Champions-League-Finale-Gucken: Bierselige Kommentatoren

Zuviel gesenst, gegrätscht und geholzt – schön war’s trotzdem. Public Viewing in einer Friedrichshainer Kneipe – ganz ohne Fernsehton.

Nach dem Champions-League-Sieg: Freudentaumel am Berliner Breitscheidplatz. Foto: Foto: Paul Zinken/dpa

Sind wenigstens ein paar Barça-Fans dabei?“, frage ich M., eine spanische Freundin. Wir debattieren via SMS, wann und wo wir uns treffen. Da will ich also mit Spaniern und Spanierinnen dieses Champions-League-Finale in der Kneipe schauen – und dann sind das alles Madrilenen, von denen keiner Barça siegen sehen will. Dabei schien es mir in diesem Jahr merkwürdig klar, mit wem der beiden Finalisten Barcelona und Juventus Turin man zu sympathisieren hatte, wenn man an Restbestände von Gutem, Schönem und Wahrem im Fußball glauben wollte. „Nein“, schreibt sie, „aber wir haben Meinungsfreiheit unter uns.“

Ich mache mich mit dem Rad auf den Weg nach Friedrichshain, wo wir verabredet sind. Trotz der Hitze ist es ein entspannter Abend. Viele Menschen in rot-blauen Barça-Trikots streunen durch die Stadt. Auf der Warschauer Brücke macht sich hingegen lautstark ein Juve-Fanklub breit; ein Oberkörpernackter mit Italien-Flagge als Stola grölt in ein Megafon. Eine gefühlt 35 Meter lange, weiße Limousine mit einer Hochzeitsgesellschaft fährt vorbei. Die Braut johlt aus dem Fenster in Richtung der Juve-Fans: „Yeaaahhah.“

Vor der Kneipe in der Samariterstraße hat sich bereits ein Pulk versammelt. Es gibt zwei Bildschirme draußen, Bilder aus dem wenige Kilometer entfernten Olympiastadion sind zu sehen. Ich begrüße die drei Madrilenen. „Es gibt ein Problem“, sagt M., „wir haben keinen Ton.“ Anwohner hätten sich im letzten Jahr beschwert, es sei bei den Public Viewings zu laut gewesen. „Unmöglich, dass es so was in Spanien gäbe“, sagen die drei. Die nette Wirtin äußert ihr Unverständnis, während sie bei uns vieren den ersten Strich für ein Bier auf unseren Zetteln anschreibt.

Als das Spiel losgeht, wird es irgendwie egal, dass kein Kommentar zu hören ist. Kommentiert wird das Spiel eben vor der Leinwand. „Forza Juve“, schreit neben mir P., der Real-Madrid-Anhänger ist, seit er denken kann, wie er mir erzählt. „Das heißt: Eigentlich schon vorher. Es ist quasi genetisch.“

Jubel mit Pizzarand

Als nach drei Minuten dieses wunderschön anzuschauende 1:0 für Barça durch Ivan Rakitic fällt, sind die Reaktionen entsprechend unterschiedlich: Der kleine Junge im Messi-Trikot mit dem Pizzarand im Mund springt auf und jubelt. In meiner Runde herrscht eher Reserviertheit.

Die frühen Erwartungen auf das ganz ganz große Finale konnten nicht durchgängig erfüllt werden, auch wenn es meist packend und spannend war. Aber insgesamt wurde auch viel gesenst, gegrätscht und geholzt auf dem Spielfeld; zumeist, das müssen selbst Unparteiische zugeben, von den Herren in den schwarz-weißen Juve-Trikots. Einzelaktionen aber werden bejubelt, insbesondere jene von Messi. Zwischenzeitlich kommt trotzdem ein wenig Langeweile auf – bis aus dem Nichts das 1:1 von Álvaro Morata meinen Nachbarn P. aus der Lethargie reißt. Er springt auf. Die Madrilenen feiern.

Zehn Minuten lang liegt dann wieder Hochspannung in der Luft, P. fordert vehement Elfmeter Richtung Bildschirm, als Juve-Spieler Paul Pogba im Strafraum zu Boden geht. „Der Rasierpinsel kriegt keinen Elfmeter“, sage ich. Zuvor hatten wir uns lang und breit über die Frisuren der Spieler unterhalten. Das Ergebnis war, dass Arturo Vidal eine Bushido-Fan-Frisur hat und Paul Pogba einen Rasierpinsel auf dem Kopf trägt …

Beim dritten Bier trifft Luis Suárez. Als das dritte Bier leer ist, trifft auch noch Neymar. Das Spiel ist gelaufen. Betrunken und still schauen wir zu, wie Konfetti fliegt, wie der polierte Silberpokal in die Höhe gereckt wird – von den Rot-Blauen.

P. ist noch auf Party aus: „Ziehen wir noch weiter?“ Ich lasse den Abend später zu Hause ausklingen. Vor dem Laptop – es läuft die Frauen-WM.

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