Buch über Bäume: Runzeln sind ihre Zierde

Aus Ehrfurcht vor uralten Bäumen: Zora del Buono ist ihnen auf der ganzen Welt hinterhergereist. eine Datenbank zeigt, wo sie stehen.

Ein Baum im Sonnenuntergang

Wird dieser Baum einmal unter Denkmalschutz stehen? – Wenn der Klimawandel ihn verschont … Foto: Moritz Frankenberg/dpa

Auch Bäume haben ein Leben. Und werden schöner von Tag zu Tag. Runzeln sind ihre Zierde, und wenn sie altern und knochiger werden, wenn sie immer dicker und mächtiger werden und irgendwann alle Dimensionen sprengen, dann werden sie geliebt und bestaunt. Und wenn sie – uralt geworden – schließlich gestützt und präpariert auf satte tausend Jahre Dasein zurückblicken können, dann vertiefen wir kurzlebigen Menschen uns schon mal andächtig in ihre Lebensgeschichte.

Zora del Buono erzählt in ihrem Buch „Das Leben der Mächtigen“ eine solche Geschichte: Von der Linde in Schenklengsfeld bei Hersfeld im nördlichen Hessen. Denn mit ihr verbinde sich wie in einem Brennglas deutsche Historie, angefangen bei Germanen und Thing-stätten bis hin zu einer späten, versöhnlichen Wiederbegegnung eines ehemals vertriebenen Juden und Schenklengsfeldern.

Diese Linde soll im Jahr 760 gepflanzt worden sein, sie gilt als ältester Baum Deutschlands. Vielleicht war sie ein Siegeszeichen der Christianisierer um den Mönch Bonifatius. Sie stand im Zentrum mittelalterlicher Gerichtsbarkeit und sommerlicher Feste und ländlicher Märkte, sie erlebte die Verwerfungen des 19. und 20. Jahrhunderts. Heute ist sie eine touristische Attraktion.

Fünfzehn dieser „Mächtigen“ ist Zora del Buono auf der ganzen Welt hinterhergereist. Sie hat ihnen ihre „Aufwartung“ gemacht. Aber ausgerechnet die Schenklengsfelder Linde habe ihr eine schlaflose Nacht im Gasthof gegenüber beschert. Zu nah die Gespenster des Mittelalters mit ihren Folterwerkzeugen, den Halseisen, dem Schandpfahl, den johlenden Gaffern, diesem ganzen Grauen.

Zora del Buono: „Das Leben der Mächtigen“, Matthes & Seitz, Berlin 2015

Andreas Roloff (Hg.): „Die starken Bäume Deutschlands“, Quelle & Meyer, Wiebelsheim 2020

Im Netz: Deutsche Dendrologische Gesellschaft: www.ddg-web.de; www.baumkunde.de; www.monumentaltrees.com; siehe auch: Wikipedialisten über alte und markante Bäume

Autorität Baum

Andererseits wirkt diese alte Linde selbst etwas gespenstisch. Wo ein Stamm sein sollte, ist eher ein dunkles, vergammeltes Nichts, stattdessen gibt es vier prächtige, ehemals „geleitete“ Seitentriebe. Dendrologische Fachleute, etwa Andreas Roloff von der TU Dresden, geben diesem Ensemble allerhöchstens 900 Jahre – aber immerhin: der gesamte Umfang macht circa 18 Meter aus. Imponierend auch die massive Stützkonstruktion, die die Riesenlinde rundum stabilisiert. Man merkt, dass sich dieser Baum bis heute als eine Autorität behauptet hat.

Schenklengsfeld selbst ist eigentlich kein Ort, der fesselt. Eher funktional als idyllisch, einer wie viele andere im ländlichen Raum. Der ehemalige Marktplatz ist eher ein Parkplatz. Doch hier kümmert man sich um den alten Baum. Und das ist nicht selbstverständlich. In Romrod, auf der Höhe von Alsfeld, besuchen wir auf der Rückfahrt nach Frankfurt die dickste Robinie in Deutschland. Aus dem zerklüfteten alten Reststamm wachsen jüngere Stämme. Sie steht auf privatem Grund an einer Mauer zur Straße, neben Verkehrsschildern und einem großen Parkplatz samt Rewe gegenüber. Kein schöner Anblick.

Dabei sind und waren Bäume in der Menschheitsgeschichte ein Dauerthema. Mal groß in Mode als Freiheitsbäume zu revolutionären Zeiten, mal als wertvolle Geschenke unter Adeligen und Staatenlenkern. Es gibt sie seit jeher als Heiligtümer, sie gehörten einmal auf jeden Marktplatz wie die Kirche ins Dorf oder der Hutebaum auf die Weide, und einen Baum zu pflanzen war „Mannespflicht“ wie ein Haus zu bauen und ein Kind zu zeugen.

Jenseits jeden praktischen Nutzens als Ressource wecken Bäume Leidenschaften wie einst bei Goethe, der sich in den in China entdeckten Ginkgo vernarrte. Bäume machen immer Sinn. Sie könnten das Klima retten. Wobei jetzt aber die Sorge umgeht, dass viele wertvolle alte Bäume unter dem Klimawandel schnell absterben könnten. In Parkanlagen sind Schäden bereits unübersehbar.

Bäume unter Denkmalschutz

Vor allem die Uraltbäume sind wichtig. Zora del Buono bewundert sie als das Universum, das sie für viele Lebewesen darstellen, „ein ganz eigenes Reich, das viele seiner Bewohner niemals verlassen …“ Es sind Biotope. Eine alte Eiche bietet Lebensraum für mindestens eintausend verschiedene Arten – vom Eichelhäher bis zum Klapperschwamm.

In den Jahresringen der Bäume sind Klimainformationen der Vergangenheit gespeichert. Selbst Ereignisse wie das Jahr ohne Sommer, 1816, lassen sich darin ablesen. Die Ringe geben Auskunft, wie der Baum beziehungsweise seine Art mit den Klimazyklen der Vergangenheit zurechtgekommen ist – und dies vielleicht in Zukunft bewältigt.

Viele der alten Bäume stehen unter Denkmalschutz. Trotzdem: etwas mehr Aufmerksamkeit sei dringend nötig, so der Forscher Andreas Roloff. Die Deutsche Dendrologische Gesellschaft hat mit Roloff im Jahr 2019 die Initiative „Nationalerbe-Bäume“ gestartet. Erklärtes Ziel: fachgerechte Pflege, sensible Förderung und unterstützende Maßnahmen, damit die alten Bäume „in Würde“, und das heißt möglichst unverstümmelt altern können. Der Dendrologe beklagt unsachgemäße Baumschnitte und Kappungen, etwa um der (Verkehrs-)Sicherheit willen. Und verweist auf England, ein Land mit sehr vielen sehr alten Bäumen, wo es auch ein Hinweisschild tue mit Aufschrift: „Trees can be dangerous.“

100 Nationalerbe-Bäume hat sich die Initiative vorgenommen, sieben haben bis jetzt diesen Status erreicht. Voraussetzung ist ein Stammumfang von mindestens 4 Metern und ein Alter von mindestens 400 Jahren. Eine Stiftung übernimmt vorerst die Kosten.

Mit ihrer Datenbank zu ChampionTrees hat die Dendrologische Gesellschaft bereits eine interessante und auch für Laien spannende Informationsgrundlage aufgebaut. Was viele nicht wissen: Tausend Jahre alte Bäume gibt es hierzulande eigentlich nicht. Darüber hinaus schafft es allenfalls mal eine Eibe. Zwischen fünfhundert und tausend Jahre alt werden sonst nur Sommer- und Winterlinden, Stiel- und Traubeneichen, Esskastanien und in Berggebieten noch Bergahorn, Lärchen und Arven.

Von den beliebten Ginkgos kann das niemand wissen, sie wurden erst vor 280 Jahren eingebürgert. Ähnliches gilt für die noch jüngeren Zedern. Die beiden Letzteren – und dazu könnte man beispielsweise auch Platanen zählen – gelten manchen als Hoffnungsträger, um dem Klimawandel zu trotzen.

Datenbanken über Bäume

Einige Exemplare dieser neuen Arten machen jetzt schon einen großartigen Eindruck. Im Auerbacher Staatspark „Fürstenlager“ an der Bergstraße hat es ein Bergmammutbaum in 170 Jahren auf über 50 Meter Höhe geschafft. Er ist das Superlativ unseres nächsten Ausflugs, nämlich Deutschlands höchster Mammutbaum. Und ein Gruß aus Kalifornien. Die mächtigste Zeder – es ist eine Libanonzeder – wächst am Rande des Taunus in Bad Homburg vor dem dortigen Schloss. Sie kam 1818 als Geschenk ins Hessische. Die große, ausladende Zeder erinnert an ganz andere, archaische Landschaften.

Diese alten Bäume in der Umgebung ausfindig zu machen, ist einfach. Im Netz finden sich einige Datenbanken, Kartenansichten mit Koordinaten und vielen Infos von Baumliebhabern, auch unabhängig von den universitären Experten. Mindestens fünf Uraltbäume könnten wir auf einem Ausflug an den Rhein in Richtung Rüdesheim besuchen. Im Weinort Geisenheim treffen wir auf das Gegenstück zu Schenklengsfeld, die ehemalige Gerichts- und Tanzlinde. Sie steht mitten im Ort im historischen Ensemble des alten Marktplatzes vor dem alten Rathaus. Aber anders als die Schenklengsfelder steht die Geisenheimer Linde auch mitten im Leben, sie gehört zum belebten Ortskern und ist Teil des Alltags der Bewohner.

Hier hält man sich ganz selbstverständlich auf. Ein Anblick wie auf heimatfühligen Postkarten. Man könnte sentimental werden. Die Geisenheimer Linde ist möglicherweise 700 Jahre alt. Sie hat also noch etliche Jahre vor sich. Wir wünschen ihr viel Glück. Überleben wird sie uns allemal.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de