Buch über Sucht und Prekarität: Fixierung auf die eigene Scholle

Im Suchkreislauf der Selbstfindung: Nina Bußmann verwirrt in ihrem Roman „Dickicht“ kunstvoll die Erzählfäden.

Ein undurchdringbares Geäst im Wald mit Absperrband

Bußmanns Figuren sind verloren auf dem selbst verstelltem Terrain Foto: Oote Boe

Eine Frau, Ruth, ist im Krankenhaus. Weswegen, lässt sich so leicht nicht sagen; ein Unfall oder ein Sturz vielleicht, Ursache unklar. Sie beobachtet die Patientinnen im gemeinsamen Zimmer. Nach der Entlassung gabelt eine Unbekannte, die Therapeutin Katja, sie auf und nimmt sie mit zu sich nach Hause.

Zwischendurch wechselt die Perspektive zu Max, einem jungen Mann, der, wie sich he­raus­stellt, als Praktikant in einer Integrationskita arbeitet und eine Zwillingsschwester namens Edna hat, die wiederum eine Ausbildung in der Hotellerie macht. Auch Max und Ruth kennen sich offenbar, hatten so etwas wie eine Affäre, vor allem aber haben sie miteinander getrunken.

Nina Bußmann: „Dickicht“. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020, 317 Seiten, 24 Euro

Nina Bußmanns dritter Roman, „Dickicht“, ist nicht weniger, als der Titel verspricht. Ein Gestrüpp von Erzählperspektiven, in dem die Leserin verloren zu gehen droht – bis sie langsam lernt, sich im Unterholz zu orientieren. Bußmanns Technik erinnert an eine Kamera, die stets nur das nächstliegende Bild scharf stellt. Die in der jeweils dritten Person erzählten streams of consciousness schweifen zurück in die Vergangenheit, hüpfen zum nächsten Gegenstand der Betrachtung, lassen sich treiben oder werden getrieben.

Nicht einmal die erzählte Zeit ist vor lauter Rückblenden und Nebengeschichten klar zu umreißen; sie ist gezielt aus den Fugen. Keine Vogelperspektive verschafft Überblick, die Kapitelnummerierung scheint willkürlich, eine Struktur, die den Wechsel zwischen Ruth, Max und Katja begründet, sucht man vergeblich.

Kunst und Leben

Aus der Haltlosigkeit, die die 1980 in Frankfurt geborene Autorin erzählerisch kunstvoll zu fassen versucht und der sie vielleicht notgedrungen selbst erliegt, resultiert ein weiteres Thema, das sich antagonistisch aufdrängt: der Versuch, Kon­trolle zurückzugewinnen.

Am deutlichsten wird diese Dialektik bei Katja, die ihre Klientinnen beruflich dabei unterstützt, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen, die vielleicht aber auch selbst Hilfe gebrauchen könnte. Zumal ihre Ehe mit dem zwanghaften In­ter­vall­faster Milan, der sein Übergewicht weitaus erfolgreicher bekämpft hat als Katja, im Scheitern begriffen ist.

In dieser Situation freundet sie sich mit der Alkoholikerin Ruth an: „Keine unter ihren Freundinnen, dachte Katja, ließ sie sich derart lebendig fühlen.“ Zeitweise konsultiert Katja ihrerseits eine Heilerin, Kerrith, eine der eher seltenen Stellen, an denen der Roman Komik entfaltet, wenn Katja bei der Kollegin mit geübtem Blick Anzeichen der Verwahrlosung registriert: „Offensichtlich bekam sie die Dinge des Alltags nicht in den Griff.“

Während bei Katja das Thema des Romans deutlich ausbuchstabiert wird, scheint Max dem Pendeln zwischen Rausch und Regeln restlos ausgeliefert. Und während Katja auf andere weitaus schärfer blicken kann als auf sich selbst, sind Max die anderen so rätselhaft wie er sich selbst: etwa das Wutmädchen und Pflegekind Cara (eine „Systemsprenger“-Wiedergängerin) oder seine Schwester, um die er sich sorgt, mit der er sich unbewusst vergleicht. Eher beiläufig erfährt man, dass Max ständig überteuerte Selbstfindungsseminare bucht, anscheinend ein eigener Suchkreislauf. Der ihn nicht davor bewahrt, am Ende des Buches buchstäblich auf den Kopf zu fallen.

Stolz auf die Probleme

„Die eigene kleine Scholle bestellen. Grandiosität, Ideen von höherer Bestimmung, Stolz auf undurchdringliche Probleme: All das gehört zur Struktur der süchtigen Persönlichkeit“, heißt es über einen der Besucher der Guttemplergruppe, der Ruth sich zeitweilig anschließt.

Tatsächlich scheint sie, die definiert Süchtige, die dem Alkohol gegenüber die Kontrolle auf- und sich selbst dem Rausch anheimgegeben hat, ihr Leben weitaus klarer und autonomer zu führen als die beiden anderen, die die Beziehung zu ihr suchen und sich in Co-Abhängigkeit begeben, eine Struktur, die der der Sucht frappierend ähnelt: „Co-Abhängige übernehmen keine Verantwortung für den anderen. Sie arbeiten für sich und ihr kleines Ökosystem.“ Trinken oder Nichttrinken sind vergleichsweise überschaubare Kategorien.

Vielleicht deshalb nimmt Ruths Perspektive auch den kleinsten Raum im Buch ein und den größten als Projektionsfläche für die Ängste und Sehnsüchte der anderen.

Bis zum Schluss erfordert die Lektüre von „Dickicht“ hohe Konzentration, zumal Nina Bußmann Fremdtexte über verschiedene Strategien des Maßhaltens einschleust, von der gewaltfreien Kommunikation bis zur traditionellen chinesischen Medizin. Außerdem drohen Katjas Klientinnen, Max’ Familie und Ruths Mitsüchtige aus der AA-Gruppe zeitweise fast zu Hauptfiguren aufzusteigen; ihre Geschichten variieren und verwirren den Plot zugleich.

Auch wenn Bußmanns ausschweifend abbildende Erzählökonomie im Verlauf der Lektüre als Widerstandsmodus gegen den Teufelskreis von Sucht und Kontrolle verstanden werden kann: Sie ist so erschöpfend und selbstverausgabend wie Katjas und Max’ Fixierung auf das eigene Selbst.

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