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Buch über XXL-KunstDas Atelier, der mächtige Produktionsapparat

In ihrem Buch „Große Kunst“ untersucht die Kunsthistorikerin Karen van den Berg das „Hyperwachstum in der Studiopraxis“.

Eher Agentur als Kunstatelier: Blick in das Berliner Studio von Ólafur Elíasson, 2015 Foto: Philipp Langenheim

Wenn im Mai die 61. Ausgabe der Venedig-Biennale eröffnet, wird man ihn wieder einmal besichtigen können, den Größenwahn der Kunst. Installationen, Skulpturen, Ausstellungen, das weiß jede:r, der oder die sich in den vergangenen Jahren in der internationalen Kunstwelt herumgetrieben hat, scheinen physische Grenzen nicht mehr zu kennen. Immer raumgreifender, immer spektakulär will die Kunst sein, muss sie auch sein, um so manche der heutigen Ausstellungshäuser und Galerien überhaupt füllen zu können.

Gleich zu Beginn ihres fast 400 Seiten schweren Buches „Große Kunst. Hyperwachstum in der Studiopraxis“, in dem Karen van den Berg den Trend zum Groß-und-Größer untersucht und analysiert, wie sich dieser auf künstlerische Werke, Arbeitsprozesse und Selbstverständnisse auswirkt, blickt auch die Kunsthistorikerin nach Venedig. Sie erzählt vom US-Pavillon, den 2024 der Choctaw-Cherokee-Künstler Jeffrey Gibson innen wie außen in grellbunte Farben tauchte.

Gesamtkosten: 5,8 Millionen Dollar. Eine Summe, die Gibson, ohne Großgalerie im Hintergrund und von der US-Regierung mit nur 375.000 Dollar unterstützt, zu weiten Teilen selbst organisieren musste.

Das Buch

Karen van den Berg: „Große Kunst. Hyperwachstum in der Studiopraxis.“ Tentare Verlag, Freising 2025, 384 Seiten, 34 Euro

Interessant ist der Fall für van den Berg aus verschiedenen Gründen. Als Beispiel für die Selbstverständlichkeit, mit der in der Kunst Werke entstehen, die auch einen „mächtigen Produktionsapparat“ voraussetzen. Für die Summen, mit denen dort gehandelt wird, und für die unternehmerischen Anforderungen, die beides an Künst­le­r:in­nen stellt.

Die unsichtbaren Hände

Karen van den Berg ist Professorin für Kunsttheorie & inszenatorische Praxis an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen. Die Kunsthistorikerin hat selbst zahlreiche Ausstellungen kuratiert und forscht insbesondere zu den Produktionsbedingungen von Kunst. In früheren Publikationen hat sie sich etwa mit Formen politischer Kunst beschäftigt.

Für ihr neues Buch hat sie gemeinsam mit der Soziologin Ursula Pasero über einen Zeitraum von sechs Jahren zahlreiche Interviews geführt und Studiobesuche unternommen. Dabei widmete sie sich insbesondere jenen „unsichtbaren Händen“, die dafür sorgen, dass aus einem künstlerischen Konzept ein spektakuläres Werk wird, wie auch all den hochspezialisierten Dienstleistungs- und Fertigungsbetrieben, die daran beteiligt sind.

Aufschlussreich ist van den Bergs Buch vor allem da, wo sie an konkreten Beispielen untersucht und kritisch zuspitzt, wie sich heutige Mega-Künstler:innen organisieren. Katharina Grosse wird dort aufgeführt, die selbst von ihrem „Apparatus“ spricht, dem sie stets ausführliche „Credits“ zuteilkommen lässt und dessen Zentrum sie selbst als Künstlerin bildet.

Sie nennt auch El Anatsui und sein Studio im nigerianischen Nsukka. Dort knüpfen As­sis­ten­t:in­nen in Abertausenden Stunden Handarbeit Rohmaterial – von recycelten Aluminiumschraubdeckeln bis zu Schnapsflaschen – zu riesigen Gobelins zusammen. Das Studio sei „durch eine geteilte lebensweltliche Tiefe“ geprägt, „die es mit den Kleinbetrieben, Gebrauchsgegenständen und Alltagspraktiken der Umgebung verbindet“.

Total durchprofessionalisiert

Oder Ólafur Elíasson, der mittlerweile drei GmbHs betreibt, eine dreistellige Zahl an Mit­ar­bei­te­r:in­nen in slicken Design-Labor-ähnlichen Büro-Werkstätten beschäftigt und der „beinahe alles, was in seinem Studio passiert, zur experimentellen Forschung“ erklärt.

All das hat vielschichtige Gründe, die van den Berg nachzuzeichnen versucht. Was in alldem auch mitschwingt, ist die Frage, was es mit der Kunst macht, wenn sie in immer stärker durchprofessionalisierten Zusammenhängen entsteht. „Womöglich verliert sie nicht nur ihren Reiz, sondern auch ihre gesellschaftliche Funktion“, überlegt die Autorin und mitunter eine gewisse Freiheit.

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