Choreographin über Dekolonisierung: „Es ist auch eine Emanzipation“

Die Hamburger Choreografin Yolanda Gutiérrez will koloniale Orte umdeuten. Dafür hat sie die Performance „Decolonycities Kigali – Hamburg“ entworfen.

Zwei ruandische TänzerInnen vorm Museumseingang

Gesichtslosigkeit dekolonisieren: Babou Thight King (l.) und Eliane Umuhire vorm MARKK Foto: Chris Schwagga

taz: Frau Gutiérrez, was haben deutsche KolonisatorInnen in Ruanda angerichtet, bevor es an die Belgier fiel?

Yolanda Gutiérrez: Einerseits haben sie sich 1884 bei der Kongo-Konferenz unter Bismarck an der Aufteilung des Landes beteiligt, das sie von 1884 bis 1916 „besaßen“, bevor es nach dem Ersten Weltkrieg 1919 belgische Kolonie wurde. Das Land hatten sich die Deutschen durch Verträge mit den Königen angeeignet. Es war also eine relativ gewaltfreie „Übernahme“, die funktionierte, weil die Deutschen den wohlhabenden Tutsi schmeichelten.

… und sie gegen die Hutu aufhetzten?

Nein. Im Zuge der kolonialen Rassenforschung haben sie die Ruander aber nach Ethnien sortiert und in Tutsi, Hutu und Twa unterteilt. Dies wurde, als die Belgier Kolonialherrn wurden, in den Personalausweis eingetragen. Damit will ich nicht sagen, dass die Deutschen den Genozid von 1994 verschuldet hätten. Sie haben aber eine Saat gesät.

Auch von Hamburg aus.

Ja. Im dortigen Kolonialinstitut wurden Beamte ausgebildet, die wissenschaftlich begründen sollten, dass die Weißen überlegen seien – und damit berechtigt, Kolonien auszubeuten.

Und an welche Orte wird Ihre Performance „Decolonycities Kigali – Hamburg“ führen?

Die Orte, die die ruandischen TänzerInnen sowie ein in Hamburg lebender togolesischer Tänzer bespielen werden, liegen zwischen dem ethnografischen Museum MARKK und der Hamburger Universität, die aus dem Kolonialinstitut hervorging. Dort werden sie kurze, von uns geschaffene Choreografien zu Stücken tanzen, die das mitlaufende Publikum über Kopfhörer wahrnimmt. Zwischen den Tracks haben wir Fakten, Interviews und Reflexionen auch über koloniale Straßennamen zwischen dem Campus und dem MARKK eingespielt.

geboren in Mexiko-Stadt, Tänzerin und Choreografin, zeigt ihre Stücke seit den 1990ern weltweit und lebt in Hamburg.

Bespielen Sie auch die Hafencity?

Nein. Das habe ich bereits 2019 im ersten Teil meines „Decolonycities“-Projekts getan, das sich Tansania widmete. Diesmal habe ich mich für die Kooperation mit dem MARKK entschieden, weil wir uns mit kulturellen Archiven befassen wollen. Schon 2018 hat mir das MARKK eine Liste ruandischer Objekte gegeben, und ich habe mich gefragt: Was machen diese Dinge hier? Wie nehmen wir sie wahr?

Die Antwort?

Auf koloniale Art „objektiv“, ihres Sinns entkleidet. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts arbeiteten auch im MARKK Inventar-Zeichnerinnen, die die Objekte originalgetreu wiedergeben sollten. Aber sie wussten nichts über deren Bedeutung. Um diesen Vorgang zu dekolonisieren, hatte ich Ende Mai den ruandischen Illustrator Dolph Banza eingeladen, um die Objekte aus seiner Sicht zu zeichnen.

Was für Objekte waren es?

Alltagsgegenstände, handwerklich so fein gearbeitet, dass sie hochgestellten Persönlichkeiten gehört haben müssen. Da waren zum Beispiel Milchbehälter mit hohen Bastdeckeln. Sie können durchaus Statusobjekte gewesen sein, denn Milch war im alten Ruanda so wertvoll, dass die Könige eigene Milchhäuser hatten.

Haben diese Objekte Ihre Choreografie inspiriert?

Nein. Dieses Nach- und Neuzeichnen war ein weiterer Teil meines Projekts, in dessen Verlauf ich auch nach Kigali gereist bin, um das Haus von Richard Kandt zu bespielen, des – so die Homepage des Auswärtigen Amts – „ersten kaiserlichen Residenten der deutschen Kolonialzeit“. Es ist das letzte Gebäude, das von der deutschen Kolonialzeit zeugt und heute Museum. Wir haben dort getanzt, und die ruandischen KünstlerInnen haben sich gefragt, warum es immer heißt, dass Kandt der Gründer Kigalis sei, obwohl es schon vorher eine 2.000-EinwohnerInnen-Stadt war. Im Zuge der Recherche unseres Projekts ist den KünstlerInnen stärker bewusst geworden, dass alle ein kulturelles Archiv in sich tragen, das die Art beeinflusst, wie sie die Welt sehen und bewerten.

Wissen Sie etwas über die Provenienzen der ruandischen Objekte im MARKK?

Leider nein. Umso bemerkenswerter fand ich die Reaktion der ruandischen KünstlerInnen: Da war kein Groll, keine Wut. Das zeigt, dass man auch ohne diese Gefühle mit der gemeinsamen Geschichte umgehen kann. Wichtig ist, dass wir einen Dialog eröffnet haben – wobei ich glaube, dass wir mithilfe der Kunst eine andere Form der Annäherung schaffen können: Wir können die Geschichte zwar nicht ändern, aber wir können unsere Perspektive darauf ändern. Das fängt schon im deutschen Geschichtsunterricht an, wo die Kolonialgeschichte teils nicht erwähnt wird. Und es gibt AbsolventInnen der Hamburger Uni, die nicht wissen, dass im Hauptgebäude eine Büste Werner von Melles steht. Er hat dort 1908 das Kolonialinstitut eröffnet, aus dem 1919 die Universität hervorging.

Wie begegnen die ruandischen KünstlerInnen solchen Orten?

Dass sie nach Hamburg kommen und sagen können: „Schaut mal, was hier passiert ist, während bei uns eine ganz andere Geschichte geschrieben wurde“ – das verändert etwas in beide Richtungen. Natürlich, wir KünstlerInnen sind keine HistorikerInnen. Wir können uns nur unsere eigenen Gedanken machen. Aber das ist ja nicht weniger wert. Ich habe ihnen gesagt: Auch ihr tragt Wissen in euch. Dass ich Tanz mit einbaue, ist für mich eine Möglichkeit, die Vergangenheit in die Gegenwart zu bringen.

Ist das Betanzen solch belasteter Orte auch ein Reinigungsritual, ein Überschreiben?

„Decolonycities Kigali – Hamburg“: MARKK, Rothenbaumchauseee 64. Premiere Fr, 18. 6., 15 Uhr. Weitere Aufführungen: Sa und So, 19. und 20. 6., jeweils 15 und 17 Uhr. Karten auf www.markk-hamburg.de

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Ja, es ist eine Umdeutung und das Setzen einer Aktion, auch einer Erinnerung. Deshalb nenne ich es „tänzerische Interventionen im öffentlichen Raum“. Für einen bewusst kurzen Moment besetzen wir einen Ort und deuten ihn um. Wenn Sie später wieder dorthin kommen, werden Sie sich erinnern, dass die TänzerInnen dort waren. Diese Erinnerung bleibt als Bild ins ganz persönliche kulturelle Archiv eingeschrieben.

Haben die Performances auch etwas Versöhnliches?

Das ist von Ort zu Ort verschieden. Aber immer hat es mit Emanzipation zu tun. Ein Tänzer hat mir gesagt: „Ich merke jetzt, dass auch das Geschichtswissen, das ich in Ruanda in der Schule vermittelt bekam, die Sicht der Kolonisatoren transportierte. Ich muss aufhören, das zu glauben, muss meine eigene Geschichte erforschen und meine eigene Sicht auf die Dinge finden.“ So etwas zeigt mir, wie wichtig meine Projekte auch fürs Empowerment der KünstlerInnen sind. Sie emanzipieren sich dadurch nicht nur kognitiv, sondern auch physisch: im Tanz.

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