Chilenischer Musiker Álvaro ist tot: Der Mann mit der singenden Nase
Der Musiker Álvaro floh vor dem Pinochet-Regime und spielte Mitte 1970 mit Joe Strummer bei der Protopunkband the 101ers. Nachruf auf einen Pionier.
Álvaro Peña-Rojas, kurz Álvaro oder auch „der Chilene mit der singenden Nase“, Erfinder der Transitional Music, früher musikalischer Begleiter von Joe Strummer, auf jeden Fall der erste Punk Chiles, ist tot. Wie nun bekannt wurde, ist Álvaro vergangene Woche im Alter von 82 Jahren ganz ruhig zu Hause in seinem Bett in Konstanz am Bodensee gestorben.
Álvaro war der Meister der reduzierten Vielfalt beziehungsweise des vielfältigen Minimalismus. Es reichte bei seinen Konzerten völlig aus, dass er alleine auf der Bühne stand. Auch als Solist fesselte er das Publikum. Álvaros Anliegen übertrug sich über sein Charisma, durch simpelste Melodien und Texte. Ohne Übertreibung kann gesagt werden, dass er mit seiner zutiefst persönlichen Art, Musik zu machen, Generationen von Musikern auf mehreren Kontinenten inspiriert hat. Und das alles aus sich selbst heraus, ohne Major Label und professionelle Vermarktungsmaschinerie. Álvaro war einzigartig.
Geboren wurde er 1943 in der chilenischen Hafenstadt Valparaíso. Sein Vater, ein Zahnarzt, unterstützte das musikalische Talent des Jungen. So konnte Álvaro Trompete, Saxofon und Klavier lernen. Erste Schallplattenaufnahmen mit lokalen Beatbands wie The Challengers und Los Bumerangs entstanden ab 1965. Dann entschied er sich für eine Karriere als Werbetexter, ging in die Hauptstadt Santiago. Die Firma schickte ihn sogar ins Swinging London der späten 1960er, zur Weiterbildung. Dann ereignete sich 1973 in Chile der Militärputsch, Pinochet stürzte die Regierung Allende. Álvaro konnte und wollte nicht mehr zurück.
Es folgte: Der soziale Absturz, ein Leben in besetzten Häusern. Weil er gut Läuse von seinen Mitbewohnern pflücken konnte, bekam er den ironischen Adelstitel „Lord of the Fleas“. Verliehen von seinem Mitbewohner Joe Strummer! Strummer sollte etwas später, ab 1976, die Londoner Punkband The Clash als Gitarrist und Sänger zu Weltruhm führen. Zuvor aber schärfte er seine Krallen mit Álvaro und weiteren Musikern in der Pubrockband The 101ers, die ab 1974 in besetzten Häusern in London spielte und sogar Aufnahmen machte.
Neugierig auf Transitional Music
Álvaro missfiel jedoch der raue Sound, der für ihn nur der sattsam bekannte Rock ’n’ Roll in einem anderen, wilderen Outfit war. Er verließ die 101ers und begann, seine eigene Transitional Music zu machen. Später gab er zu, dass die Bezeichnung eine reine Erfindung zu Werbezwecken war. Ein Begriff, der alles und nichts aussagt und somit neugierig machen sollte.
Sein Debütsoloalbum, veröffentlicht 1978 in London, trug den provokativen Titel „Drinking My Own Sperm“ und brachte ihm prompt Schlagzeilen in englischen Musikmagazinen ein: „Lunatic Chilean songwriter in bizzare debut“, hieß es da etwa. Doch Álvaro ging unbeirrt seinen eigenen Weg.
1979 ließ er sich in Konstanz nieder und gründete ein eigenes unabhängiges Label namens Squeaky Shoes Records. Darauf veröffentlichte er Alben, Singles und Kassetten am laufenden Band. Ein Outsider, wie er im Buche steht. Über 50 Werke sind bei discogs.com gelistet, es sollen aber weit mehr sein.
Deutsche, schwer von Kapee
Álvaro steht damit mit als Pionier für die Lo-Fi-DiY-Homerecording-Bewegung, eine Haltung, die den Musikern die volle Kontrolle über Herstellung und Vertrieb ihrer Kunst geben sollte. Über Erfolg- und eben auch Misserfolg. So produktiv wie er war, so wenig Resonanz erfuhr Álvaro durch die deutschen Musikmedien. Einen Eintrag im Buch „Rock Session 4“ (1980) gibt es. Das war es aber auch schon, abgesehen von gelegentlichen Zeitungsberichten wohlwollender Lokalreporter am Bodensee.
Trotzdem absolvierte Álvaro in den 1990ern eine US-Tournee. In seiner chilenischen Heimat erlangte er erst in den 2010er Jahren Bedeutung, spielte mit verschiedenen lokalen jüngeren Musikern und wird in Chile inzwischen als Legende verehrt. Einen staatlichen Kulturpreis in Form eines Pokals überließ er den Angestellten seines Hotels, mit denen er während der gewaltsamen Proteste in Chile 2019 ausharrte.
Mit seinem langjährigen Freund Jens-Peter Volk machte sich Álvaro gerade ab 2023 daran, etliche seiner alten Songs völlig neu einzuspielen. Das erste Album (von drei anvisierten) mit dem Titel „R-80“ wurde bereits fertiggestellt, die Aufnahmen an dem zweiten waren gerade abgeschlossen, als das völlig Undenkbare eintrat. Die singende Nase ist verstummt.
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