil von Spaß. Die geheime Zauberkraft des Kalenders besteht darin, Tierarztbesuche, Deadlines, Arbeitstreffen und Verabredungen mit FreundInnen noch während des Niederschreibens direkt in Termine zu verwandeln. Und die Definition von Glück, das wusste schon Harald Juhnke, ist: keine Termine und leicht einen sitzen.

Je mehr Einträge in eine bis dahin noch leere Woche wandern, desto mehr steigt der Druck. Und spätestens am Montagmorgen bekomme ich beim Öffnen des Kalenders akute Schnappatmung. So viele Termine, und keinen sitzen!

Unverhoffte Freiheit

Dann denke ich daran, was ich stattdessen alles machen könnte. Nichts, zum Beispiel. Einfach mal in Ruhe nichts tun und abends denken: Huch, schon wieder ein Tag vorbei, was habe ich heute eigentlich gemacht? Ach, egal, war schön. Oder irgendwas Spontanes, wie Mittagsschlaf oder nach Rügen fahren. Gut, ich mache nie Mittagsschlaf und war schon sehr lange nicht mehr auf Rügen, aber es geht ja nur um die Möglichkeit haben, um mehr nicht.

Die besten Momente sind deshalb die, wenn zwei Stunden vor dem Treffen eine SMS kommt: „Ich schaffe es heute Abend leider nicht, hab noch so viel zu tun … :( Können wir um eine Woche verschieben?“ Dann liebe ich meine FreundInnen noch mehr als sonst. Obwohl ich mich ja darauf gefreut habe, sie zu sehen, und danach wie jedes Mal gedacht hätte: Das war ein sehr schöner Abend, müssen wir bald wiederholen.

Aber ein Termin, der platzt, ist sogar noch ein bisschen besser, als gar keine Termine zu haben. Denn er schenkt einem ein paar Stunden unverhoffte Freiheit. Und eigentlich gibt es kein besseres Geschenk, das einem FreundInnen machen können.

Einmal zahlen
.

Redakteurin der taz am wochenende, Kolumnistin bei tazzwei („Psycho“), Autorin („Müslimädchen – Mein Trauma vom gesunden Leben“, 2013, Lübbe; „Theo weiß, was er will“, 2016, Carlsen; „Rattatatam, mein Herz – Vom Leben mit der Angst“, 2018, KiWi).

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben