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Byte FM auf UKWBildungsauftrag in Sachen Popmusik

Seit dem neuen Jahr läuft der Musiksender Byte FM in Berlin auf UKW. Das geht auf Kosten freier Sender, könnte aber bei der Musiksozialisation helfen.

Neues Medium: Ein frühes Radiogerät im Schulunterricht Anfang des letzten Jahrhunderts Foto: fpg/getty images

Fröhliche Radiotage gibt es nicht mehr in diesen Zeiten. ARD, ZDF und Deutschlandradio bauen ihre Radioprogramme seit dem 1. Dezember 2025 zurück. Ganze Sender und Frequenzen werden aufgegeben. Das liegt am kürzlich verabschiedeten Reformstaatsvertrag. Demnach sollen ab 2027 nur noch 53 statt 69 öffentlich-rechtliche Sender über UKW ausgestrahlt werden.

Der MDR schaltete bereits im Juni einige UKW-Frequenzen ab, in manchen Regionen können Sender jetzt nur digital über DAB+ empfangen werden. Der Bayerische Rundfunk baut ganze Sender ab: die vier Digitalsender Puls Radio, BR Schlager, BR24 live, BR Verkehr. MDR Klassik, MDR Schlagerwelt und NDR Schlager sollen wegfallen, außerdem werden mehrere Jugendwellen zusammengelegt. Auch SWR aktuell und hr Info sollen künftig kooperieren.

Man kann darüber streiten, ob das grundsätzlich nur von Nachteil sein muss. Die Jugend hört schon lange lieber Spotify und Konsorten statt dem Quäkkasten in der Küche zu. Auch der Boom des Formats Podcast geht auf Kosten des vorher üblichen Radiokonsums – unter jungen Menschen gibt es in Deutschland inzwischen mehr Podcast- als Radiohörer.

Überraschung höchstens spätabends

Das Radio ist ein uraltes Medium, das sein 100-Jähriges jetzt schon eine Weile hinter sich hat (offizieller Geburtstag in Deutschland: 23. Oktober 1923). Die Umstellung aufs Digitale funktioniert hier längst nicht überall und reibungslos wie beim Fernsehen. Zwar hatten 2023 über zwei Drittel der Menschen ab 14 Zugang zu digitalem Radio, allerdings hören genauso viel immer noch lieber „terrestrisch“.

Herkömmliche Radiogeräte gibt es weiterhin noch und nöcher. Radio wird wohl immer ein Hintergrundmedium sein und bleiben, etwas, das man gerne anstellt, während man anderes erledigt: Haushalt, Autofahren, Gartenarbeit, Kochen. Und nicht alle diese Tätigkeiten sind im Sterben begriffen.

Es gibt allerdings weitere Gründe, den Rückbau des öffentlich-rechtlichen Radios nicht nur als traurige Tatsache anzusehen: Tatsächlich ist da ein Überangebot, eine Verwässerung, eine Inflation an spezifizierten Sendern bei gleichzeitig nachlassender Qualität. Seit dem Aufkommen der Formatradios Mitte der 1990er Jahre, bei denen Musik, Moderation und Programmfarbe zu jeder Zeit möglichst unverwechselbar sein sollen, ist Überraschung und Herausforderung der Hörerschaft höchstens in Spätabendstrecken zu finden.

Vermeintliche Jugendsender wie Radio Eins oder Eins Live sind mittlerweile eher dad radios, also Sender für Leute ab 40. Selbst ein so lange als „Underground“ oder Alternative geltender Sender wie FM4 aus Wien gilt inzwischen als angestaubt, der Nachwuchs bleibt zunehmend weg.

Mit Wermutstropfen

Umso erstaunlicher, dass Byte FM, ein bislang kleiner Sender aus Hamburg, der außerhalb der Hansestadt lange ausschließlich digital empfangbar war, jetzt den gegenteiligen Weg geht – jedenfalls in Berlin: Auch dein Radiowecker hat seit Neujahr diesen Sender zu bieten, solltest du in der Hauptstadt aufwachen.

Schwerer Wermutstropfen: Das geht auf Kosten der nicht kommerziellen, freien Radiosender. Byte FM hat sich die Frequenz sichern können, die vorher unter anderem dem freien Berliner Sender Pi Radio vorbehalten war. Der kann künftig nur noch digital über DAB+ oder per Stream gehört werden. Auf 88,4 MHz ist seit dem 2. Januar nun Byte FM zu hören. Jazz FM, ebenso neu im Äther, sendet auf 90,7 – ebenfalls ein vorher den freien Sendern zugeordneter Platz. Wirklich fröhliche Radiotage gehen eigentlich anders.

Byte FM dürfte für die taz-Lesendenschaft jedoch kein unbekannter Sender sein. Hier gibt es keine Werbespots, sondern kuratierte und moderierte Musiksendungen – die so manches Spezialistinnenherz höher schlagen lassen. Der Sender, einst vom Medienunternehmer Ruben Jonas Schnell fürs Webradio gegründet, betont in der Hinsicht gerne, dass er eine Plattform – hier fällt auch oft das Wort „Start-up“ – für guten Musikjournalismus sein möchte – was auch immer das genau sein soll.

Seit mehr als zehn Jahren arbeitet Byte FM auch mit der taz-Musikredaktion zusammen. Freitags zwischen 17 und 18 Uhr läuft das „taz.mixtape“, moderiert von Klaus Walter of hr-Fame („Der Ball ist rund“). Angefangen hat das 2014: Die Mitarbeitenden fuhren in den Prenzlauer Berg, wo es ein kleines Aufnahmestudio im Souterrain eines Altbaus in der Fehrbelliner Straße gab. Gerade noch keuchend vom Rad gestiegen, sprach man möglichst beflissen und angeleitet von der umsichtigen Moderatorin Diviam Hoffmann Ausschnitte der jüngsten Musikbesprechungen ein. Versendet wurde das dann Tage später im Netz.

Endlich so ’ne Musik

Erinnerlich ist auch eine Quasi-Livesendung im Kreuzberger Club Monarch, bei der es allerdings lange warten hieß, bis man endlich sein Lieblingsstück des Jahres unter der kundigen Moderation von Walter anpreisen durfte. Endlich gab es mal wieder so ’ne Musik.

Insofern doch eine gute Sache, wenn UKW-Frequenzen den Profis überlassen werden? Die lokalen Besonderheiten, den Charme der freien Sender, die in ihrer Unprofessionalität Witz versprühen und echter, authentischer, ungefiltert klingen konnten, erreicht Byte FM natürlich nicht. Dennoch kann es nicht schaden, wenn analoges Radio auch einem Bildungsauftrag in Sachen Popmusik nachgeht. Und die Hauptstadt bildet natürlich das beste Pflaster dafür. Zwischen Flux FM und Radio Eins ist bestimmt noch Platz.

Schön wäre, man darf sich ja mal was wünschen, wenn Berlin nicht die letzte Region für derartige Experimente bliebe. Besonders auf dem flachen Land wüssten viele nicht, was gute Musik ist, wenn es nicht mitunter sehr gutes Radio gäbe. Meine Musiksozialisation beispielsweise wäre ohne den britischen Soldatensender BFBS (John Peel!) und den niederländischen Sener VPRO gewiss eine ganz andere gewesen.

Auch an meine ersten Radiotage in Berlin erinnere ich mich: Wie ich das Gerät an die Steckdose anschloss und es kam, ich glaube, es waren die frühen Tage von Kiss FM, Technomusik heraus. Geballer, ganz ohne Gelaber zwischendurch. In der Charlottenburger Wohnung, in der ich damals unterkam, wurde ekstatisch und wortlos dem Prinzip von Joy Division entsprochen: „dance, dance, dance to the radio.“ Schön war das. Und bildend.

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