Corona-Test auf der Straße

Foto: Francis Mascarenhas/reuters

Corona-Alarm im Slum von Mumbai:Das Virus und das Elend

In Dharavi verteilt Raphel Paul Lebensmittel. Kiran Dighavkar versucht die Seuche einzudämmen. Die Studentin Neha hat Angst.

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27.4.2020, 13:02 UHR

Sie schlängeln sich aneinander vorbei. Wer zu langsam läuft, wird mit einem hektisch zischenden Laut an die Seite gedrängt. Unzählige Menschen passieren täglich die Dhobi-Ghat-Brücke in Mumbai, die den Slum Dharavi mit dem Stadtteil Sion verbindet. Doch seit einigen Wochen ist es an der Brücke sehr ruhig geworden. Die Ausgangssperre aufgrund der Corona­krise hat das normale Leben radikal verändert. Der größte Slum Asiens ist abgeriegelt.

„In Sion befinden sich das Krankenhaus und der große Supermarkt. Die Schließung verstärkt die Probleme der Menschen“, sagt der Imbissbesitzer Raphel Paul, ein kräftiger Mann mit Schnauzer. Schon bevor das Virus die Slums von Mumbai erreicht hatte, war er besorgt. „Die Leute leben hier auf engem Raum und haben kaum Zugang zu sauberem Wasser. Die meisten benutzen die öffentlichen Toiletten, weil sie keine eigene haben“, sagt Paul.

In der westindischen Metropole Mumbai lebt knapp die Hälfte der Bevölkerung auf engstem Raum in Slums. Das betrifft 8 Millionen von 20 Millionen BewohnerInnen. Als in einigen dieser Viertel die ersten Coronafälle bekannt wurden, hat das die Behörden in höchste Alarmbereitschaft versetzt.

Mission impossible für Kiran Dighavkar

„Mein Tag beginnt damit, herauszufinden, wer sich in meinem Gebiet angesteckt hat“, sagt der leitende Beamte Kiran Dighavkar, der für die Region rund um den Slum Dharavi zuständig ist. Der 36-Jährige hat lange Tage hinter sich. Mit seinem Team versucht er die Ausbreitung unter Kontrolle zu bringen. Eine fast unlösbare Aufgabe. Vielmehr scheint seine „Mission Dharavi“ eine Mission impossible zu werden.

Eine Woche nachdem 1,3 Milliarden InderInnen Ende März unter die Ausgangssperre gestellt wurden, um die Ausbreitung des Coronavirus zu begrenzen, meldete Dharavi seinen ersten Coronatoten. Seitdem sind knapp vier Wochen vergangen, in denen sich in dem berüchtigten Slum über 275 Menschen angesteckt haben und 14 von ihnen verstarben.

Zunächst trafen die Corona-Infektionen in Indien nur die Besserverdienenden, jene, die sich Reisen ins Ausland leisten können, oder TouristInnen. Bald folgten Personen in ihrer nächsten Umgebung: ein Taxifahrer, eine Haushaltshilfe, eine Imbissköchin. Nun hat das Virus seinen Weg in die Armenviertel gefunden. Für viele Bewohner ist allerdings die größte Sorge nicht die Krankheit, sondern genug zu essen auf dem Teller zu haben. Mit dem Lockdown haben viele ihr tägliches Einkommen verloren.

Raphel Paul, der sonst in Dharavi ein Fast-Food-Restaurant betreibt, hat seit einem Monat keine Speisen mehr verkauft. Dieser Tage gibt er umsonst Linsen, Öl und Zucker aus. Bekannte helfen ihm bei der Verteilung. „Wenn wir nichts unternehmen, wer dann?“, fragt Paul. Ehrenamtlich leitet der 48-Jährige eine Nachbarschaftsinitiative, daher kennt man ihn gut. Morgens und abends ist die Ausgabe geöffnet.

Raphel Paul, Imbissbetreiber

„Ich befürchte, dass wir bald nichts mehr austeilen können. Auch Supermärkte haben Probleme“

„Ich befürchte, dass wir bald nichts mehr austeilen können. Auch Supermärkte haben Probleme mit dem Nachschub“, sagt Paul bei einem Videogespräch. Hinter ihm sind Säcke mit Vorräten zu sehen. Bei Zucker und Tee werde es aber knapp, genauso wie beim Geld, je länger der Ausnahmezustand andauert. Seine Familie ist wenig über sein Engagement erfreut. Sie befürchtet, dass er sich anstecken könnte. Mumbai verzeichnet eine der höchsten Corona-Infektionsraten Indiens.

Die dicht besiedelten Gebiete mit wenigen sanitären Einrichtungen sind ein gefundener Nährboden für ansteckende Krankheiten. Dabei ist es nicht ungewöhnlich, dass sich acht Menschen eine kleine Wohnung teilen. Diese Bedingungen erhöhen die Chance einer Übertragung. Ein Viertel der Menschen, die in Dharavi in den vergangenen zwei Wochen auf Sars-CoV-2 getestet wurden, waren angesteckt.

Der erste Fall Indiens erster Coronafall wurde am 30. Januar bekannt. Der betroffene indische Student war aus dem chinesischen Wuhan in seine Heimat zurückgekehrt. Bis Mitte März blieben die bestätigten Sars-CoV-2-Fälle im Land auf einem niedrigen Niveau.

Die Ausgangssperre Ab dem 18. März wurde für zahlreiche Länder ein Einreiseverbot verhängt. Eine Woche später erfolgte der Lockdown. Kritiker beklagen, dass zu wenig getestet wird und die mit der Ausgangssperre gewonnene Zeit nicht genutzt werde.

Die Zahlen Bislang (Stand 27. 4.) sind etwa 665.000 Corona-Tests durchgeführt worden. Die Zahl der Infektionen ist auf 27.892 gestiegen. Es gibt 872 Todesfälle. Besonders betroffen sind die Großstädte Mumbai und Delhi. Das indische Gesundheitssystem wird bei weitem nicht ausreichen, um Millionen BürgerInnen qualitativ hochwertig zu versorgen. (taz)

Kurz nachdem der erste Bewohner coronapositiv getestet worden war, starb der Betroffene. Zu diesem Zeitpunkt gab es in Mumbai nur wenige Fälle. Der Textilkaufmann, der an Fieber und Atembeschwerden litt, war nicht sofort als Corona-Infizierter erkannt worden. Er gehörte nicht zur Risikogruppe, da er nicht ins Ausland gereist war. Allerdings hatte er zuvor Pilger aufgenommen, von denen man annimmt, dass sie ihn angesteckt haben.

Seine Besucher kamen von einem Treffen der islamischen Glaubensbewegung Tablighi Jamaat aus Delhi und hatten in Mumbai einen Zwischenstopp eingelegt. Unter den Menschen aus 40 Ländern, die sich Anfang März in der Nizamuddin-Markaz-Moschee trafen, befanden sich mehrere Infizierte aus Malaysia und Indonesien, die so die Verbreitung des Coronavirus in Indien verstärkt haben.

Menschen stehen in einer Schlange, eine Person in Schutzanzug mit Stock in der Hand daneben.

Warten auf die Untersuchung im Slum von Dharavi Foto: Indranil Mukherjee/afp

74 Menschen wurden in Dharavi ausfindig gemacht, die mit dem verstorbenen Händler in Kontakt gekommen waren. Sie wurden unter Beobachtung gestellt. Viertel mit Coronafällen werden abgeriegelt und von der Stadtverwaltung Mumbais mit Nahrung und Medikamenten versorgt. „Uns bleibt nur, Erkrankte ausfindig zu machen und sie in staatliche Quarantäne zu verlegen“, sagt der Beamte Kiran Dighavkar.

Labyrinth aus Wellblechhütten, Tempeln und Kanälen

In dem gut zwei Quadratkilometer großen Gebiet, das sich im Herzen Mumbais befindet, leben etwa 800.000 Menschen, vielleicht auch mehr. So genau weiß das niemand. Kaum ein anderer Ort der Welt ist so dicht besiedelt. In dem Labyrinth aus Wellblechhütten, Moscheen, Märkten, Tempeln und Kanälen ist es schwer, den Überblick zu behalten. Zumindest für das Bild von oben helfen gerade Drohnen.

Anfangs waren die Fälle noch überschaubar, doch das Nachverfolgen der Infektionsketten wird mit der steigenden Zahl an Erkrankten immer schwieriger. „Die Menschen zu bitten, räumliche Distanz zu halten, ist nahezu unmöglich“, erklärt Dighavkar. Ärzteteams, Gesundheitsmitarbeiter und die Einsatzkräfte der Stadtverwaltung sind im Kampf gegen das Virus beteiligt. Allein in Dharavi sollen mehr als 50.000 Menschen untersucht werden. Um alle direkt auf das Coronavirus zu testen, fehlt es allerdings an Testkapazitäten.

Für BewohnerInnen mit gesundheitlichen Beschwerden wurden „Fieberkliniken“ bereitgestellt. Vor diesen Zelten erwartet das in hellen Schutzanzügen eingepackte und mit Gesichtsmaske und Handschuhen ausgerüstete Personal die Verdachtsfälle. Das medizinische Personal wird durch gespannte Seile von den Menschen getrennt. Die Zelte wurden an den Wohnblöcken hochgezogen, in deren Nähe sich Coronafälle ereignet haben. Mit Stirnthermometer wird die Temperatur gemessen, nach Symptomen gefragt und bei Verdacht ein Abstrich genommen, um auf Corona zu testen.

Die Herausforderungen seien groß, sagt Di­ghav­kar. Risikokontakte müssen isoliert werden. Tausende wurden unter häusliche Quarantäne gestellt, zudem wurden eine Sportanlage und eine Schule als Ausweichquartiere umfunktioniert sowie ein Krankenhaus speziell für Coronavirus-Patienten angemietet. Allein die Gemeinschaftstoiletten täglich zu desinfizieren, ist eine Sisyphusarbeit, aber sie ist dringend notwendig.

Ein edicht bebaute Stadtansicht aus der Luft.

Abstand halten unmöglich: In Dharavi leben 800.000 Menschen auf zwei Quadratkilometern Foto: Himanshu Bhatt/NurPhoto/picture alliance

Dharavi entstand nicht erst in den letzten Jahrzehnten. Der Slum ist über 130 Jahre alt. Schon unter der britischen Kolonialherrschaft wuchs das frühere Fischerdorf infolge der Verdrängung von Fabriken und Arbeitern aus dem Stadtzentrum Mumbais. Schon damals zog es die ärmere Bevölkerung auf der Suche nach Arbeit vom Land in die relativ wohlhabende Metropole. Wohnquartiere und kleine Fabriken wuchsen unkontrolliert, ohne dass dabei sanitäre Einrichtungen Berücksichtigung fanden.

In Dharavi wird eigentlich gefärbt, genäht, gebacken, geschmälzt und recycelt. Die kleinen Betriebe gehören zum Motor der Stadt, die nun in Zwangspause geschickt wurden. Durch die informelle Wirtschaft kommt der Slum auf einen Jahresumsatz von knapp 1 Milliarde Euro. Doch die meisten Industrien liegen derzeit in Indien flach, nicht nur in Mumbai.

Arbeitsmigranten stehen ohne Auskommen da

Derzeit ist es den Menschen nur noch erlaubt, Lebensmittel einzukaufen oder zur Apotheke zu gehen, eine Regelung, die in ganz Indien gilt. Ausgenommen davon sind nur wenige Berufsgruppen. Beschäftigte der Lebensmittel- oder Pharmaindustrie zählen dazu. Vereinzelt sind Lockerungen für Service, Industrie oder die Bauern angelaufen, die sich gerade mitten in der Erntesaison befinden. Das Land öffnet sich langsam wieder, während die Ausgangssperre bis zum 3. Mai verlängert wurde.

Doch viele Arbeitsmigranten stehen ohne Auskommen da. Deshalb hat die indische Regierung ein Hilfspaket geschnürt, das 800 Millionen Menschen für die nächsten drei Monate mit Reis, Getreide und Direktüberweisungen unterstützen soll. Umgerechnet 21 Milliarden Euro sind dafür vorgesehen. Erfasst werden vor allem Menschen, die bereits zuvor Sozialleistungen erhalten hatten. Doch darunter befinden sich längst nicht alle Slumbewohner, auch wenn diese ihren Lohn verloren haben. Die Verteilung von Essenspaketen wurde von der Stadtverwaltung Mumbais aufgestockt, dennoch erreicht die Hilfe längst nicht alle Betroffenen. Neben den städtischen Behörden springen landesweit private Initiativen und NGOs ein, um Lebensmittel zu verteilen.

„Die Menschen in meinem Haus begannen die Lage erst ernst zu nehmen, nachdem jemand gestorben war“, sagt die Studentin Neha mit nervöser Stimme. Sie wohnt in einer Übergangsunterkunft namens Transit Camp Rajiv Gandhi Nagar in Dharavi. Nach dem Tod des Nachbarn schlossen alle Geschäfte in ihrer Nähe. Seitdem muss sie weiter laufen als früher. „Wenn ich meine Gasse verlasse, um Gemüse zu kaufen, sehe ich viele Jungs, die trotz des Verbots auf der Straße herumstehen. Sie schreien die Polizisten an, wenn sie diese mit Stockschlägen von der Straße vertreiben“, beschreibt die 20-Jährige die Situation am Telefon.

Neha, Studentin

„Wenn ich meine Gasse verlasse, um einzukaufen, sehe ich viele Jungs, die trotz des Verbots auf der Straße herumstehen. Die Polizei vertreibt sie mit Stockschlägen“

Zu essen habe sie noch, sagt Neha. Doch sie ist um ihre Nachbarn besorgt. „Ich hoffe, sie bekommen ihre Ration rechtzeitig“, ohne Lebensmittelzuteilung wüssten sie nicht, wie sie überleben sollen. Mit der Sorge um den Hunger hat auch die Angst vor der Übertragung des Virus zugenommen. Die Polizei bemüht sich, alle Personen, die in Kontakt mit Anhängern der islamischen Gruppe Tablighi Jamaat standen, aufzuspüren. Aber es sei leicht, sich hier zu verstecken, sagt die Studentin Neha. Und das ist es, was ihr und ihrer Familie zunehmend Unbehagen bereitet. Der Vater, der sonst Bananen am Straßenstand verkauft, verlässt das Haus nicht mehr. Alle wissen, dass die Verstorbenen aus Dharavi größtenteils über 50 Jahre alt waren.

„Die Jamaat-Mitglieder sind zweifellos nicht sehr hilfsbereit, wenn es darum geht, sich bei der Polizei zu melden“, sagt Gulam Sheikh. Er macht sich Sorgen, dass das auf die gesamte muslimische Gemeinde zurückfallen könnte. Muslime würden zunehmend zur Zielscheibe von Anfeindungen, so der Vierzigjährige, der für einen Fernsehsender arbeitet und in Dharavi lebt. Warum das Treffen von den Behörden nicht unterbunden worden war, versteht er nicht.

Nach Angaben des Innenministeriums sind über 4.000 Coronafälle mit Tablighi-Jamaat-Mitgliedern in Verbindung gebracht worden. In einigen Medienberichten wurde ihre Mitglieder deshalb als Superspreader bezeichnet, die Veranstaltung gar als „Corona-Dschihad“ betitelt. Islamophobe Hashtags wie #CoronaJihad oder #TablighiVirus sind im Umlauf. Dazu kommen jede Menge Falschnachrichten.

Aber dies ist nicht das Einzige, worüber Gulam Sheikh sich besorgt äußert. „Mit der steigenden Zahl von Corona-Infizierten wird der Widerstand der Bevölkerung sowie des Gesundheits- und Polizeipersonals bald einen kritischen Punkt erreichen“, sagt er. Sheikh vermutet, dass viele Menschen den Slum von Dharavi so schnell wie möglich verlassen würden, wenn sie es denn könnten. Für ihn stellt Dharavi einen Präzedenzfall im Kampf gegen das Coronavirus dar.

Eine Hand in Schutzhandschuh kennzeichnet eine andere Hand.

Ab in den Hausarrest: Die Quarantäne wird auf der Hand verordnet Foto: Francis Mascarenhas/reuters

Wie lange der Ausnahmezustand in Indien noch andauern wird, ist unklar. Derzeit steigen die Fälle weiter an – und mit ihnen die Angst. Während sich manche Menschen an die Ausgangssperre zu gewöhnen scheinen, wächst gerade unter den gestrandeten Wanderarbeitern der Unmut. Sie wollen endlich nach Haus kommen. Doch derzeit ist der gesamte Bus-, Zug- und Flugverkehr ausgesetzt.

Seit dem 25. März ist Indien auf einen Minimalbetrieb heruntergefahren. Nach Angaben des Außenministers Subrahmanyam Jaishankar hätten die strengen Ausgangsbeschränkungen viele Tausend Corona-Infektionen verhindert. Wie viele Menschen sie bedürftiger gemacht haben, ist nicht ausgerechnet worden.

In Dharavi liegt die Hoffnung seit diesem Montag auf den ÄrztInnen vor Ort, die sich in den engen Gassen auskennen und am ehesten wissen, was ihren Patientinnen fehlt. Ihre Praxen sind seit Wochen geschlossen, da sie nicht ausreichend auf eine solche Ausnahmesituation vorbereitet waren. Doch das soll sich mit der Unterstützung der Stadtverwaltung Mumbais ändern. Gebraucht werden die Ärzte mehr denn je, denn die Krankenhäuser stoßen an ihre Kapazitätsgrenzen.

Da in Mumbai eine strenge Ausgangsbeschränkung gilt, war es nicht möglich, die ProtagonistInnen vor Ort zu treffen. Der Slum ist abgeriegelt. Die Autorin kennt Dharavi und hat die Gespräche am Telefon geführt. Mitarbeit: Mona Thakkar.

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■ Das neuartige Coronavirus trägt die offizielle Bezeichnung SARS-CoV-2. Es ruft die Krankheit mit dem offiziellen Namen Covid-19 hervor. Der Virus ist von Mensch zu Mensch übertragbar.

Ab Januar 2020 hatte sich das Virus von der Stadt Wuhan in der chinesischen Provinz Hubei her ausgebreitet – inzwischen weltweit.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat die Ausbreitung des Coronavirus am 11. März 2020 zur Pandemie erklärt, also zu einer weltweiten Epidemie.

Alle Artikel der taz zum Thema finden sich im Schwerpunkt Coronavirus.

Eine Pandemie ist eine weltweite Epidemie, also regional nicht begrenzt. Bei einer Pandemie überträgt sich ein neuartiger Virus von Mensch zu Mensch.

■ Da es keine Grundimmunität gibt, keine spezifischen Medikamente und keine Impfung, führt das zu einer hohen Zahl an teils schweren Erkrankungen und Toten. Dies kann unter anderem zu einer Überlastung des Gesundheitssystems führen, wie es beispielsweise in Italien bereits regional zu beobachten war. Deshalb ist das Ziel, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, damit nicht zu viele Menschen gleichzeitig schwer erkranken.

Auf eine weitreichende Beschränkungen sozialer Kontakte hatten sich am 22. März 2020 die Bundeskanzlerin und Regierungschefs der Länder geeinigt. Damit sollte der Anstieg der Fallzahlen verlangsamt und eine Überlastung des Gesundheitssystems möglichst verhindert werden. Im April sowie im Mai beschlossen Kanzlerin und Länderchefs dann schrittweise Lockerungen. Die Kontaktbeschränkungen bleiben grundsätzlich bis zum 29. Juni bestehen. Details regeln weiterhin die Länder. (Hier eine Übersicht der Bundesregiergung zu Regelungen in den Ländern). Im Fall regionaler schneller Anstiege der Infektionszahlen sollen die Behörden vor Ort sofort mit neuen Beschränkungen reagieren.

■ Einen Abstand von mindestens 1,5 Metern soll man weiterhin draußen zu allen anderen Menschen außer der Begleitung einhalten.

■ Ein Mund-Nasen-Schutz muss in ganz Deutschland beim Einkaufen und im Öffentlichen Personennahverkehr getragen werden.

■ Seit Anfang Mai gilt: Angehörige zweier Haushalte dürfen sich grundsätzlich treffen – beispielsweise also zwei Familien oder zwei Wohngemeinschaften. In einzelnen Bundesländern gibt es darüberhinaus Spezialregelungen.

Schulen und Vorschulen sollen unter Auflagen noch vor dem Sommer wieder für alle Kinder öffnen.

■ In Kliniken und Pflegeeinrichtungen wurden die Regeln gelockert: PatientInnen oder BewohnerInnen können wieder durch eine bestimmte Person besucht werden.

Alle Geschäfte in Deutschland dürfen unter Auflagen wieder öffnen – ohne Quadratmeterbegrenzung der Verkaufsfläche.

Im Sport ist das Training unter freiem Himmel wieder erlaubt. Freizeitsportler müssen sich aber an bestimmte Auflagen halten. So muss eine Distanz von mindestens 1,5 Metern gewährleistet sein.

Die Fußball-Bundesliga hat die Saison seit Mitte Mai mit Geisterspielen fortgesetzt – zumindest die erste und zweite Liga der Männer. Die Fußballbundesliga der Frauen bleibt hingegen zunächst ausgesetzt. Vor Publikum werden in dieser Saison in jedem Fall keine Spiele mehr stattfinden.

Großveranstaltungen bleiben bis zum 31. August verboten.

Bei Restaurants sollen die Bundesländer eine schrittweise Öffnungen selbst regeln. Auch für Kinos, Theater, Hotels oder Kosmetikstudios haben die Ländern die Lockerungen eigenständig zu verantworten.

■ Spielplätze sind unter Auflagen wieder geöffnet – darauf einigten sich Kanzlerin und Länderchefs bereits am 30. April.

Gottesdienste und Gebetsversammlungen sind wieder zugelassen – unter besonderen Anforderungen des Infektionsschutzes. Taufen, Beschneidungen und Trauungen sowie Trauergottesdienste sollen im kleinen Kreis möglich sein.

Museen, Ausstellungen, Gedenkstätten, Zoos und botanische Gärten können unter Auflagen wieder öffnen.

Aktuelle Fallzahlen zum Coronavirus in Deutschland veröffentlicht das Robert-Koch-Institut (RKI).

Eine ausführliche Darstellung der COVID-19-Fälle in Deutschland bis auf Landkreisebene hat das RKI in einem Corona-Dashboard zusammengestellt. Auch gibt es tägliche Situationsberichte heraus.

Internationale Zahlen hat unter anderem die Weltgesundheitsorganisation WHO in einer interaktiven Grafik aufbereitet.

■ Ebenso weltweite Fallzahlen stellt die Johns Hopkins University auf einer interaktiven Karte dar.

■ Die Unterschiede bei den Fallzahlen von RKI, WHO und Johns Hopkins University bedeuten nicht, dass die Zahlen falsch sind. Differenzen ergeben sich vielmehr aus Melde-Verzögerungen und unterschiedlichen Quellen: Dem RKI werden die Fallzahlen von den Gesundheitsämtern über das jeweilige Bundesland übermittelt. Es meldet die Zahlen nach einer Prüfung dann weiter an die WHO – so kommt es zu Verzögerungen. Die Daten der Johns Hopkins University kommen nach eigenen Angaben aus verschiedenen öffentlich zugänglichen Quellen und können daher von jenen Zahlen von RKI und WHO abweichen.

Eine Erkrankung an Covid-19 nach einer Infektion mit dem Coronavirus äußert sich laut Bundesgesundheitsministerium durch grippeähnliche Symptome, wie trockenem Husten, Fieber, Schnupfen und Abgeschlagenheit. Auch über Atemprobleme, Halskratzen, Kopf- und Gliederschmerzen, Übelkeit, Durchfall sowie Schüttelfrost sei berichtet worden.

Die Inkubationszeit beträgt nach aktuellen Erkenntnissen wohl bis zu 14 Tage: Das heißt, dass es nach einer Ansteckung bis zu zwei Wochen dauern kann, bis Symptome auftreten.

■ Wichtig: Infizierte können den Virus schon übertragen, wenn sie selbst noch keine Symptome bemerken.

Der Coronavirus wird vor allem mit einer Tröpcheninfektion übertragen. Laut Robert-Koch-Institut sind theoretisch auch eine Schmierinfektion (über kontaminierte Oberflächen) und eine Ansteckung über die Bindehaut der Augen möglich. Nach bisherigen Erkenntnissen verlaufen mehr als 80 Prozent der Erkrankungen vergleichsweise mild. Wer meint, sich mit dem Coronavirus angesteckt zu haben, sollte unbedingt

zu Hause bleiben und zum Telefon greifen. Dann entweder

■ beim Hausarzt anrufen

oder beim

■ Ärztlichen Bereitschaftsdienst: ☎ 116 117.

Telefonisch gibt es zudem noch weitere Stellen für Informationen:

■ Die Unabhängige Patientenberatung ist zu erreichen unter: ☎ 0800 – 011 77 22

Ein Bürgertelefon hat das Bundesgesundheitsministerium eingerichtet unter: ☎ 030 – 346 465 100

Für Gehörlose und Hörgeschädigte ist ein Beratungsservice des Gesundheitsministeriums per Fax zu erreichen: ☎ 030 – 340 60 66 07, sowie per Mail unter info.deaf@bmg.bund(dot)de und info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de

Ein Gebärdentelefon mit Videotelefonie findet sich unter: www.gebaerdentelefon.de/bmg/

Die aktuellen Risikogebiete für Ansteckungen hat das Robert-Koch-Institut bis zum 10. April 2020 veröffentlicht. Mittlerweile hat sich Covid-19 weltweit ausgebreitet. Ein Übertragungsrisiko bestehe daher „sowohl in Deutschland als in einer unübersehbaren Anzahl von Regionen weltweit“, schreibt das RKI.

Für Reisende gibt es weitere Informationen zu Covid-19 und Reisewarnungen beim Auswärtigen Amt.

■ Zum Infektionsschutz gibt es auf den Seiten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) umfassende Anleitungen zum richtigen Händewaschen, zu den angemessenen Regeln beim Niesen sowie auch Merkblätter zu allgemeinen Hygiene- und Verhaltensregeln.

■ Niesen oder Husten soll man möglichst in die eigene Armbeuge und versuchen, sich seltener ins Gesicht zu fassen.

Händwaschen sollte man regelmäßig und zwar mindestens 20 Sekunden mit Wasser und Seife.

■ Reduzieren sollte man den Kontakt zu anderen Menschen derzeit so stark wie möglich, empfiehlt die BGzA. Wenn man doch in der Öffentlichkeit unterwegs ist, soll man möglichst einen Abstand von zwei Metern zu anderen Menschen einhalten.

■ Das Infektionsschutzgesetz (IfSG) gilt bundesweit einheitlich und bisher richten sich die Maßnahmen der Behörden nach diesem Gesetz, schreibt unser rechtspolitischer Korrespondent Christian Rath in seinem Überblick zur Rechtslage.

■ Die Katastrophenschutzgesetze der Länder sind anwendbar, sofern sich die Lage zur Katastrophe zuspitzen sollte.

■ Die Bundeswehr kann im Rahmen der Amtshilfe heute schon tätig werden, etwa im Sanitätsbereich oder zur logistischen Unterstützung. Im Extremfall kann sie auch im Inland eingesetzt werden, um (gemeinsam mit der Polizei) die öffentliche Ordnung zu bewahren oder wiederherzustellen, etwa wenn geplündert wird oder Krankenhäuser belagert werden.

■ In den „Notstandsgesetzen“ ist das geregelt, zu denen die Artikeln 35, 87a und 91 des Grundgesetzes zählen. Die „Notstandsgesetze“ wurden 1968 gegen den Widerstand der Außerparlamentarischen Opposition (APO) beschlossen.

■ Gerüchte, Falschmeldungen und Verschwörungstheorien über das Coronavirus kursieren derzeit viele.

■ Aufklärung über viele Corona-Falschmeldungen bietet unter anderem der Verein Mimikama.at.

■ Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO hat in englischer Sprache eine eigene Seite zur Aufklärung von Mythen über den Coronavirus veröffentlicht.

■ Zu den häufigsten Fragen hat das Robert-Koch-Institut ein FAQ zu Corona veröffentlicht.

■ Weitere Fachinformationen finden sich ebenso auch auf einer Überblicksseite des Robert-Koch-Instituts.

■ Verhaltens- und Hygienetipps und ebenso in einem FAQ die häufigsten Fragen beantwortet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung auf ihrer Corona-Übersicht auf infektionsschutz.de.

■ Umfassend informieren kann man sich auch beim Bundesgesundheitsministerium.

■ Eine weltweite Übersicht bietet die Weltgesundheitsorganisation WHO.

Bundesweite Telefonnummern im Überblick:

Ärztlicher Bereitschaftsdienst: ☎ 116 117

Unabhängige Patientenberatung: ☎ 0800 011 77 22

■ Bürgertelefon des Bundesgesundheitsministeriums: 030 346 465 100

Beratungsservice für Gehörlose und Hörgeschädigte: Fax: 030 / 340 60 66 – 07 sowie per Mail: info.deaf@bmg.bund(dot)de / info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de

Gebärdentelefon (Videotelefonie): www.gebaerdentelefon.de/bmg

■ Bei Sorgen ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar unter: 116 123 sowie 0800 / 111 0 111 und 0800 / 111 0 222.

■ Infos über Corona auf Türkisch hat die taz in ihrem Text „Koronavirüs Almanya'da“ zusammengestellt.

■ In weiteren Sprachen sammelt die taz Info-Texte under taz.de/coronainfo

■ Hygiene-Infos in weiteren Sprachen bietet die BZgA in Hygiene-Merkblättern unter anderem auf Türkisch “Viral enfeksiyonlar – hijyen korur!“ (PDF) sowie auf Englisch “Viral infections – hygiene works!“ (PDF)

Leichte Sprache: Informationen zum Coronavirus in Leichter Sprache stellt das Bundesgesundheitsministerium zur Verfügung.

Gebärdensprache: Das Bundesgesundheitsministerium beantwortet Fragen mittels Videotelefonie und ist dafür über ihr Gebärdentelefon zu erreichen. Dazu gibt es hier noch mehr Infos. Das Gebärdentelefon ist von Montag bis Donnerstag von 8 bis 18 Uhr sowie am Freitag von 8 bis 12 Uhr erreichbar. Ebenso möglich sind Fragen per Fax: 030 / 340 60 66 – 07 oder per E-Mail: info.deaf@bmg.bund(dot)de oder info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de.

■ Weitere Sprachen: Kurze Info-Flyer der Johanniter auf Englisch (PDF), Dari (PDF), Arabisch (PDF), Farsi (PDF), Türkisch (PDF), Russisch (PDF), Italienisch (PDF) und Französisch (PDF) hat der Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge bereitgestellt.

International: Informationen zum Coronavirus in verschiedenen Sprachen stellt zudem die Weltgesundheitsorganisation WHO bereit.

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