CO2-Bepreisung hilft bei Energiewende: Emissionshandel wird Klimaschützer

Lange hatte er keinen guten Ruf. Aber nun dürfte der Handel mit CO2-Zertifikaten den Rückgang der Kohleverstromung beschleunigen.

Blick über den ausgetrockneten Boden eines abgelassenen Fischteiches 2017 auf die qualmenden Kühltürme des Braunkohlekraftwerkes Jänschwalde der LEAG (Lausitz Energie Bergbau AG) unweit von Peitz (Brandenburg).

Emissionshandel bringt weniger CO2, hier das Braunkohlekraftwerk Jänschwalde Foto: dpa

FREIBURG taz | Lange wurde er beschimpft, jetzt mausert sich der EU-Emissionshandel zum Klimaschützer. Denn die Politik der EU treibt den CO2-Preis im Emissionshandel auf immer neue Höhen. Mitte Februar kostete der Ausstoß einer Tonne erstmals seit Beginn des Zertifikatehandels im Jahr 2005 mehr als 40 Euro, inzwischen sind es 42. Weil jedes Kraftwerk, das fossile Energieträger verbrennt, für die erzeugte CO2-Menge entsprechende Zertifikate vorweisen muss, wirkt deren Preis unmittelbar auf den Strompreis an der Börse. Damit beflügelt der Emissionshandel inzwischen auch die Energiewende.

Über Jahre hinweg dümpelte der CO2-Preis unter 20 Euro je Tonne – und konnte so wenig Wirkung entfalten. Doch die jüngsten Entscheidungen der EU haben den Emissionshandel erheblich aufgewertet: Im Dezember hatten sich die Mitgliedsstaaten darauf verständigt, den CO2-Ausstoß bis 2030 um mindestens 55 Prozent gegenüber 1990 zu senken. Bisher waren lediglich 40 Prozent Minderung angepeilt. Das Europaparlament strebt sogar 60 Prozent Reduktion an. Somit werden Emissionszertifikate in Europa knapper und damit teurer.

Analysten einiger Geldhäuser sehen die Preise daher weiter steigen. Die Privatbank Berenberg zum Beispiel erwartet bereits in diesem Jahr einen Preis von 65 Euro je Tonne, im kommenden Jahr sei im Mittel sogar von 85 Euro auszugehen. Von „viel politischem Rückenwind“ für den CO2-Preis schreiben auch Analysten der Commerzbank.

Einen Hinweis, in welche Richtung der CO2-Preis im Emissionshandel gehen könnte, gibt auch jener CO2-Preis, den Deutschland für die Sektoren Wärme und Verkehr eingeführt hat (also solche, die nicht dem europäischen Emissionshandel unterliegen): Im Jahr 2026 soll die Tonne hier zwischen 55 und 65 Euro kosten. Da es keinen sachlichen Grund gehen kann, in verschiedenen Sektoren unterschiedliche CO2-Preise zu erheben, dürfte dieses Preisniveau auch Maßstab für den Kraftwerkssektor sein.

CO2-Zertifikate verteuern Strom

Die Kosten der CO2-Zertifikate verteuern die Erzeugung von Strom aus fossilen Brennstoffen nach einer fixen Formel. So schlägt bei Braunkohlekraftwerken jeder Euro, um den die Tonne CO2 teurer wird, auch mit rund einem Euro pro Megawattstunde auf den Strompreis durch. Bei modernen Gaskraftwerken – diese erzeugen weniger CO2 – ist es nur rund ein Drittel des Betrages.

Deswegen gehen Marktbeobachter wie etwa das Energiewirtschaftliche Instituts (EWI) der Universität Köln davon aus, dass das verschärfte Klimaziel der EU auch marktgetrieben zu einem schnelleren Rückgang der Kohleverstromung führen kann. „Dadurch könnte die Stromerzeugung aus Kohle bereits vor dem geplanten Ausstieg im Jahr 2038 fast vollständig aus dem Markt gedrängt werden“, sagt Max Gierkink, Wissenschaftler am EWI.

Da der Preis fossil erzeugten Stroms die Preise an der Strombörse bislang noch erheblich prägt, wurde die Energie am Terminmarkt parallel zum CO2-Preis zuletzt deutlich teurer. Wer heute Strom zur Lieferung im Jahr 2022 verkauft, erhält dafür rund 56 Euro pro Megawattstunde. Wer hingegen im Jahr 2017 (als CO2 noch billig war) Strom für das Folgejahr anbot, bekam für die gleiche Menge zeitweise kaum mehr als 30 Euro.

Neue Betriebsjahre für Wind- und Sonnenanlagen

Für CO2-freie Stromerzeuger ist diese Entwicklung ausgesprochen vorteilhaft, denn damit kommen immer mehr Wind- und Solarstromanlagen ohne Förderung aus. Folglich dürfte der gestiegene Börsenstrompreis mancher alten Windkraftanlage, die nach 20 Jahren keine Vergütung aus dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) mehr bekommt, noch ein paar zusätzliche Betriebsjahre bescheren.

Zwar liegt der Marktwert von Wind- und Sonnenstrom an der Börse etwas niedriger als der dort für planbare Kraftwerke ausgewiesene Jahresmittelwert („Baseload“) – schlicht, weil die Unberechenbarkeit der fluktuierenden erneuerbaren Erzeuger eingepreist werden muss.

Kalkuliert man dieses Manko ein, kann Windstrom vom Land derzeit an der Börse bei langfristiger Vermarktung rund 42 Euro pro Megawattstunde erzielen. Aufgrund abweichender Erzeugungsprofile kommt die Offshore-Windkraft sogar auf etwa 48 Euro, ähnlich die Photovoltaik. Solche Preise publiziert auf Basis der täglichen Marktdaten regelmäßig der Berliner Strommarkt-Analyst Energy Brainpool.

Neue Phase für Energiewende

Die Energiewende tritt damit in eine neue Phase, weil angesichts solcher Marktpreise zunehmend Projekte ohne EEG-Förderung auskommen. Der Energiekonzern EnBW zum Beispiel hat jüngst in Weesow-Willmersdorf in Brandenburg einen Solarpark in Betrieb genommen, der keine gesetzlich garantierte Vergütung in Anspruch nimmt. Ähnliches plant die EnBW mit dem Windpark He Dreiht in der Nordsee, der bei einer installierten Leistung von 900 Megawatt ebenfalls ohne EEG kalkuliert ist.

So könnte die CO2-Bepreisung in Zukunft das wichtigste Instrument des Klimaschutzes werden und dabei die gesetzlich definierten Einspeisevergütungen zunehmend verdrängen. Politisch ist das vielfach gewollt; der Ruf nach mehr Markt beim Ökostromausbau wurde zuletzt immer lauter.

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