: Damit es endlich aufhört
Minderjährige, die schwanger werden, müssen in Guatemala meist das Kind austragen – selbst nach einer Vergewaltigung. Fátima wurde mit dreizehn missbraucht und bekam einen Sohn. Sie hat den Staat, der sie nicht schützte, erfolgreich verklagt
Aus Huehuetenango und Guatemala-Stadt Knut Henkel (Text und Fotos)
Fátima schluchzt, ihr Körper zittert. „Ich war dreizehn, schwanger, nicht verheiratet“, erzählt die 29-Jährige mit Pferdeschwanz und silberner Brille. Sie steht vor einer Schule im Zentrum von Huehuetenango im Norden Guatemalas. Fátima selbst hat die Escuela Departamental einst besucht. Ein Metallzaun schirmt das ockerfarbene Gründerzeitgebäude ab. „Ich war eine wissbegierige Schülerin“, sagt Fátima. „Ich hatte Spaß am Lernen. Träumte davon, Architektin oder Universitätsprofessorin zu werden.“
Tränen laufen Fátima über die Wangen, denn zur Erinnerung an die Schule gehört auch die Rektorin, die ihr klar machte, dass sie, die beste Schülerin, nicht wie üblich die Standarte beim Schulfest tragen dürfe – als unehelich Schwangere. 2010 war das. „Ich war befleckt“, sagt Fátima. Diese Demütigung hat sie nie verwunden. Fátima ist ein Pseudonym. Sie will ihren richtigen Namen aus Vorsicht nicht veröffentlicht sehen. Wegen der beiden Kinder, die sie heute hat, wegen der Schule, an der sie heute arbeitet. Die Menschen dort sollen nicht en detail wissen, was ihr widerfahren ist. Denn jedes Erinnern ist ein schmerzhafter Kraftakt.
„Für unverheiratete schwangere Mädchen oder gar junge Mütter ist da kein Platz, wir fallen durch das Raster.“ Dabei ist Fátima mit ihrer Geschichte nicht allein. Der Verwaltungsbezirk Huehuetenango hat eine der höchsten Raten von minderjährigen Müttern in ganz Guatemala.
So wie es ihr in der Schule erging, erging es Fátima auch in der Kirche. Sie ist in einem katholischen Haushalt aufgewachsen, ihre alleinerziehende Mutter hat Wert auf den Besuch der Messe gelegt. Der aber war in der prächtigen Kathedrale von Huehuetenango nicht mehr möglich. Dabei war die Wohnung der Familie gar nicht so weit entfernt. Fátima war nicht mehr willkommen – obwohl die Jugendliche überhaupt keine Schuld trug.
„Für mich als Opfer einer Vergewaltigung war damals in der Kirche kein Platz“, sagt Fátima mit leiser Stimme. Wieder kann sie die Tränen nicht zurückhalten, die mit den Erinnerungen aufsteigen. Dreizehn Jahre alt war sie, als ein langjähriger Freund der Familie sie missbrauchte. Zu einer Fahrt in die Hauptstadt, zu einem Treffen von Jugendlichen am Jahresauftakt 2010 hatte er die 13-jährige eingeladen. Ihre Mutter hatte es erlaubt, warum auch nicht. Fátima hatte Spaß an solchen Ausflügen, und zu Roberto Santiago gab es Vertrauen. Er hatte für Fátima schließlich die Schuluniformen, Bücher, Stifte und vieles mehr gekauft, mit ihr gelernt, sie motiviert – war für sie da. Nicht nur ein paar Monate oder ein Jahr, sondern ein ganzes Jahrzehnt lang.
Doch an jenem Abend in einem Hotel in Guatemala-Stadt hat der Mann, der all ihr Vertrauen und das ihrer alleinerziehenden Mutter hatte, sie brutal vergewaltigt. „Ich war geschockt, traumatisiert, musste versprechen, niemandem etwas zu erzählen, sonst würde er alle Unterstützung für meine Mutter einstellen“, sagt Fátima. „Dann kam die Übelkeit, das Erbrechen, mir ging es mies und schließlich kam alles raus.“ Die schlimmsten Monate ihres Lebens.
Ihre Mutter, die den gesamten Unterhalt für ihre sieben Kinder mit Gelegenheitsjobs erwirtschaften musste, schleppte Fátima zu einem befreundeten Arzt. Der stellte per Ultraschall die Schwangerschaft fest, die sie nie wollte, für die ihr Körper gar nicht bereit war. Doch ein Schwangerschaftsabbruch war keine Option. In Guatemala wie in großen Teilen Lateinamerikas sind Minderjährige de facto dazu verurteilt, eine Schwangerschaft auszutragen – auch wenn diese Resultat einer Vergewaltigung ist.
Schule und Kirche haben sie gedemütigt
„Ich musste meiner Mutter schließlich erklären, wer der Vater war. Das war ein Schock für sie“, sagt Fátima mit leiser Stimme auf einer der Bänke mit Blick auf die Kathedrale. „Danach habe ich mich verschlossen, eingeigelt, fühlte mich schuldig.“ Der Vergewaltiger, Roberto Santiago, war Leiter einer Abteilung in der Sozialbehörde der Stadt. Licenciado, Studierter, wurde er in Huehuetenango respektvoll genannt. In den städtischen Sozialunterkünften, in den Kliniken, aber auch darüber hinaus. Die Familie Santiago gehört zu den einflussreichen in und um Huehuetenango, einer armen, relativ nah an der Grenze zu Mexiko gelegenen, Region.
Kaffee ist hier das wichtigste Anbau- und Exportprodukt. Allerdings sinken die Erträge mit der Klimaerhitzung, und anders als früher gehen heute kaum mehr Menschen zur Kaffeeernte nach Mexiko. Zu gefährlich, die Kartelle kontrollierten die Südgrenze Mexikos, heißt es. Was bleibt, ist seit Jahren der Weg in die USA. Doch von daher kommen mehr und mehr Auswanderer zurück – selten freiwillig.
Teenagerschwangerschaften werden im Departamento Huehuetenango in zwei Kategorien unterschieden: Schwangerschaften von Kindern zwischen 10 und 14 Jahren und Schwangerschaften von Heranwachsenden zwischen 14 und 19 Jahren. Fátima kennt sich aus, weil sie als Lehrerin sehr genau die Verhältnisse in den Schulen der Region kennt. Und weil ihre Tochter besser geschützt sein soll, als Fátima es war.
Sechzehn Jahre ist Fátimas Sohn jetzt alt, elf Jahre ihre Tochter. Sie ist der Antrieb, warum Fátima nach all den Jahren nicht locker lässt und noch immer dafür kämpft, dass der Vergewaltiger bestraft wird. „2011 habe ich die erste Anzeige gestellt. Gemeinsam mit meiner Mutter. Sie hat nichts gebracht“, sagt Fátima. „Bis heute ist der Täter frei, ich bin ihm sogar zweimal begegnet.“ Der Täter wird gedeckt, so die Mutmaßung. Von seiner einflussreichen Familie, den ehemaligen Kollegen und Kolleginnen innerhalb des städtischen Sozialamts.
Roberto Santiago, studierter Pädagoge, war beliebt, vergab Posten, hat Kontakte in die Justiz. Bis heute wurde Santiago nicht festgenommen, obwohl die Beweise gegen ihn erdrückend sind. „Er müsste mittlerweile so um die 60 Jahre alt sein, vielleicht auch schon 65 Jahre“, sagt Fátima. „Ich bin sicher, dass er nach wie vor in der Region lebt, und natürlich will ich ihm nicht noch mal begegnen.“ Die taz konnte Fátimas Anzeige einsehen, ein Bericht des UN-Menschenrechtsausschusses dokumentiert den Fall, so wie sie ihn schildert. Roberto Santiago aber war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.
Es ist ja nicht nur der Vergewaltiger, der sich tief in Fátimas Gedächtnis eingegraben und ihr Vertrauen in Männer tief erschüttert hat. Traumatisierend war auch, wie Schule und Kirche damit umgegangen sind – und die Angestellten des Gesundheitssystems, die die 13-Jährige während und nach ihrer Schwangerschaft gedemütigt haben.
Ein Mädchen, das ein Kind habe, dürfe ohne Heiratsurkunde nicht weiter zur Schule gehen, hieß es damals. Erst als Fátima und ihre Mutter bei der Hilfsorganisation Mujeres Transformando el Mundo, Frauen verändern die Welt, um Hilfe baten, sorgte die landesweit bekannte Organisation für rechtlichen Beistand. Fátima klagte sich zurück in die Schule, und das war ihr Sprungbrett, um an die Universität zu kommen. „Ohne Mujeres Transformando el Mundo wäre ich heute eine Marktverkäuferin“, sagt Fátima.
Sie erinnert sich noch an den ersten Besuch bei der Frauenorganisation. „Dort habe ich zum ersten Mal begriffen, dass ich nicht die Einzige bin“, sagt Fátima, „dass wir viele sind, die damit fertig werden müssen, und dass es Frauen gibt, die helfen.“
Management und Betriebswirtschaftslehre wollte Fátima eigentlich studieren. Doch das war zu teuer, Pädagogik war im Budget ihrer Mutter gerade noch drin. Bei Fátimas Mutter landete auch gleich nach seiner Geburt der kleine Jamal. Für Fátima war es schlicht nicht möglich, ihren Sohn zu stillen, ihn aufzuziehen. Bis zum zwölften Lebensjahr wuchs er bei der Großmutter auf. „Als er zehn war, immer wieder nachfragte, erzählten wir ihm schließlich, wer sein Vater ist“, sagt Fátima. „Da begriff er, warum unser Verhältnis anders ist als das zwischen mir und seiner Halbschwester.“
Mit 18 Jahren hat Fátima ihren jetzigen Mann kennengelernt, mit 19 hat sie ihn geheiratet. Im selben Jahr kam die gemeinsame Tochter zur Welt. Für ihren Sohn Jamal sei ihr Ehemann mittlerweile zu einem vertrauten Vaterersatz geworden, sagt Fátima. Oft würde Jamal besser mit seinem Stiefvater klarkommen, als mit ihr selbst.
Sieben Autostunden entfernt von Huehuetenango, in Guatemala-Stadt, befindet sich die Zentrale von Mujeres Transformando el Mundo. Bei Bedarf begleitet die Organisation Betroffene sexualisierter Gewalt über Jahre hinweg. „Fátima ist nur ein Beispiel“, sagt Paula Barrios, Anwältin und Koordinatorin von Mujeres Transformando el Mundo. „Bei uns arbeiten Sozialarbeiterinnen, eine Psychologin, eine Therapeutin und auch eine Köchin, die als Opfer sexueller Gewalt zu uns gekommen sind. Es gibt Dutzende von Biografien, in denen wir auftauchen.“ Finanzielle Förderung für diese Arbeit kommt aus Spanien, aber auch zum Beispiel aus Skandinavien.
Paula Barrios, Anwältin
Mujeres Transformando el Mundo hat auch den Fall Sepur Zarco publik gemacht und vor Gericht gebracht. Es ist der wohl wichtigste Fall von sexualisierter Gewalt im guatemaltekischen Bürgerkrieg, sie richtete sich in den Achtzigerjahren gegen mehr als ein Dutzend indigene Frauen. Die beiden verantwortlichen Militärs wurden 2018 für sexualisierte Versklavung und mehrere Morde zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Ein Urteil, das angesichts von Abertausenden Vergewaltigungsfällen durch die Militärs überfällig war. Gleichwohl hat der Staat Guatemala bis heute nicht alle Wiedergutmachungsleistungen für die Opfer der Militärs erfüllt, zu denen er vom Gericht verurteilt wurde.
Fátimas Fall ist anders. Und in ihrem Fall soll es anders laufen.
Paula Barrios hat den Prozess 2018 gemeinsam mit Fátima angestoßen. „Sie war frustriert, dass Roberto Santiago auf freiem Fuß war“, sagt die Anwältin. „Ich regte an, etwas für die zu tun, die keine Stimme haben.“ Die beiden begannen, den Fall niederzuschreiben und aufzuzeigen, wo der Staat seinen formalen Pflichten nicht nachgekommen war. Laut der Verfassung. Und laut der UN-Menschenrechtscharta. Es war ein erster Schritt. Der zweite folgte 2019 mit der Einreichung einer Sammelbeschwerde beim UN-Menschenrechtsausschuss.
Die enthielt vier weitere Fälle von Jugendlichen aus Nicaragua, Peru, Ecuador und El Salvador, die wie Fátima vergewaltigt worden waren und gegen ihren Willen ein Kind zur Welt bringen mussten. „Die Option des Schwangerschaftsabbruchs ist in Guatemala nur aus medizinischen Gründen legal, attestiert von zwei unabhängigen Ärzten – Minderjährige sind de facto dazu verurteilt, ein Kind zur Welt zu bringen, wenn sie schwanger sind. Auch wenn die Schwangerschaft eine Folge sexueller Gewalt ist“, sagt Paula Barrios. Eine bittere Realität in Guatemala, aber auch in vielen Nachbarländern. „Doch das widerspricht den Grundrechten der Mädchen, die weder zu einer Schwangerschaft noch zu einer Mutterschaft gezwungen werden dürfen“, sagt Paula Barrios und beruft sich dabei auf den UN-Ausschuss für Menschenrechte.
Heute setzt sie sich für andere Frauen ein
Barrios gehörte zu einem Team von Anwältinnen, die vor dem Ausschuss eine Entscheidung erstritten haben, die nicht nur in Guatemala, sondern auch in den anderen vier Ländern die Regierungen in die Pflicht nimmt. Es brauche begleitende Maßnahmen, die den Zugang zu Medizin, Justiz und Administration erleichtern, aber auch dafür sorgen, dass Sexualerziehung und Prävention in Guatemala Realität werden und die Opfer besser versorgt werden, sagt Paula Barrios. „Die große Herausforderung ist die Implementierung der Maßnahmen.“
Das sieht Ninfa Alarcón ganz ähnlich. Sie leitet das Programm für Kinder- und Jugendrechte des Menschenrechtsbüros des katholischen Erzbistums von Guatemala-Stadt. „Das Urteil gegen den guatemaltekischen Staat im Fall Fátima kennen in Guatemala nur die Spezialisten“, sagt die 63-Jährige. Die Zahlen von Schwangerschaften minderjähriger und heranwachsender Mädchen würden nach wie vor steigen. 2.101 Kinder von Müttern zwischen 10 und 14 Jahren kamen im Jahr 2025 in Guatemala zur Welt, 54.788 waren es bei den Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren. Huehuetenango sei eine Region, in der es besonders viele Fátimas gebe, sagt Alarcón.
2024 hat sie eine Broschüre mit den harten Fakten veröffentlicht. Ein Novum im Erzbistum, ein Novum im Land. Es steht darin, wer die typischen Täter sind: Väter, Stiefväter, Großväter, Onkel, Freunde. „Das sind Fakten, die in der Kirche weder gern gesehen, noch wahrgenommen werden“, erklärt Alarcón. Sie wünscht sich von ihrem Arbeitgeber eine aktivere, positive Rolle.
Doch davon sind die Kirchen, die katholische und mehr noch die evangelikale in Guatemala weit entfernt. Beide Religionsgemeinschaften sind extrem einflussreich in Gesellschaft und Politik. Der Schutz ungeborenen Lebens scheint ihnen wichtiger als der Schutz und die Rechte der minderjährigen Mütter. Ein Beispiel: Auf Druck der Kirchen liegt die Gesetzesinitiative 5376 zum Schutz von Minderjährigen vor sexualisierter Gewalt seit 2018 im Parlament auf Eis.
Geht es um Sexualkunde, sexuelle Rechte und den medizinischen Schwangerschaftsabbruch, winken viele Abgeordnete nur ab. „Das sind Tabus, an die sich auch die progressive Regierung von Bernardo Arévalo zumindest derzeit nicht herantraut – trotz des Urteils“, sagt Paula Barrios. Die Juristin weiß genau, dass das an den Mehrheitsverhältnissen im Parlament liegt, wo die Regierungspartei nur über etwas mehr als 20 Mandaten verfügt. Von 160. Die korrupte und oft auch religiöse Rechte verfügt über eine deutliche Mehrheit.
Das macht die Implementierung des erstrittenen Urteils alles andere als einfach. Doch Paula Barrios ist hartnäckig und weist in den Verhandlungen mit den Regierungskommissionen immer wieder auf offensichtliche Defizite hin. „Wer kümmert sich um die Kinder, wenn minderjährige Mütter in die Schule gehen? Wer sorgt dafür, dass die Mütter an der Schule nicht diskriminiert werden?“, fragt sie und drängt die Behörden zu Reformen.
Die sind überfällig und Fátima kann das gut beurteilen. „Wir müssen unsere Kinder besser erziehen, besser schützen, besser aufklären“, sagt sie. Dass sie die Verhältnisse unter Jugendlichen so gut kennt, liegt auch daran, dass sie ihr berufliches Ziel gegen viel Widerstand erreicht hat. Seit acht Jahren unterrichtet Fátima nun schon als Lehrerin.
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