Buch von Wolfram Lotz: Die Sprache der Träume
Wovon träumt Europa? Dramatiker Wolfram Lotz knotet Verdrängtes aus dem Reich des Unbewussten zu einem langen Traumfaden zusammen.
Von Freud erfährt man, mit dem Träumen sei es wie mit dem Schmieden von Reimen. Das Entweder-oder des Tages weicht einem nächtlichen Und-und-und, Zeit wird zur weichen Masse. Der Traum verschiebt, verfremdet und verdichtet verdrängte Wünsche aus dem Reich des Unbewussten.
Es wundert daher nicht, dass Wolfram Lotz’ neues Buch wie ein Gedichtband daherkommt: Für „Träume in Europa“ hat Lotz erklärtermaßen Beiträge aus „europäischen Traumforen“ gesammelt und zu diesem kleinen Buch zusammengestellt. Doch enthält das Buch keine Informationen über die Träumenden und ihre Lebensumstände und erscheint daher selbst so enigmatisch wie mancher Traum.
Die haarsträubenden Plots der Träume sind dabei mehr als bloße Launen des Geistes. Freud unterscheidet wie ein früher Semiotiker zwischen unmittelbarer Traumhandlung und verhandelten Traumgedanken, Bedeutendes von Bedeutetem. Er sieht in Träumen eine Zuspitzung des Psychologischen, eine konzentrierte Form, die, wenn mit biografischen Details des oder der Träumenden in Verbindung gesetzt, Licht ins Dunkel der menschlichen Psyche werfen kann, ähnlich wie es eine bestimmte Form der Hermeneutik für die Literatur versucht.
Wolfram Lotz: „Träume in Europa“. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2026. 112 Seiten, 23 Euro
Kaffeesatzlesen und Detektivarbeit
Jacques Lacan stellte später fest, dass das Unbewusste strukturiert sei wie eine Sprache, und gerade im Traum, so scheint es, geht diese Analogie besonders gut auf. Also doch Kaffeesatzlesen und literarische Detektivarbeit?
Vielleicht ist es der Zeitgeist, vielleicht verleitet auch der Titel zunächst dazu, Lotz’ gesammelte Träume einer Art Massentraumdeutung zu unterziehen, um universelle Symbole des Traummaterials zu identifizieren. Immerhin stellte Freud fest, „dass die Träumer derselben Sprache sich der[selben] Symbole bedienen, ja, daß in einzelnen Fällen die Symbolgemeinschaft über die Sprachgemeinschaft hinausreicht“.
Obwohl das Reich der Träume stets aus zutiefst individuellem Material errichtet ist, gibt es im Traum wie in der Literatur universelle Symbole, die sich zwischen den Bewusstseinsebenen verankert haben und die sich als Teil eines kollektiven Empfindens ausdrücken. Kann man hier wohl etwas lernen über die von Abschwung und Säbelrasseln bedrohten Bürger*innen Europas zur Zeitenwende? Erfährt man von ihren heimlichen Bedürfnissen oder gar von den Albträumen, die die europäische Realpolitik denen beschert, die nicht das Glück haben, per Pass und Einkommen als gleichwertige Menschen anerkannt zu sein?
Langer episodenhafter Traumfaden
Zur Klärung dieser Fragen und zur Bestimmung einer europäischen Kollektivpsychologie taugt das Buch eher nicht, denn unmittelbar Politisches verhandeln die wenigsten dieser Träume. Die meisten dieser absurden Szenarien sind privater Natur, wechseln zwischen den Geschlechtern, sind aber in der Und-und-und-Logik der Träume angeordnet. Man hat es eher mit einem langen, episodenhaften Traumfaden zu tun als mit einem dramaturgischen Crescendo samt epistemologischer Geschlossenheit.
Es ist davon auszugehen, dass die Träumer*innen selbst nicht immer Auslöser wie Ausgestaltung ihrer Träume kennen und verstehen. Genau im Nichterkennen ihrer eigenen Symbole liegt jedoch der poetische Reiz dieser lyrisch anmutenden Träumereien.
Viele der kleinen, verzerrten Wirklichkeitssplitter klingen nach einer seltsamen, ungeformten Poesie, wie beiläufig aufgeschrieben, als wäre das Poetische vom Träumenden nicht beabsichtigt, vom Editor Lotz höchstens freigelegt. Vielleicht liegt der Reiz dieser Miniaturen viel mehr in der sprachlichen Unbedarftheit und, wie einst von Susan Sontag gefordert, bedarf es eher einer Offenheit zur Oberfläche, statt auf Biegen und Brechen eine Hermeneutik zu entwickeln, der im Zweifelsfall ein fragwürdiges Verständnis von kollektiver Identität zugrunde liegt.
Ein Beispiel. „Irgendein Mist krabbelte eine Umarmung wollend auf mich zu und gab vor, mein Kind zu sein. Als hätte ich mit meinen Kindern nicht schon genug zu tun. Es sah aus, als würde es Hände nach mir ausstrecken, war aber nur ein Haufen alter Wolle oder Moos, etwas so Schmutziges. Ich habe es am Ende vertrieben.“
Vulven und Penisse
Gerade die kurzen Episoden sind oft sehr lustig, taugen aufgrund mangelnder biografischer Informationen aber nur leidlich zur traumdeuterischen Analyse ihrer Urheber*innen. Mehrfach geht es um Vulven und Penisse – erotische Sehnsüchte motivieren nach Freud immerhin die meisten unserer Träume – dann wieder um unmögliche Situationen am Arbeitsplatz oder um Popstars, die plötzlich vor der Tür stehen und die Träumerin in eine Art panische Verlegenheit bringen, die sich nur im Traum erschließt.
Politiker treten als Privatpersonen auf, ihrer politischen Funktion auf traumhafte Weise beraubt. Die Prosa hat etwas von Outsider-Art, Zufallspoesie, und oft ist es auf eine Weise rührend, diese zutiefst menschlichen wie hermetischen Realitätssplitter vor sich ausgebreitet zu sehen, wo nationale Befindlichkeiten und überhaupt Ortsbezeichnungen gar keine Rolle spielen.
Die meisten dieser Träume haben keine Bühne außerhalb der Köpfe ihrer Autor*innen und scheren sich wenig um Europas neuerliches Streben um einen Platz am Pokertisch der Weltmächte. Das Einzige, was die Schlafenden eint, ist die Entrücktheit ihrer Träume.
Versuch der Wirklichkeitsbewältigung
Statt als psychologische Materialsammlung für angehende Psychiater oder Politiker kann Wolfram Lotz’ traumhaftes Sammelwerk als neuerlicher Versuch der Wirklichkeitsbewältigung verstanden werden.
Auch Lotz’ dramatische Werke spielen mit den Oberflächen der Gegenwart, lassen mal somalische „Diplom-Piraten“ monologisieren oder geben dem beinahe vergessenen Thilo Sarrazin das Wort. Denn wie in seinem letzten Buch, dem manisch angelegten 900-seitigen Totaltagebuch „Heilige Schrift I“, versucht sich Lotz auch in „Träume in Europa“ am Mosaik einer Wirklichkeit, die nun aber nicht mehr nur seiner Fantasie entstammt.
Lotz, der in der Vergangenheit auch schon mal Cameo-Auftritte in seinen Theaterstücken hinlegte, kommt mit „Träume in Europa“ einer Idee von Wirklichkeit so auf traumhafte Weise näher, als es die Kürze dieses schmalen Bands vermuten ließe.
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