piwik no script img

DIE DRITTMITTEL-EINWERBUNG MUSS TRANSPARENTER WERDENAuftragsforscher brauchen einen Kodex

Nicht um Untreue, aber um Vorteilsnahme handelt es sich, wenn ein Heidelberger Klinikdirektor für jeden bestellten Herzschrittmacher einen Bonus für seine Forschung erhalten hat – und zwar ohne die Univerwaltung mitreden zu lassen. Das Urteil des Bundesgerichtshofs, das damit niedrigere Instanzen teilweise bestätigt, spricht eines der heikelsten Kapitel der modernen Forschung an: Welches Geld darf ein Forscher von der Industrie annehmen, und vor allem: nach welcher Prozedur?

Immerhin gibt es in Deutschland de facto schon eine Übereinkunft: Universitätsforschung wird längst zu weiten Teilen von der Industrie direkt bezahlt, vor allem in Pharmazie und Medizin. Da Bund und Länder im besten Fall noch die Grundausstattung einer Hochschule finanzieren, bleibt den Professoren auch nichts anderes übrig, als Geld einzuwerben. Das Problem sieht nicht nur die Anti-Korruptions-Organisation Transparency International zu Recht: Es gibt deshalb in Deutschland kaum noch kritische Forschung in manchen Bereichen der Medizin. In anderen Industrieländern ist die Situation übrigens kaum anders.

Nun kann die Industrie schlecht ihre eigenen Kritiker bezahlen. Das ist im profitorientierten System nicht vorgesehen. Wer die Pharmaforschung und sogar deren Begutachtung den entsprechenden Konzernen überlässt, braucht sich zum Beispiel nicht zu wundern, dass am Ende nicht die Forschung nach den billigsten Verfahren und Medikamenten vorangetrieben wird.

Ein Ausweg kann nur in einer Mischung aus Selbstverpflichtung der Forscher und gesetzlichen Maßnahmen liegen. Selbstverpflichtung, weil dabei die Hoffnung besteht, den eh schon zu hohen Bürokratismus an deutschen Unis möglichst wenig zu erhöhen. Der interne Druck von Kollegen kann mehr bewirken als langwierige Gerichtsurteile mit unklaren Ergebnissen. Verordnungen und Gesetze sind trotzdem nötig, damit auch ein wirkliches Drohpotenzial dahinter steht, wenn die Selbstverpflichtung missachtet wurde.

Das ideale Ergebnis wäre dann, dass jeder Forscher oder Gerichtsgutachter wie auf einer Visitenkarte seine Sponsoren samt den geflossenen Summen vor sich her trägt. Außerdem muss der Staat gewisse Felder einfach besser finanzieren. Manche Wissensgebiete, die der privaten Wirtschaft keinen Profit bringen oder gar unbequem sind, können nämlich für die Gesellschaft profitabel sein. Ein gutes Beispiel ist die deutsche Umweltmedizin, deren unabhängige Forscher zunehmend schlechter dran sind. Nichts gegen einen von Coca-Cola gesponserten Lehrstuhl – aber die Auswirkungen von Limonade werden dann doch besser nicht dort untersucht. REINER METZGER

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen