Chinesisch-indischer Grenzstreit: Konflikt im Affekt

Die chinesisch-indische Grenze ist unübersichtlich, leicht entzünden sich Konflikte wie der jüngste mit einigen Toten. Eine Pufferzone würde helfen.

Poster der chinesischen Nationaflagge werden verbrannt

Aufgebrachte Inder verbrennen Poster mit der chinesischen Nationalflagge Foto: Rajesh Kumar Singh/ap

Eine gewisse Ironie lässt sich bei dem indisch-chinesischen Grenzkonflikt nicht leugnen: Da stehen sich die Armeen der zwei bevölkerungsreichsten Nationen der Welt gegenüber, Atommächte wohlgemerkt, und dann ähnelt die Ausführung einem Pausenhofscharmützel: Fäuste, Steinwürfe und Knüppelschläge.

Angesichts der Todeszahlen, die sich aufgrund der Verschwiegenheit der Chinesen noch nicht genau beziffern lassen, ist aber jedes Schmunzeln unangebracht. Schließlich sind zum ersten Mal seit 45 Jahren Menschenleben entlang der Grenze zu beklagen. Man möchte sich nicht ausmalen, wie bedrohlich ein bewaffneter Krieg zwischen den beiden Weltmächten werden könnte.

Glücklicherweise bleibt dies äußerst unwahrscheinlich. Die jüngste, betont deeskalierende Rhetorik der beteiligten Regierungen lässt darauf schließen. Dennoch können beide Mächte jetzt nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Dafür sind die Opferzahlen zu hoch und die Schuldfrage ist zu unklar: Beide Seiten bezichtigen die jeweils andere der Grenzverletzung. Unmöglich nachzuvollziehen, wer im Recht ist.

Ohne Absegnung durch die Vorgesetzten

Vieles deutet darauf hin, dass der Vorfall quasi im Affekt geschah – ohne Absegnung durch die Vorgesetzten. Schließlich hatten sich die beiden Länder noch kurz zuvor auf eine Pufferzone für die unübersichtliche und unterschiedlich interpretierte Ländergrenze geeinigt. Dann jedoch eskalierte der Konflikt: Laut indischen Medienberichten wollten Soldaten ein chinesisches Zelt abbauen, das sich ihrer Ansicht nach auf dem eigenen Territorium befand. Daraufhin sollen chinesische Soldaten handgreiflich geworden sein.

Nun muss die gesamte Weltgemeinschaft darauf hinarbeiten, dass solch riskante Situationen künftig unmöglich gemacht werden – etwa durch eine breite Pufferzone. Dass ein Krieg nicht ausgeschlossen ist, wissen Indien und China aus eigener Erfahrung: Im Jahr 1962 lieferten sie sich eine kurze, aber heftige bewaffnete Auseinandersetzung – übrigens im selben Tal, in dem nun 58 Jahre später erneut Soldaten beider Länder getötet wurden.

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Seit 2019 China-Korrespondent mit Sitz in Peking. Arbeitete zuvor fünf Jahre lang als freier Journalist für deutschsprachige Medien in Seoul, Südkorea. 2015 folgte die erste Buchveröffentlichung "So etwas wie Glück" (erschienen im Rowohlt Verlag), das die Fluchtgeschichte der Nordkoreanerin Choi Yeong Ok nacherzählt. Geboren in Berlin, Studium in Wien, Shanghai und Seoul.

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