Bundesliga-Test für Union

Die Steaks kosten noch drei Euro

Bei Union sind sie jetzt Bundesligist: Am Samstag ging es in einem ersten Testspiel gegen den dänischen Erstligisten Brøndby IF.

Sie waren schon immer erstklassig: Union-Fans beim Testspiel gegen Brøndby IF Foto: picture alliance/Andreas Gora/dpa

Ein Fan mit ausgebleichter Union-Kappe, goldumrandeter Brille und grauem Schnurrbart winkt hektisch. Er steht mitten in der Menschenmasse auf der Gegengerade im Stadion an der Alten Försterei. Doch seine Frau, einige Meter unter ihm im Durchgang stehend und nach ihrem Platz suchend, schaut in die falsche Richtung. Sie sieht ihn nicht. Das Wasser im vollen Becher in ihrer Hand schwappt bei jeder Bewegung gefährlich. Wieder winkt der Mann, schon wieder schaut seine Frau weg. Resigniert zieht er die Mundwinkel nach unten. Auch in der Bundesliga läuft eben nicht alles rund.

Es ist Sonnabend, der FC Union Berlin absolviert zum ersten Mal überhaupt ein Fußballspiel als Bundesligist. Die Eisernen starten in die Vorbereitung auf die neue Saison – und zwar erfolgreich. 2:1 gewinnen sie im Test gegen den dänischen Erstligisten Brøndby IF. Die Berliner Tore schießen Sebastian Polter und Joshua Mees.

Besonders laut wird es schon vor dem Spiel, als Trainer und Mannschaft von den Fans begrüßt werden. Stadionsprecher Christian Arbeit ruft im Anschluss ans Publikum gerichtet ins Mikrofon: „Und mit euch gehen wir hier nie wieder weg – ist doch logisch!“ Laut wie zu keinem anderen Zeitpunkt an diesem Nachmittag schallt die Antwort von den Rängen: „Eisern Union!“

Es ist immer noch kaum zu glauben: Die Eisernen sind erstklassig. Union Berlin spielt in Zukunft offiziell in der Bundesliga. Für viele Fans an der Alten Försterei ist das alles noch völlig irreal, eine Utopie. „Es ist ein bisschen unglaublich, aber auch schön. Man hatte eigentlich immer das Gefühl, Union gehört in die zweite Liga. So oft waren wir nah dran, so oft haben wir es dann doch verkackt.“ Nico, blonde Kurzhaarfrisur, ist seit 2012 Stammgast in Köpenick. „Wenn wir jetzt Letzter werden, werden wir Letzter. Auch egal.“

In Köpenick sind sie „Fußballgötter“

Ganz so utopisch fühlt sich die neue Realität eigentlich gar nicht an. Die Steaks kosten immer noch drei Euro, das Bier vier. Und die Menschen sind auch noch dieselben wie letztes Jahr. Klar, die Fußballer heißen jetzt anders, ihre Namen sind prominenter geworden. Der von Neven Subotic etwa, der schon mal Deutscher Meister mit Dortmund wurde. Oder von Christian Gentner, auch schon Deutscher Meister. Hier in Köpenick sind sie „Fußballgötter“ – so wie alle anderen Spieler auch, denen das bei der Begrüßung traditionell entgegenschallt.

„Für mich ist alles wie immer. Union spielt, und wenn Union spielt, gibt’s nichts anderes.“ Martina war vor 44 Jahren, 1975, zum ersten Mal im Stadion an der alten Försterei. Es ging damals gegen Rot-Weiß Erfurt, und wie das bei Union nun mal so ist, ließ die Magie des Vereins sie nie wieder los. Bundesliga? Martina, blonde Kurzhaarfrisur und ansteckendes Lachen, zuckt mit den Schultern. „Wir wollen alles mitnehmen, was irgendwie geht. Ich will einfach nur die Spiele sehen, so viele wie möglich.“

„Union ist jetzt so weit wie Schalke damals“, philosophiert ein Fan

Das Spiel selbst steht heute aber eigentlich im Hintergrund. Für die mehr als 12.000 anwesenden Fans ist der Tag eher ein Wiedersehen. Die Wochen der Sommerpause sind vorbei, endlich gibt es wieder Gelegenheit für launige Nachmittage an der Alten Försterei.

Es wird ein bisschen gesungen und noch mehr philosophiert. „Ich hab Schalke damals genauso kennengelernt. Union ist jetzt so weit wie die damals.“ Schalke also, millionenschwer und grundsätzlich nach der Champions League strebend, aber immerhin auch ein Arbeiterverein, als Vorbild für Köpenick. Die beiden Fans diskutieren ambitioniert und trinken ihr Bier. Alles wie immer. Das Spiel setzt sich fort.

Als dann abgepfiffen wird, kommt das manchem Fan ziemlich gelegen. Ein junges Mädchen sitzt auf den Schultern ihres Vaters, ihre Augen wirken müde, blicken starr zum Rasen. Abpfiff, keine erkennbare Regung. Die Menschen um sie herum recken einmal kurz die Fäuste in Richtung des Tribünendachs, grinsen. Ihr Papa nimmt das Mädchen von seinen Schultern. Jetzt lächelt es, umarmt ihn und lässt ihn mehrere Sekunden lang nicht mehr los. Union hat gewonnen. Jetzt geht's nach Hause.

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