: DamitihreWeltnicht kleiner wird
Eine mobile Disco, ein Festival: Um die Demokratie zu retten, lassen sich viele Menschen in Mecklenburg-Vorpommern etwas einfallen. Was gibt ihnen Hoffnung?
Aus Klempenow und Greifswald Julia Völcker (Text) und Axel Völcker (Fotos)
Kurz nach Mitternacht schaukelt der bordeauxfarbene, etwas in die Jahre gekommene Mercedes Sprinter so heftig auf und ab, als würde er gleich abheben. Auf einer Wiese unterhalb der Burg Klempenow ist der große Kastenwagen auf einem Festivalgelände geparkt. Der Blick durch die weit aufgezogene Schiebetür fällt auf eine Handvoll tanzender Menschen, auf sechs Quadratmetern bouncen sie im grellen Licht der Discoscheinwerfer: Da ist die akkurate Tänzerin, deren ruckartige Armbewegungen einstudiert wirken, ihr gegenüber zwei Bewegungskünstler, die sich in Pirouetten vom Wagenboden aus durch die Luft schrauben. Einige springen lachend aus dem Transporter, andere drängen hinein, vorbei an Plattentellern, auf denen DJ Charly jetzt schnelle Beats mit choralen Gesängen verschmelzen lässt. Hinter der Fahrerkabine ist eben ein Mann auf den Lautsprecher geklettert, er hat wohl zu tief ins Glas geguckt. Gleich wird er fallen. Doch erst springen alle, die es noch können, im Takt der Musik.
Die fahrbare Disco im Mercedes Sprinter nennt sich „Fette Elke“, es ist das wohl kleinste mobile Tanzlokal Mecklenburg-Vorpommerns oder gleich der ganzen Welt. Der Erfinder des Dancefloors auf vier Rädern, der auch als Demowagen über die Straßen Mecklenburg-Vorpommerns rollt, heißt Sebastian Schubert. An diesem Juliwochenende gastiert er mit der „Fetten Elke“ beim Transit Festival, einem bunten, familiären Sommerfest, das im dünn besiedelten Vorpommern im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte steigt, zwischen Neubrandenburg, der „Stadt der vier Tore“, und der Hansestadt Greifswald. Über dem Festivalgelände strahlt der blaue Himmel so hell und kontrastreich, dass man ahnt: Zur Ostsee kann es nicht mehr weit sein. Idyllisch wirkt es hier. Würde da nicht eine steife Brise von rechts aufziehen.
In Mecklenburg-Vorpommern wird am kommenden Wochenende gewählt. Die AfD könnte nach ihrem Erfolg in Sachsen-Anhalt auch hier stärkste Kraft werden. Laut der jüngsten Umfrage steht sie bei 35 Prozent, während die mit der Linken regierende SPD von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig eine Aufholjagd gestartet hat (32 Prozent). Im inzwischen zehnten Jahr ihrer Amtszeit versucht Regierungschefin Schwesig ihren Amtsbonus mit einer stark auf sie zugeschnittenen Kampagne auszuspielen. Sie verspricht eine „verlässliche Regierung“ gegen eine „Alleinherrschaft der AfD“. Wenn die Linke ihre zuletzt stabilen Zustimmungswerte (11 Prozent) halten kann und die Grünen (5 Prozent) die Fünfprozenthürde nehmen, wäre sogar ein rot-rot-grünes Bündnis im Schweriner Schloss möglich. Doch würde die CDU, die derzeit bei 8 Prozent liegt, die Brandmauer zur AfD aufgeben, wäre auch eine Koalition aus CDU und AfD nicht ausgeschlossen. Dann würde auf landespolitischer Ebene das geschehen, was in Kreistagen und Stadtvertretungen bei Abstimmungen über gemeinsam mit der AfD eingebrachte Einträge oder Haushaltsfragen längst stattfindet. Die Rechtspopulisten üben erheblichen Einfluss auf kommunalpolitische Debatten und Ausschussarbeit aus.
Zugpferde der Partei und Aushängeschilder im Landtagswahlkampf sind der Landesvorsitzende Leif-Erik Holm, früher Radiomoderator, und Co-Landeschef Enrico Schult, der die Landesliste auf Platz eins anführt. Ideologisch wird der Landesverband, der zuletzt immer wieder durch Geschacher um Posten und Einfluss auf sich aufmerksam machte, eher dem völkisch-nationalistischen Spektrum zugeordnet.
Auch wenn Mecklenburg-Vorpommern im Vergleich zu Sachsen-Anhalt gerade stabiler dasteht – das politische Klima verändert sich auch hier. Wie reagiert die linke Zivilgesellschaft? Was tun die demokratiefördernden Akteur:innen während des Rennens um den Schweriner Landtag?
Sebastian Schubert, der Erfinder des mobilen Dancefloors, ist eher Langstreckenläufer als Sprinter. Schon vor zehn Jahren hatte er die Idee zur „Fetten Elke“. Namensgeber war der heute längst aus der Zeit gefallene „Elke“-Song der Ärzte. Damals hatte Schubert sich gerade von seiner Partnerin getrennt und wollte politisch aktiv werden. Damals, 2016, wird in Mecklenburg-Vorpommern gewählt. Es ist das Jahr, in dem die AfD auch in Nordostdeutschland zum ersten Mal deutlich in Erscheinung tritt und am Ende 20,8 Prozent der Stimmen erreicht. Dagegen hält die Punkband Feine Sahne Fischfilet mit ihrer „Noch nicht komplett im Arsch“- Vorwahlkampftour mit Konzerten, Lesungen und Ausstellungen in Kleinstädten und Dörfern. Das inspiriert Schubert. Er will urbanes Nachtleben und gute Laune in die ländliche Einöde bringen. Nach einem kleinen Umbau des Transporters zur Tanzfläche mit Sound- und Lichttechnik und einem Probelauf ist Schubert begeistert: „Das Wippen des Busses war sofort ansteckend“, erinnert er sich. Sein Ziel: die demokratischen Macher:innen stärken, die der rechten Szene im Land entgegentreten.
Auch Monchi, Frontmann von Feine Sahne Fischfilet, ist von Schuberts Idee begeistert. Er lädt ihn 2016 zum Tourfinale nach Jarmen ein, wo Feine Sahne Fischfilet fortan jährlich ein Festival ausrichten sollen. Getragen von so viel Rückenwind, geht es los: 30 Veranstaltungen pro Jahr bespielt die „Fette Elke“ von nun an als Demowagen und Tanzlokal, bis 2020 Corona das öffentliche Leben weitgehend lahmlegt. Angefangen als One-Man-Show, kümmert sich heute ein Team von fünf bis sechs Mitstreiter:innen ehrenamtlich um das Herzensprojekt. Kosten für Versicherung, Unterhalt oder auch mal neue Türen werden aus Spenden und Fördermitteln bezahlt. Vor drei Jahren kam die „Laute Luise“ hinzu, ein Anhänger mit mobilem Soundsystem, der die „Fette Elke“ auf Demonstrationen begleitet.
Auch am 1. Mai werden die beiden in Greifswald als Duo aufgefahren. In Schönwalde I, einem sanierten Plattenbauviertel, hat der Studierendenverband Greifswalder Linksjugend zur „revolutionären 1.-Mai-Demo“ aufgerufen. Ende der 1960er Jahre wurde die Siedlung für die Arbeiter:innen des inzwischen stillgelegten Kernkraftwerks Lubmin am Greifswalder Bodden gebaut, mittlerweile wohnen in Schönwalde I vor allem Menschen mit niedrigerem Einkommen. Eine Gruppe Demonstrierender hat sich vor dem Studentenclub „Kiste“ eingefunden. Viele tragen schwarze T-Shirts und Shorts, einige eine Kufiya. Etwa 100 Protestierende werden gleich mit roten Fahnen und Transparenten in Richtung Innenstadt ziehen, auch eine DDR-Fahne ist zu sehen. Begleitet wird der Zug von einer Handvoll sichtlich entspannter Polizist:innen in zwei Einsatzwagen. Sebastian Schubert hat ein riesiges Banner mit der Aufschrift „Bass statt Hass“ über die Heckklappe des Transporters gespannt. An den aufgeklappten Türen hängen Boxen. Schubert, der eine Arbeitshose und Turnschuhe trägt und eine zierliche Statur hat, prüft noch ein Kabel an einem der Lautsprecher. Letzte Vorbereitungen, bevor sich der Zug in Bewegung setzt.
Aus der „Fetten Elke“ dröhnen laute Beats. Nebendran läuft Schubert und schaut, dass der junge Fahrer hinterm Steuer den Transporter sicher über die Straße bringt. Auf dem Radweg, ein paar Meter weiter, springt eine ältere Frau – modischer Kurzhaarschnitt, gepflegtes Äußeres – vom Fahrrad und schaut auf die vorbeiziehenden Demonstrierenden. „Schickt die arbeiten“, zischt sie und radelt eilig davon. Schubert wirkt tiefenentspannt: „Ich stelle die Infrastruktur, und den Rest machen die jungen Leute“, beschreibt der 45-Jährige sein Tun auf der Demo und grinst. Über sein Engagement sagt er, dass es „sinnstiftend“ sei.
Sebastian Schubert, Erfinder der mobilen Disco „Fette Elke“
Schubert ist in der Nachwendezeit in einem Dorf zwischen Neubrandenburg und Neustrelitz aufgewachsen, Begegnungen mit der rechten Szene gehörten zu seinem Alltag als Jugendlicher. Er ist das dritte Kind eines politisch eher unangepassten Elternhauses. Vater und Mutter, Biologe und Biologin, engagieren sich in der Wendezeit in der Bürgerrechtsbewegung Neues Forum. In den Neunzigerjahren wird Schubert Dorfpunk, „so richtig mit Lederjacke und Iro“. In den sogenannten Baseballschlägerjahren „gab es öfter mal was auf die Nase“, sagt er, „damals waren wir in Neubrandenburg 10 Prozent Linke, also Skater, HipHopper, Punks – und 90 Prozent Faschos“. Nach dem Schulabschluss lässt er sich zum Landwirt ausbilden, studiert später Fahrzeugtechnik in Berlin. „Schwierige Lehrjahre“ seien das gewesen, sagt er. Mit Lederjacke und Iro passt er nicht in den Kuhstall. Rückblickend hat die Erfahrung aber auch etwas Gutes, denn Schubert entwickelt ein Gefühl für Land und Leute.
Auf der Demo in Greifswald muss die „Fette Elke“ jetzt um die Ecke biegen, es wird eng. Der Fahrer kommt ins Schwitzen. Schubert lotst ihn auf die richtige Spur. Dass zuletzt so viele Menschen in Mecklenburg-Vorpommern den demokratischen Pfad verlassen haben, wundert den gebürtigen Norddeutschen nicht: „Das rechtskonservative Denken war immer da“, sagt er. Es habe sich parteipolitisch nur anders manifestiert. Schubert spielt auf den vorübergehenden Einzug der NPD in den Schweriner Landtag Mitte der nuller Jahre an. Auch trete die rechte Ideologie heute deutlich offener zutage. Die vielen Reichsflaggen, die er zählt, wenn er durchs Land fährt, hätte man früher nicht gesehen.
„Es gibt diese generationenübergreifende Resignation“, sagt Schubert. Dabei sei die strukturschwache Region seiner Meinung nach längst nicht das Hauptproblem. Vielmehr hätten viele Menschen den Eindruck, mit ihren Problemen alleingelassen zu werden. Vor wenigen Jahren, als er zwischenzeitlich als Fuhrparkleiter am Greifswalder Universitätsklinikum arbeitete, habe er viel mit dem Reinigungs- und Küchenpersonal gesprochen – mit Arbeiter:innen also, die heute einen großen Teil der AfD-Wählerschaft in Mecklenburg-Vorpommern ausmachen. „In Berlin werden Sachen entschieden, die uns nicht betreffen“, habe es dort etwa geheißen. Dass sie damit nicht falsch liegen, weiß Schubert. Er nennt politische Versprechen, die noch immer nicht eingelöst wurden, wie den lang angekündigten Ausbau der Bahnverbindung Berlin–Pasewalk–Rügen oder den Ausbau öffentlicher E-Ladestationen auf dem Lande. Schubert ist sich sicher: Viele Menschen aus der Arbeiterklasse, die sich abgehängt fühlten, wählten aus Protest AfD. Natürlich würde es „rechte Spinner im Land“ geben, aber die Mehrheit der Leute wolle mit ihrer AfD-Stimme bei der Landtagswahl „mal so richtig auf die Scheiße hauen“ und den politischen Betrieb durchmischen.
Währenddessen hat der 1.-Mai-Demo-Zug das backsteinrote Mühlentor erreicht. Auf dem Platz gleich nebenan macht Sophie Tieding gerade ihrem Unmut Luft. Tieding sitzt für die Partei Die Linke in der Greifswalder Bürgerschaft, im Landtagswahlkampf tritt sie als Jugendkandidatin an. Die 25-Jährige wettert gegen die Milliardengewinne von Finanzkonzernen, gegen staatliche Kürzungen bei der Jugendhilfe und spricht sich für die Unterstützung von Menschen mit Behinderung aus. Tieding ist Jurastudentin, sie hat als erstes Familienmitglied studiert und gerade das erste Staatsexamen abgelegt. Sie engagiert sich im Haustürwahlkampf vor Ort. Ihre Gefühle zum politischen Klima im Land beschreibt sie mit den Worten: „zwischen Hoffnung und dem Schrecken vor dem blauen Balken“. Zwar gebe es derzeit viele Aktive, die sich für ein demokratisches Mecklenburg-Vorpommern engagierten. Zugleich beobachteten sie und ihre Mitstreiter:innen aber auch eine wachsende Mobilisierung rechter Gruppen während der nun beginnenden CSD-Saison.
Tieding nimmt für ihr politisches Engagement auch Risiken in Kauf. So hat sich die gebürtige Schwerinerin entschieden, ihre persönliche Situation erstmals zum Wahlkampfthema zu machen. Tieding lebt mit einer Gehbeeinträchtigung infolge einer angeborenen Zerebralparese. „Mit meiner körperlichen Behinderung bin ich direktes Feindbild der AfD“, sagt sie. „Als politische aktive Frau werde ich doppelt diskriminiert.“ Die Linken-Politikerin spielt auf die Erklärung der Rechtspopulisten an, bei Regierungsübernahme die Inklusion an Schulen des Landes zurückzufahren und mehr Kinder mit Beeinträchtigungen an Förderschulen zu unterrichten. In ihrem Ende Mai in Grimmen verabschiedeten Landtagswahlprogramm bezeichnete die AfD die Inklusionspolitik der Landesregierung als gescheitert. Andere politische Forderungen sind die Rückkehr zur Kernenergie und die Einschränkung des Windkraftausbaus sowie die Rückbesinnung auf ein „deutsch geprägtes“ Gesellschaftsmodell als Gegenentwurf zu Migration und „Multikulti“. Dabei hatte Mecklenburg-Vorpommern zuletzt mit 10,7 Prozent den geringsten Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund unter allen Bundesländern. Hinzu kommt: Ohne die Ärzt:innen aus Syrien oder der Ukraine und die Servicekräfte und Erntehelfer, die zuletzt aus Bulgarien, Rumänien und sogar Kirgistan kamen, stünde das touristisch geprägte Flächenland vor ziemlich großen Herausforderungen.
Videoanruf bei Alicja Orlow, stellvertretende Geschäftsführerin der Regionalen Arbeitsstelle für Bildung, Integration und Demokratie (RAA) Mecklenburg-Vorpommern. Anfang Juni hat Orlow – geboren in Polen, aufgewachsen auf Usedom, Studium und Arbeit in Potsdam und Bremen, später Benin und Krakau – alle Hände voll zu tun, um ihre Ideen für eine offene und vielfältige Gesellschaft ins Land zu tragen. Dabei kommt sie viel rum, hat durch ihre einnehmende Art tiefe Einblicke in die Lebenswelten ihrer Mitbürger:innen gewinnen können. Beim Gespräch sitzt Orlow am Schreibtisch ihres Greifswalder Büros, die Uhrzeit im Blick. Auch Orlow glaubt, dass viele Bürger:innen im Land die AfD aus Protest wählen. „Rassismus ist nicht das, was die Menschen antreibt“, sagt die 38-Jährige. Den Menschen gehe es vor allem darum, „wieder in etwas Größeres eingebunden zu werden und sich gesehen zu fühlen“. Weit verbreitet sei die Wahrnehmung, dass die Politik den anstehenden Veränderungen – sowohl im globalen als auch im kommunalen Kontext – bislang nicht ausreichend gerecht werde. Die große Idee fehle. Eine Lücke, die die AfD mit ihrem nahbar und emotional kommunizierten „Früher war alles besser“-Narrativ fülle, das den gesellschaftlichen Wandel als Verlustgeschichte auslegt. Dass viele Wähler:innen, die das Wahlprogramm der Rechtspopulist:innen oft nicht einmal im Detail kennen, mit ihrer Stimme eine völkisch und rassistisch agierende Partei in Kauf nehmen würden, sei „leider eine sehr menschliche Strategie“, sagt Orlow. „Nach unten zu treten ist wohl der leichteste Weg, um die eigene Position zu verbessern.“ Es sei der Hebel, den Menschen selbst am schnellsten bedienen könnten, auch sei „das oberste Prozent der Gesellschaft“ überhaupt nicht greifbar. Orlow meint damit, dass Menschen andere wegen ihres Bildungsstands, ihrer Herkunft oder ihrer Lebensverhältnisse abwerten, um sich selbst im sozialen Gefüge aufzuwerten.
Dass Orlow als Person of Color mit deutsch-polnischem Hintergrund und internationaler Karriere 2020 trotz der Enge in ihrer Heimat nach Vorpommern zurückkam, hatte auch persönliche Gründe, ausschlaggebend aber war die Erkenntnis, dass sie mit ihrer Arbeit für Demokratie in der Provinz mehr bewirken könnte als in der Großstadt.
Alicja Orlow vom Verein RAA Mecklenburg-Vorpommern e. V.
Auf das zivilgesellschaftliche Fundament vor Ort angesprochen, sagt Orlow, es gebe zu wenig Gestalter:innen im Land. Viele Menschen, „die im Kleinen ganz viel bewegen“, würden sich selbst kaum als gesellschaftliche Akteur:innen wahrnehmen. Auch die mangelnde Vernetzung untereinander sei ein Problem. Und dann mache sie bei ihren Reisen durchs Land immer wieder dieselbe Beobachtung: „Wir haben einfach einen krassen Mangel an Vielfalt“, sagt Orlow, „unsere Welt hier ist unfassbar klein.“ Vielen Bürger:innen fehle es an Begegnungen, Eindrücken und Perspektiven von außen. Gerade deshalb sei es wichtig, Menschen ins Bundesland zu holen. „Wir müssen die große weite Welt nach MV bringen“, sagt sie, „und zugleich die Menschen vor Ort in Bewegung bringen.“
Zurück beim Transit Festival in Klempenow, Anfang Juli. Am Freitagnachmittag ist Ina Gross-Bajohr aus ihrer Wahlheimat Demmin ins rund 60 Einwohner zählende Dorf gekommen. Gross-Bajohr ist Pressesprecherin des überparteilichen Bündnisses „Zusammen bewegen“, in dem sich zivilgesellschaftliche Vereine, Initiativen und engagierte Menschen „für ein solidarisches und gerechtes Mecklenburg-Vorpommern“ zusammengeschlossen haben. Gestartet im Herbst 2025 mit 150 Mitgliedern und der zunehmenden Sorge vor dem Rechtsruck im Land, zählt das Bündnis heute etwa 1.000 aktiv Vernetzte von Ludwigslust bis Stralsund. Regelmäßig veranstaltet werden Radtouren, Schreibwerkstätten, Ausstellungen, Aufräumaktionen oder das Erfolgsformat „Klönschnack“, also Plaudern bei Kaffee und Kuchen unter freiem Himmel.
Gross-Bajohr, die einen blonden Bob und ein schwarz-weiß gepunktetes Sommerkleid trägt, sitzt auf der Steintreppe eines ehemaligen Gutshauses und erzählt von den vielen Gesprächen mit Bürger:innen, die sie und ihre Mitstreiter:innen auf Marktplätzen, an Häfen und an Seen geführt haben. So manche Gäste, darunter viele Rentner:innen, die zu ihnen ins mobile Wohnzimmer kämen, würden – typisch norddeutsch – zunächst gar nicht reden wollen, sagt sie. Und hörten dann, sobald das Eis gebrochen wäre, meist gar nicht mehr auf. Oft ginge es dann darum, wie schlecht man über die Dörfer zum Arzt komme oder dass die Schule so oft ausfalle. Dokumentiert werden die Ängste und Sorgen der Bürger:innen auf großen Papiertischdecken, demnächst sollen sie vor dem Schloss Schwerin ausgestellt werden. Auch ein Forderungskatalog soll ans Landesparlament übergeben werden.
Dass sich das Bündnis für ein solidarisches Mecklenburg-Vorpommern innerhalb kürzester Zeit zu einem der wichtigsten demokratischen Akteure in Nordostdeutschland gemausert hat, hat Gross-Bajohr selbst überrascht. Das prägendste Erlebnis sei für sie die gut besuchte „Klönschnack“-Auftaktveranstaltung in der Kulturkirche St. Jakobi in Stralsund vergangenen Februar gewesen. Eigentlich habe sich das Team von „Zusammen bewegen“ dort nach Veranstaltungsende nur kurz zusammenfinden wollen, um das Treffen auszuwerten. Ein paar Besucher:innen hätten sich dazugestellt. Ein Mann habe gesagt, er sei tief bewegt gewesen, die Veranstaltung hätte ihn sehr an die Demokratiebewegung in der DDR erinnert. Andere hätten begrüßt, dass man nun endlich wieder ins Gespräch miteinander käme, sich zuhöre. Da schien es, so Gross-Bajohr, als würde in Stralsund, stellvertretend für den Nordosten der Bundesrepublik, wieder ein Gemeinschaftsgefühl Fahrt aufnehmen, das vielleicht 30 Jahre lang vor Anker gelegen hatte.
Mittlerweile treffen die ersten Festivalbesucher:innen auf dem Burggelände ein. Viele von ihnen sind, das verraten die Nummernschilder der parkenden Pkws, aus dem Umland gekommen. Andere haben sich aus Potsdam, Lübeck und Hamburg auf den Weg gemacht. Auf dem Turm flattert heute die Regenbogenfahne im Wind. Schräg darunter glitzert eine Discokugel am Abort-Erker, der früheren Burgtoilette, im goldenen Licht des Sommernachmittags.
Gut gelaunt läuft nun Undine Spillner über das Burggelände und beobachtet das bunte Festivaltreiben. Die 45-Jährige hat das Telefon am Ohr, die Sonnenbrille lässig ins lange Haar geschoben. Sie ist studierte Kulturarbeiterin und Mutter von drei heranwachsenden Söhnen. Gemeinsam mit ihrem Partner Christian Herfurth hat sie das Transit Festival vor 13 Jahren gegründet. Für die beiden ist die Kulturveranstaltung mit dem ausgewählten Band-Line-up, Kreativworkshops, Theater, Yogasessions und Gesprächsrunden „ein utopischer Sommertraum für alle zwischen Burg und Fluss“. Ein Transit-Ort im besten Sinne, an dem Menschen jeglicher Herkunft und jeden Alters zusammenkommen, verbunden durch das gemeinsame Erleben von Kultur. Spillner, gebürtige Berlinerin, kam Anfang der achtziger Jahre mit ihren Eltern, einem Künstlerpaar, ins Tollensetal bei Neubrandenburg. Auf der Suche nach Freiräumen in der zunehmend enger werdenden DDR fühlten diese sich magisch von der mittelalterlichen Burg Klempenow angezogen – beide wurden Gründungsmitglieder des heutigen Kulturorts. Die Burg und deren angrenzende Domäne, die noch bis in die 1990er Jahre bewohnt war, war total zerfallen und voller Müll. Dann begann das, was Spillner „die Power der Neunzigerjahre“ nennt. Mit viel Einsatz und Geld wurde die Burgruine zu einem spektakulären Kulturort mit Ausstellungsflächen, Kanuverleih, Café und Laden im historischen Torwächterhaus wiedererweckt. Heute kümmern sich etwa 15 aktive Mitglieder und Freunde des Kultur-Transit-96 e.V. von Burg Klempenow um die rund 45 Veranstaltungen im Jahr, so wie um den „Appelmarkt“, die Jazzkonzerte oder das „Neue Heimat“-Filmfest für internationale Kurz- und Dokumentarfilme, das Spillner und Herfurth seit inzwischen 15 Jahren veranstalten.
Undine Spillner, Gründerin des Transit Festival
„Wo ist die Triggerwarnung?“, fragt Spillner, nun wieder am Telefon. Sie steht vor der breiten Lattentür des langen Gebäuderiegels, der früher Kuhstall war und heute Veranstaltungsraum ist. Derzeit zeigt das Friedensbibliothek-Antikriegsmuseum der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg hier die Ausstellung „Der Traum von einem anderen Deutschland“. Zu sehen sind teils verstörende Schwarz-Weiß-Fotografien vom Krieg und seinen Opfern im Dritten Reich – zu heftig für Kinder unter zwölf Jahren. Um den ländlichen Raum derart anspruchsvoll zu bespielen, brauche es engagierte Menschen und Fördermittel, sagt Spillner. „Wir machen hier kulturelle Grundversorgung.“ Das geschehe zu großen Teilen ehrenamtlich. Eine zunehmend schwierige Aufgabe: Anhaltende Sparzwänge in den Kommunen sowie der Einzug von AfD-Abgeordneten in die kommunalen Parlamente mache ihnen das Leben schwer. Erst Ende Juni machte eine Entscheidung des Kreistags im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte bundesweit Schlagzeilen. Ähnlich wie schon Ende Mai im Ilmkreis in Thüringen sprach sich der Kreistag mit den Stimmen der AfD und zahlreichen Enthaltungen aus CDU und BSW gegen die Fortführung des jährlich mit 140.000 Euro geförderten Bundesprogramms „Demokratie leben!“ aus. Dadurch stehen diverse Demokratieprojekte wie Jugendarbeit, Extremismusprävention, politische Bildung vor dem Aus. Eine Entwicklung, die auch auf bundespolitischer Ebene begünstigt wird. So hat Familienministerin Karin Prien (CDU) im Frühjahr 2026 die Neuausrichtung des Programms „Demokratie leben!“ angekündigt: weg von einer breiten projektbasierten Förderung der Zivilgesellschaft hin zu einer Demokratiebildung in staatlich getragenen Regelstrukturen und einer erweiterten Extremismusprävention. Mit der Konsequenz, dass zum Jahresende bundesweit etwa 200 Projekte auslaufen. Der aktuelle Etatentwurf des Bundesfamilienministeriums sieht zudem weitere Mittelkürzungen bei der Demokratiearbeit in zweistelliger Millionenhöhe vor.
Auch in Spillners Festivalkasse klaffte eine Lücke von 13.000 Euro. Eine Summe, die den Macher:innen schlaflose Nächte bereitete und Spillner auf die fieberhafte Suche nach Fördertöpfen schickte. Mit Erfolg. Nur zwei Tage vor Festivalbeginn brachte eine Stiftung zur Förderung zivilgesellschaftlicher Demokratieprojekte die fehlenden Mittel auf.
„Der Wandel der Gesellschaft wirkt sich jetzt direkt im ländlichen Raum aus“, sagt die Festivalmacherin. Ihre Antwort auf das demokratiefeindliche Klima: die Stellung halten, Kulturschaffende stärken und neue Allianzen schmieden. Den passenden Resonanzboden dafür soll eine Gesprächsrunde im ehemaligen Kuhstall bieten. Und so sitzen am Samstagvormittag eine Klimaaktivistin aus München, ein Publizist aus dem Umfeld der Rosa-Luxemburg-Stiftung und Sophie Tieding, die Jugendkandidatin der Linken aus Greifswald, eingeladen als Sprecherin der Initiative „Schulstreik gegen Wehrpflicht“, im ehemaligen Kuhstall vor rund 100 Interessierten.
Gleich zu Beginn will die Runde den Zuhörer:innen angesichts „des Weltschmerzes da draußen“ ein paar positive Impulse zum Handeln geben. Die Redner:innen berichten von erfolgreichen Aktionen linker Gruppen – zuletzt etwa beim Landesparteitag der AfD in Erfurt – und von der neuen Politisierung unter Schüler:innen, die mit Schulstreiks gegen die Wehrpflicht protestieren. Im Publikum herrscht konzentrierte Spannung. Einige Gäste, die meisten wohl Mitte vierzig und ein paar Alt-Linke, nehmen den Ball zaghaft auf, werben für mehr Erfahrungsaustausch zwischen den Generationen oder berichten, dass sie erst kürzlich gegen die Kürzung von Demokratiefördermitteln auf der Straße waren.
Später auf der Wiese liegt die „Fette Elke“ noch im Rausch der vergangenen Nacht, die Schiebetür des Tanzlokals ist geschlossen. Sophie Tieding wirkt hoffnungsvoll, weil die Umfragewerte der Linkspartei sich zuletzt stabilisiert haben. Der Landesverband in Mecklenburg-Vorpommern zählt viele Neumitglieder, seit Januar 2025 sind rund 1.300 Menschen in die Partei eingetreten. Auch ihr Haustürwahlkampf in Greifswald laufe gut. Dass sie ihre körperliche Behinderung zum Wahlkampfthema gemacht habe, bringe ihr viel Respekt ein. Mit Blick auf den Ausgang der Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern sagt Tieding: „Wir sind offen für Rot-Rot-Grün“.
Die eigentliche Aufgabe aber folge danach: „Und dann müssen wir den blauen Balken wieder kleinkriegen.“
Julia Völcker kommt gebürtig von der Insel Rügen. Sie berichtet immer wieder aus Mecklenburg-Vorpommern, um den Menschen aus dem Bundesland eine Stimme zu geben. Den „einen Osten“, über den gerade wieder so viele sprechen, kennt sie nicht.
Quelle: Landesamt für innere Verwaltung, Statistisches Amt
Quelle: Deutscher Fonds für Demokratie e.V, 09/26
Quelle: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung
Quelle: Statistisches Bundesamt
Quelle: Umfrage infratest dimap, 10.09.26
Quelle: Umfrage infratest dimap, 10.09.26
Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen