piwik no script img

Bücher bis zum Himmel

Vor 20 Jahren wurde das Dominikanerkloster in Maastricht zur Buchhandlung. Manche sagen, sie sei die schönste der Welt

Auf den begehbaren zweigeschossigen Regalkonstruktionen kommt man den restaurierten Decken­malereien ziemlich nah Foto: Andreas Secci/Archenova­imago

Der Buchhändler Ton Harmes ist leidenschaftlicher Liebhaber seines Geschäftsgebäudes, des 700 Jahre alten früheren Dominikanerklosters mitten im niederländischen Maastricht. Er hat dort 2006 einen riesigen Buchladen eröffnet, der 74-Jährige spricht heute vom „spirituellen Inhalt als Treibstoff“ für sein Geschäft. Mit seiner Liebe ist er nicht allein: 2007 adelte der britische Guardian seinen Boekhandel Dominicanen zur „schönsten Buchhandlung der Welt“, sie sei „wie im Himmel erschaffen“. Das deutsche Geo-Magazin sekundierte später: „Göttlich“. Mittlerweile, so Harmes, kämen mehr als eine Million Menschen pro Jahr zu Besuch.

Das Besondere an der Buchhandlung sind die begehbaren zweigeschossigen Regalkonstruktionen. Im zweiten Stock, auf gut acht Metern Höhe, öffnen sich den Besuchern umringt von Bücherwänden immer neue Blicke ins Kirchenschiff, und man ist den restaurierten Deckenmalereien aus dem Mittelalter und der Barockzeit ziemlich nah. Die riesigen Regale sind aus Eisen und 30 Meter lang. Wie Schachteln wurden sie denkmalschutzgerecht in die gotische Halle hineingestellt und teils um die mächtigen Säulen herumgebaut. „Wir berühren das Gebäude nicht“, sagt Harmes. Der gesamte Raum scheint auf magische Weise gewachsen, obwohl die Regalwände so viel Platz einnehmen. Für ihr Konzept erhielt das Amsterdamer Architekturbüro Merkx+Girod seinerzeit den Niederländischen Innenarchitekturpreis.

Die Dominikaner sind dabei schon seit den Zeiten Napoleons raus. Im Jahr 1815 ging das Gebäude in den Besitz der Stadt über – und wurde immer nur gelegenheitsgenutzt, mal als Konzertsaal, mal als Schlachthaus, nach dem Krieg für den Kinderkarneval, dann als Parkhaus für Hunderte Fahrräder. Bis Harmes die Kirche vor knapp 20 Jahren pachtete.

Der Lesetisch im alten Altarbereich hat die Form eines angedeuteten Kreuzes. Den Cappuccino machen die Coffeelovers von Blanche Dael, einem kleinen Maastrichter Fairtrade-Kaffeeröster. Manche rümpften die Nase, profaner Genuss an diesem heiligen Ort? „Nein, passt“, sagt Harmes, „das ist doch der Ort des Abendmahls.“ Etwa 170 Veranstaltungen gibt es jährlich: Lesungen, Konzerte, Diskussionsrunden.

Die älteste Stadt der Niederlande hat noch viele andere umgenutzte Sakralbauten – ein Naturkundemuseum, ein Info-Center der Uni und ein Modegeschäft befinden sich heute dort. Eine frühere Kirche gleich am Maasufer war lange eine Disco, dann eine Turn- und Fitnesshalle, später ein Gemüsemarkt. Im benachbarten Heerlen wird eine Kirche gerade zum Schwimmbad. Besonders spektakulär: das Maastrichter Kreuzherrenkloster von 1440, heute zum Fünfsternehotel umgebaut. Auf zwei Etagen sind im Kirchenschiff die Restauranttische für gotteslästerliche Völlerei untergebracht, darüber schweben wie Ufos die meterbreiten Lampen des Münchner Lichtdesigners Ingo Maurer. 60 Betten gibt es in den Seitenflügeln. Doppelzimmer ohne Frühstück: 206 bis 430 Euro die Nacht.

Ob es zum Trost konservativer Kirchenkreise wenigstens die Bibel bei Buchhändler Harmes zu kaufen gebe? „Aber ja, natürlich“, sagt der, „und den Koran und die jüdische Bibel auch.“

Das Gebäude war schon mal Konzertsaal, Schlachthaus und Parkhaus für Hunderte Fahrräder

Bernd Müllender

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen