: „Da ist ein roter Faden“
Vittorio Agnoletto war Sprecher der Proteste gegen den G8-Gipfel in Genua 2001, bei denen Carlo Giuliani von der Polizei erschossen wurde. Ein Gespräch über staatliche Gewalt, linke Niederlagen und das, was blieb
Foto: Marijan Murat/dpa
Interview Michael Braun
taz: Herr Agnoletto, in den Tagen vom 18. bis zum 22. Juli 2001 strömten im norditalienischen Genua Hunderttausende zusammen, um gegen den G8-Gipfel dort zu protestieren. Ich berichtete damals von dort für die taz. Sie waren der Sprecher des Genoa Social Forum, in dem sich Organisationen aus aller Welt zusammengeschlossen hatten, um den Protest zu koordinieren. Woran erinnern Sie sich besonders?
Vittorio Agnoletto: Meine wichtigste Erinnerung ist die Auftaktversammlung. Das war eine wirklich globale Versammlung von Bewegungen aus aller Welt, die gemeinsame Ziele hatten. Da war der philippinische Fischer, der Soziologe aus Thailand, die Bauern aus Lateinamerika, die Bewegungen aus Europa. Ihnen allen war klar, dass die Entscheidungen in einer globalen Welt alle betreffen. Dass die Bewegungen am Finanzmarkt der City of London genauso wie die Freihandelsabkommen der Welthandelsorganisation tiefe Auswirkungen auf das Leben von hunderten Millionen Menschen haben. Dem setzten wir unsere Vision entgegen: „Eine andere Welt ist möglich.“
taz: In die kollektive Erinnerung eingebrannt haben sich jedoch andere Bilder von Genua: Bilder der brutalen Schlagstock- und Tränengaseinsätze der Polizei gegen die Demonstrationen des 20. Juli etwa, die in dem Todesschuss auf den 23-jährigen Carlo Giuliani gipfelten. Wann erfuhren Sie selbst vom Tod Giulianis?
Agnoletto: Ich war selbst noch am Freitagnachmittag auf einer der Demos unterwegs, als mich die Nachricht erreichte. Mich hat dann sehr beeindruckt, wie die Großversammlung am Abend reagierte. Die Geschichte hätte völlig aus dem Ruder laufen können, doch das war trotz des Schocks nicht der Fall.
taz: Warum kam es in der Folge trotzdem zu noch mehr Gewalt gegen die Demonstrierenden?
Agnoletto: Ich denke, die neue globalisierungskritische Bewegung, die sich zuerst in Seattle 1999 gezeigt hatte, machte den Mächtigen Angst. Sie war nicht nur global, sie überwand auch alte ideologische Barrieren. Zwischen Menschen zum Beispiel, die aus der kommunistischen oder sozialistischen Tradition stammten und anderen, deren Engagement im Katholizismus wurzelte. Darauf wollten die Mächtigen reagieren, um diese Bewegung zu stoppen. In Italien waren die Voraussetzungen gut: Dort hatte gerade die Rechte unter Silvio Berlusconi die Regierung übernommen.
taz: Am Ende des G8-Gipfels stand der polizeiliche Sturm auf die Diaz-Schule in Genua, in der Demonstrierende übernachteten. Ich traf Sie damals in dem Moment, als dutzende Schwerverletzte auf Bahren aus der Scuola Diaz gebracht wurden. Sie sagten mir damals, das sei die Rache des Staats.
Agnoletto: Vor allem zeigte sich dort, dass der Staat selbst kein Problem damit hatte, die Gesetze und die Verfassung zu brechen. Da ging es auch darum, die Schuldfrage für die Ausschreitungen in Genua zu klären, mit einem Toten, mit polizeilichen Angriffen auf genehmigte Demonstrationen, mit den durch verletzte Demonstrant*innen überfüllten Notaufnahmen der Krankenhäuser.
taz: Die Begründung für den Sturm auf die Schule war, dass dort angeblich Angehörige des Schwarzen Blocks waren …
Agnoletto: … dafür brachte die Polizei auch gefakte Beweismittel vor. Zum Beispiel zwei angeblich in der Schule gefundene Molotowcocktails. Damit sollte die gesamte Bewegung kriminalisiert werden. Dabei hatte die Polizei bei allen Demonstrationen der Vortage die gewalttätigen Mitglieder des Schwarzen Blocks immer gewähren lassen, um anschließend auf die überwiegende Mehrheit der friedlichen Demonstranten einzuschlagen. Nach diesem Schema lief auch der völlig unprovozierte Angriff auf die Demonstration der „Ungehorsamen“ aus den besetzten autonomen Zentren Italiens ab, an dessen Ende der Todesschuss auf Carlo Giuliani stand.
taz: Schon wenige Jahre nach Genua war von der mächtigen globalisierungskritischen Bewegung kaum noch etwas zu sehen. Ist die Strategie der staatlichen Repression in Ihren Augen also aufgegangen?
Agnoletto: Wir dürfen nicht unterschätzen, dass viele der Basisinitiativen, die in Genua präsent waren, dort überhaupt zum ersten Mal bei Straßendemonstrationen dabei waren. Sie taten sich oft schwer mit der Anschuldigung, auch sie gehörten zu den extremistischen Kräften. Und sie fürchteten oft auch um ihre Bewegungsfreiheit in ihrer lokalen Arbeit, auf die viele sich dann wieder zurückzogen.
taz: Im November 2002 gab es noch das Europäische Sozialforum in Florenz, zu dem zehntausende Menschen zusammenkamen, im Februar 2003 dann die Demonstrationen gegen den drohenden Irakkrieg, an denen sich – auch in Italien – Millionen beteiligten. Widerspricht das nicht Ihrem Befund?
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Vittorio Agnoletto 68, Mediziner, war 2001 Sprecher des Sozialforums in Genua. Von 2004 bis 2009 war er Mitglied des Europäischen Parlaments. Er saß für die linke Fraktion im Ausschuss für auswärtige Angelegenheiten und im Unterausschuss Menschenrechte.
Agnoletto: Ich bin ja Arzt, und ich vergleiche das mit einer Verletzung, da sorgt die neurovegetative Reaktion auch dafür, dass man den Schmerz nicht unmittelbar fühlt. Später jedoch stellt er sich ein, mit dem Bewusstsein, dass man nicht einfach weitermachen könne. Und da fand dann für viele der Rückzug auf die eigenen ursprünglichen Aktivitäten in den jeweiligen sozialen Initiativen statt. Außerdem dürfen wir den 11. September nicht vergessen – nur 50 Tage nach Genua. Vorher war unsere Konfliktlinie die zwischen dem Neoliberalismus und den sozialen Bewegungen. Nach dem 11. September jedoch wird eine ganz andere Konfliktlinie präsentiert, nämlich die zwischen dem Westen und dem islamistischen Terrorismus. Und jeder wurde mit der Frage konfrontiert: Stehst du auf der Seite des Westens oder auf der Seite des Terrorismus?
taz: Ihr jüngstes Buch heißt „Il G8 di Genova: Ieri, oggi, domani“ und will den Gipfel aus den Perspektiven von gestern, heute und morgen betrachten. Wie ist es um die Perspektiven für heute und morgen bestellt? Sie waren im August beim Weltsozialforum in Benin. In Europa wurde über dieses Forum aber schlicht nicht gesprochen.
Agnoletto: Das stimmt. Vor 25 Jahren dominierten europäische und lateinamerikanische Kräfte die globalisierungskritische Bewegung. In Benin dagegen kamen die Teilnehmer*innen ganz überwiegend aus Afrika und Asien. Gerade in Afrika bewegt sich sehr viel, während europäische Stimmen so gut wie nicht zu vernehmen waren.
taz: Hier in Europa bewegt sich also nichts?
Agnoletto: Ich sehe ein verbreitetes Bewusstsein gerade in den jungen Generationen, dass ihre Zukunft nicht positiv sein wird. Und dann kommt noch der Faktor Zeit dazu – das Risiko, dass der Menschheit das Ende droht. Zu Protest wird dieses Bewusstsein dann, wenn die jungen Menschen das Gefühl haben, dass ihr Engagement zählt.
Foto: Riccardo Venturi/Contrasto/laif
taz: Können Sie dafür ein Beispiel nennen?
Agnoletto: In Italien waren im März alle erstaunt über die hohe Beteiligung der Jüngeren am Verfassungsreferendum über die Justizreform, die die Rechten um Ministerpräsidentin Giorgia Meloni durchsetzen wollten. Normalerweise bleiben die Jungen bei Parlamentswahlen eher zu Hause. Und was mir ebenfalls immer wieder auffällt, ist der ethische Antrieb, der das Engagement leitet.
taz: Wie damals, vor 25 Jahren, bei den Protesten in Genua?
Agnoletto: Da ist ein roter Faden, der Fridays for Future, die Kampagne zum italienischen Verfassungsreferendum und die hier in Italien ja sehr breiten Gaza-Proteste verbindet. Überall geht es über die konkrete Frage hinaus auch um die Zukunft des Planeten.
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