piwik no script img

Buch „Berlusconi confidential“Wie wird man einen Auto­kraten los?

Ein Journalist hat ein Buch über Berlusconi geschrieben. Warum das interessant ist? Weil es einiges über die moderne politische Kommunikation aussagt.

A uf jedem Gipfel steht man am Rande des Abgrunds.“ Dieses Zitat des polnischen Satirikers Stanisław Jerzy Lech hat der italienische Journalist Marco Galluzzo seinem neuen Buch „Berlusconi confidential“ vorangestellt. Der Titel spricht für sich. Und da das Buch kaum seinen Weg in die deutsche Übersetzung finden wird, erzähle ich hier ein bisschen davon.

Galluzzo gehörte in Berlusconis drei Amtszeiten zwischen 2001 und 2010 zu der Gruppe von Journalisten, die dem Regierungschef „überallhin folgten“. Was konkret bedeutete, dass sie Tag und Nacht vor Berlusconis römischem Palazzo herumlungerten und der Dinge harrten, die dort in schöner Regelmäßigkeit vor sich gingen.

„Immer wieder ihr“, sprach Berlusconi sie an. In regnerischen Nächten bat er sie herein („Was machst du hier, hast du kein Zuhause?“). Wenn er im Dienstwagen saß, ließ er zum Schrecken seiner Leibwächter das Fenster runter und gab den mitlaufenden Journalisten Interviews. Galluzzo nennt das „einen journalistischen Kriegszustand ohne Regeln“: Jeder Hinterausgang wurde besetzt, auch auf Auslandsreisen war fast jedes Mittel recht, sich in die Nähe des „Cavaliere“ genannten Milliardärs an der Regierungsspitze zu schmuggeln.

taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Warum ist das über das Anekdotische hinaus interessant? Mindestens deswegen, weil der Kampagnenleiter Berlusconis, Antonio Palmieri, mit den Worten zitiert wird, dass mit Berlusconi die zeitgenössische politische Kommunikation beginne: die Personalisierung, der direkte Kontakt mit den Wählern, deren Wünsche und Ängste wie bei Konsumenten haarfein analysiert wurden.

Berlusconi überließ einerseits nichts dem Zufall, andererseits handelte er meist spontan und ließ sich von seiner Entourage nicht kontrollieren. Alles wird einfach, weil anders als in traditionellen Parteien alles auf den Leader zugeschnitten ist. Gleichzeitig wird alles kompliziert, weil der mit einem unerschütterlichen Selbstvertrauen gesegnete Leader sich wie ein seinen Launen freien Lauf lassendes Kind benimmt, das noch dazu nie ins Bett gehen will, jedenfalls nicht, um zu schlafen.

Wie wird man so einen, den nicht umsonst eine innige Freundschaft mit dem Mafiaboss Putin verband, wieder los? Wie stürzt man ihn vom Gipfel in den Abgrund? Die für Linke deprimierende Antwort ist Geschichte: Es waren die Märkte.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen

Ambros Waibel

Ambros Waibel taz2-Redakteur

Geboren 1968 in München, seit 2008 Redakteur der taz. Er arbeitet im Ressort taz2: Gesellschaft&Medien und schreibt insbesondere über Italien, Bayern, Antike, Organisierte Kriminalität und Schöne Literatur.

0 Kommentare