Broschüre in Berlin wird eingestampft

Mehr als ein peinlicher Fehler

Fragwürdige Mittel: Eine Broschüre zum „Kulturkampf von rechts“ muss wegen einer Falschbehauptung zurückgezogen werden.

Drei Leute mit je einer Broschüre

Ulrich Khuon (Präsident des Deutschen Bühnenvereins), Bianca Klose (Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus) und Klaus Lederer (Kultursenator von Berlin) Foto: dpa

Dem Gorki Theater in Berlin will die AfD staatliche Subventionen kürzen, weil es angeblich „Gesinnungs- und Propagandatheater“ mache. AfD-Kritiker wie der Regisseur Falk Richter erhalten anonyme Morddrohungen und am Deutschen Theater in Berlin wird eine Performance durch die rechtsextreme „Identitäre Bewegung“ gestört.

Rechtspopulisten und Rechtsextreme agitieren einen Raum, den sie lange kaum zur Kenntnis nahmen: die Hochkultur. Es ist also nur folgerichtig und wichtig für die Akteure der Kultur, Strategien zu entwerfen, wie mit Bedrohungen von rechts umzugehen ist – etwa in einer „Handreichung“ mit Tipps und Hilfsangeboten.

Problematisch aber wird es, wenn sich eine solche Broschüre ideologisch derart versteigt, dass sie auch legitime konservative Ansichten und Weltbilder unter Rechtsruckverdacht stellt und Denk- und Toleranzräume in der offenen Gesellschaft einschränkt. So geschehen in der Schrift „Alles nur Theater? Zum Umgang mit dem Kulturkampf von rechts“, vor Kurzem von der „Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus“ im Deutschen Theater präsentiert.

In ihr wird der liberal-konservative Kritiker Ulrich Greiner, ehemals Feuilleton-, dann Literaturchef der Zeit, als warnendes Beispiel für den „Kulturkampf von rechts“ gebrandmarkt. Greiner hatte 2013 gegen eine nachträgliche Korrektur von Namen und Begriffen in historischen Kinderbüchern argumentiert, die heute als rassistisch gelten. Fünf Jahre später, so die Autoren, habe Greiner die migrationsfeindliche „Erklärung 2018“ unterzeichnet, die unter anderem Uwe Tellkamp gestartet hatte. Der „Fall“ Greiner zeige exemplarisch, „worum es scheinbar harmlosen Fragen und den berühmten ,Ängsten und Sorgen’ wirklich geht“.

Wer Fragen stellt, ist verdächtig

Doch Greiner hat die „Erklärung 2018“ nie unterschrieben. In ihrem Eifer haben die Autorinnen und Autoren dieser Kampfschrift vom Spiegel-Kolumnisten Georg Diez abgeschrieben, dessen Buch in seiner ersten Fassung längst nicht mehr ausgeliefert werden darf. Auf Nachfrage bestätigt Greiner, dass eine Unterlassungserklärung wirksam ist, die auf die Broschüre übertragen wurde. Auch sie darf so nicht mehr herausgegeben werden.

Wer mit solcher Vehemenz auch vermeintliche Gegner der Demokratie bekämpft, sollte sich selbst sauberer Mittel bedienen – und nicht falsche Behauptungen und Verschwörungstheorien verbreiten

Die Argumentationslinie der Verfasser zeigt, dass es um mehr geht als um einen peinlichen Fehler: Eine konservative Haltung in der Kinderbuchdebatte reicht aus, um einen Intellektuellen des „rechten Kulturkampfs“ zu verdächtigen – und vor allem: kritischen Nachfragen per se eine antidemokratische Strategie zu unterstellen.

Auf den letzten Seiten der Broschüre wird zwar vom Gespräch mit Rechten nicht generell abgeraten, doch wird mit einem geschlossenen, uniformen Weltbild der politische Lagerkampf untermauert: Wer Fragen stellt, ist verdächtig, den „Kulturkampf von rechts“ zu unterstützen. Doch wer mit solcher Vehemenz auch vermeintliche Gegner der Demokratie bekämpft, sollte sich selbst sauberer Mittel bedienen – und nicht falsche Behauptungen und Verschwörungstheorien verbreiten.

Keine Entschuldigung für die Schlamperei

Ulrich Khuon, der Intendant des Deutschen Theaters und Präsident des Deutschen Bühnenvereins, weist im Gespräch jede Verantwortung zurück. Er sei nur Gastgeber bei der Präsentation der „Handreichung“ gewesen. Eine „Handlungsanweisung“ im Kulturkampf gegen rechts findet er „richtig“, inhaltlich sieht er allerdings „Differenzen“ zur Broschüre. Auch Kultursenator Klaus Lederer zieht sich aus der Affäre. Er sei, so sein Pressesprecher, gefragt worden, ein paar Worte bei der Präsentation zu sagen – das habe er getan, da ihm die Verteidigung der Kunstfreiheit ein zentrales Anliegen sei.

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Ob Hausherr und Kultursenator die Publikation gelesen haben, bevor sie sie präsentierten? Womöglich hat sich jeder darauf verlassen, die „Mobile Beratung“, vom Justizsenat und vom Bundesfamilienministerium jährlich mit über 800.000 Euro gefördert, werde schon wissen, was sie tut. Anders ist diese Fahrlässigkeit kaum zu erklären.

Die „Mobile Beratung“ selbst gibt sich per Mail wortkarg – von einer Entschuldigung für die Schlamperei und die Diffamierung Greiners keine Spur. Dass die Autoren dazu aufrufen, auf „Falschaussagen“ und „Schmähkritik“ zu verzichten, muss man wohl als Lippenbekenntnis verbuchen. Hier wird eine gute Sache durch unsaubere Methoden diskreditiert.

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