Bürgermeisterin in Russland: Die „Eiserne Lady“ von Jakutsk

Sardana Awxentjewa ist Bürgermeisterin in Jakutsk, der kältesten Großstadt der Welt. Und bekannt für ungewöhnliche Entscheidungen.

Portraitfoto von Sardana Awxentjewa

Bürgermeisterin Sardana Awxentjewa will mit dem Verkauf ihres Amtssitzes die Stadtkasse auffüllen Foto: Alexander Ryumin/imago

MOSKAU taz | Ein Mädchen steht im Schnee. Die Kapuze des schwarzen Mantels über die helle Mütze gezogen, einen langen Schal vorn verknotet. Um sie herum schaufeln Frauen und Männer vereisten Sand in Eimer. Das Exekutivkomitee der Stadt soll an dieser Stelle entstehen, ein Bürgermeisteramt quasi. Die Bewohner*innen von Jakutsk, der kältesten Großstadt der Welt, knapp 5.000 Kilometer östlich von Moskau, packen bei einem Subbotnik in den 1970er Jahren mit an. Auch das Mädchen, das knapp 50 Jahre später in diesem Gebäude das Sagen haben wird: Sardana Awxentjewa, die einzige direkt gewählte Bürgermeisterin in Russland.

Das Gebäude, in dem sie als Kind die Eclairs aus der Kantine so liebte und wo sie immer wieder aus dem Fahrstuhl verjagt worden sei, so schreibt sie es in ihrem Instagram-Post, will sie nun loswerden. Als Chefin der Verwaltung bietet Awxentjewa es zum Verkauf an. Es sei überflüssig, Jakutsk – auf Stelzen im Permafrostboden gebaut – müsse dringend das städtische Budget auffüllen. Es ist wieder eine der ungewöhnlichen Entscheidungen einer Frau, die in der Republik Sacha, früher Jakutien genannt, als „eiserne Lady“ bezeichnet wird.

Sardana Awxentjewa postet in sozialen Netzwerken gern private Bilder. Schaut her, das bin ich. Ein einfaches Mädchen aus einfachen Verhältnissen. Ich bin wie ihr. Nur eben für vier Jahre zur Bürgermeisterin gewählt. Es war eine politische Sensation, als Awxentjewa, Geschichtslehrerin und Verwaltungsfachfrau, sich vor zwei Jahren überraschend gegen den Kandidaten der Regierungspartei durchsetzte.

Seitdem betont sie in allen Interviews – auf Russisch und auf Jakutisch –, sie sei keine Oppositionelle. In der eigenen Amtsstube kein Porträt des Präsidenten, sondern eines mit einem jakutischen Ritual? Ein demonstratives Nein zu Putins Verfassungsreform, dem wichtigsten Politprojekt des Kremls in diesem Sommer? „Mein Arbeitgeber sind die Wähler*innen in Jakutsk“, sagt die 50-Jährige, zu deren Arbeitskleidung Schneehosen und die sogenannten Unty gehören, die typischen Fellstiefel der Jakuten. „Wir Jakuten sind Nordländer, immer im Energiesparmodus, wir können improvisieren.“

Sie spart gern. Kaum auf dem Posten, ließ sie viele Dienstwagen verkaufen. Sie strich kostspielige Empfänge und Auslandsreisen, sie kündige unzuverlässigen Auftragnehmern, lässt Mitarbeiter*innen mit Bus und Taxi zu ihren Treffen kommen. Nun improvisiert sie weiter. Die Republik Sacha baut zwar Diamanten ab, sie hat Gold, Öl, Gas, Kohle. Doch der Reichtum geht nach Moskau.

Jakutsk mit seinen 320.000 Einwohnern taucht immer wieder auf Listen der ärmsten Städte im Land auf. Die Region fühlt sich abgehängt, der Permafrostboden taut, die Häuser bekommen Risse, die Wohnungen sind knapp, die Straßen schlecht. Da kommen Entscheidungen der sich bescheiden gebenden Awxentjewa bestens bei den Menschen an. Manche sehen in ihr schon die nächste Präsidentin. „Ich bin doch nicht verrückt“, sagt sie, die in einem jakutischen Dorf zur Welt kam und ihre Region nie verlassen hat. Bislang.

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