Buch-Neuerscheinung zu Israel: Hinterm Sternentor von Tel Aviv

Diana Pinto, Vorkämpferin einer selbstbewussten jüdisch-europäischen Identität, bereist Israel und stellt fest: "Israel ist umgezogen".

Ein Sumatra-Tiger, Bewohner eines Tierparks bei Tel Aviv, wird - ganz asiatisch - mit Akupunktur behandelt. Bild: Daniel Bar On/ dpa

Die Politik des jüdischen Staates Israel erregt einmal mehr die Gemüter in Deutschland: Diesmal hat es die Grünen, aber auch die Bundesregierung getroffen: Ist es zulässig, Waren, die von Israelis in der völkerrechtswidrig besetzten Westbank produziert werden, als solche zu kennzeichnen und damit eine souveräne Konsumentenentscheidung zu ermöglichen? Grenzt es nicht an Antisemitismus, diese israelischen Waren zu kennzeichnen, von Chinesen in Tibet produzierte Einfuhren jedoch nicht zu stigmatisieren? Das sind deutsche Befindlichkeiten, die indes mit dem Land, um das es ja gehen soll, nichts zu tun haben.

Wem ernsthaft daran gelegen ist, zu verstehen, bevor sie oder er urteilt, kann nun zu einem Buch greifen, das in zweierlei Hinsichten seinesgleichen sucht: Diana Pintos soeben erschienener Reisebericht „Israel ist umgezogen“, von Jürgen Schröder geschmeidig und funkelnd aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt, knüpft an eine Gattung an, die ihren Glanz bis ins 19. Jahrhundert entfaltete, um dann zu verkümmern: den philosophisch inspirierten Reisebericht, eine literarische Form, die – vermeintlich oberflächlich – analytisch tiefer dringt als systematische Stoffhuberei.

Der hier anzuzeigende Reisebericht jedenfalls besticht nicht nur durch große stilistische Eleganz, sondern auch durch einen Blick, der eine Realität sichtbar macht, die uns bisher entgangen ist.

Grundstürzend verändert

Diana Pinto, seit Jahren Vorkämpferin einer selbstbewussten, zutiefst westlich geprägten jüdisch-europäischen Identität, selbst nie Zionistin, aber voller Sympathie für Land und Leute, muss erkennen, dass dieses Land und seine Gesellschaft mit den üblichen Kategorien der politischen Geografie nicht mehr zu fassen ist.

Bei ihren Spaziergängen in der Altstadt von Jerusalem und am Strand von Tel Aviv, ihrem Aufenthalt auf dem Ben-Gurion Airport sowie ihren intensiven Debatten mit israelischen Intellektuellen von rechts bis links musste sie feststellen, dass sich dieses Land grundstürzend verändert hat: „Israel ist umgezogen“, und zwar von Europa nach Asien.

Das heißt in diesem Zusammenhang, dass Israel, diese scheinbar so europäische Gesellschaft inmitten einer brodelnden arabischen Zivilisation besser zu verstehen ist, wenn man sie wie Schanghai, Singapur oder auch die hochproduktiven Hightech-Enklaven Indiens betrachtet. Alle Gesellschaften dieses Typs sind durch ein ungewöhnlich hohes Niveau technischer Entwicklung bei gleichzeitigem Neuentstehen ältester kulturell-religiöser Traditionen gekennzeichnet.

Tor zum Weltraum

Der Flughafen von Tel Aviv fungiert daher in Pintos Erfahrung wie ein Tor zum Weltraum, eine der Science-Fiction entlehnte Sternenschleuse, die von einem Universum (Europa) in ein ganz anderes (das neue Asien) führt – und zwar plötzlich, in kürzester Zeit. Der aus Europa stammenden Reisenden fehlen für diese neue Erfahrung soziologische Kategorien, weshalb sie sich unbekümmert poetischen Begriffen anvertraut, die am Ende mehr erschließen als die inzwischen nur noch modischen Theoreme des „Postkolonialismus“.

Israel und seine Gesellschaft mit all ihren so verschiedenen Menschen und Gruppen: ultraorthodoxen Juden, säkularen Arabern, aus der Sowjetunion stammenden Nationalisten, aus den USA eingewanderten religiösen Ideologen, afrikanischen Flüchtlingen und südasiatischen Pflegekräften schießen ihr zu drei Bildern zusammen. Israel als „Aquarium“, als „Blase“ und als „Zelt“.

Das Bild des „Aquariums“ – hier geht es besonders um Jerusalem – verdeutlicht nicht nur die bunte Vielfalt, die große Transparenz und gleichwohl hermetische Abgeschlossenheit dieser Gesellschaft, sondern auch ihr Medium: den „Sauerstoff amerikanischen und europäischen Geldes“. Das Bild der „Blase“ dagegen erschließt die „Mentalität eines Volkes, das weit weg von jeglichem regionalen Wirrwarr und jeglicher lokalen Interaktion leben möchte.“

Aquarium und Blase

Freilich sind Aquarium und Blase durch Interkontinentalflüge jederzeit erreichbar: Jüdinnen und Juden – einmal durch das Sternentor des Flughafens von Tel Aviv angekommen – finden sich in einem überdimensionierten „Zelt“ wieder: in einer Heimat und Geborgenheit verheißenden, gleichwohl unsicheren und flüchtigen, nach allen Seiten offenen Form des Wohnens, das keine Stetigkeit und keine Zukunft mehr verheißt – nur noch Gegenwart, Abschied und Aufbruch.

Pinto ergänzt ihre Raummetaphern durch eine Assoziation zur vergehenden und zur stehenden Zeit. Sie will dem Umstand, dass Israel nicht nur das Land der – freilich schwindenden – Erinnerung an die Schoah ist, sondern auch jenes Land, in dem wie in keinem anderen die Technologie des „Memory Chip“ weiterentwickelt wird, eine tiefere, geschichtsphilosophische Bedeutung zumessen.

Indem Juden in den Staat Israel, dieses für sie offene Zelt, in diese Blase, in dieses Aquarium ein- und ausreisen, werden sie zu Zeugen einer Vergangenheit, der ansonsten die Überwältigung durch eine technische Gegenwart droht: „Sollte etwa“, so fragt sie, sich selbst einschließend, „die Rolle der Juden in der ganzen Welt darin bestehen, dieses ’andere Speichermedium‘ für ein Israel zu sein, dem beim Verlassen des Westens der Sinn für Geschichte und die Fähigkeit, mit anderen zu interagieren, abhanden gekommen sind?“

Unverantwortliche Sorglosigkeit

Mit dieser Überlegung reiht sich Pintos Reisebericht in die große Tradition einer die Juden betreffenden Geschichtsphilosophie ein, die von Hegel aus zu Franz Rosenzweig führte, der die Juden in den 1920er Jahren – gegen jede übliche Tradition – für das geschichtslose Volk par excellence hielt. Diese Geschichtslosigkeit aber sei heute auf die unverantwortliche Sorglosigkeit einer israelischen Gesellschaft übergegangen, die sich um ihre Zukunft nicht mehr sorgt.

Auf dem Platz einer Synagoge in Jerusalem schießt es der Reisenden in einer Erinnerung an den frühen Zionismus und sein heutiges Ergebnis, den Staat Israel mitsamt seinem Militär und seinem Besatzungsregime, durch den Kopf: „Überschwänglichkeit der frühen Jugend, Überheblichkeit eines jungen Erwachsenen, greisenhafte Blindheit …“

Am Ende wünscht sich die reisende Europäerin, dass das jüdische Israel zu seiner alten Bescheidenheit, der Bescheidenheit der Pioniertage zurückfinden möge. Sie weiß freilich, dass diese Hoffnung nicht sehr begründet ist.

Diana Pinto: „Israel ist umgezogen“. Aus dem Französischen von Jürgen Schröder. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Berlin 2013, 238 Seiten, 21,95 Euro.

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