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■ Bonn apartMiloevic wäre dran

Sind wir ein Volk von Lemmingen? Auf den ersten Blick nicht. Lemminge gehören zur Gruppe der Wühlmäuse, sind kleine Nagetiere Eurasiens und Nordamerikas. Und leben wir etwa in Eurasien?

Dennoch sollten wir unsere Ähnlichkeit mit den Lemmingen nicht so einfach von der Hand weisen. Lemminge unternehmen nämlich, wenn sie ihren Sexualtrieb nicht zügeln konnten, deshalb zu viele geworden sind und Hunger leiden, weite Wanderungen und stürzen sich dann gewöhnlich von Klippen herunter ins Meer, was übrigens sehr pittoresk aussieht, vor allem bei Sonnenuntergang. Auch wir machen weite Wanderungen und stürzen uns dann massenweise ins Meer, was allerdings eher peinlich aussieht.

Aber das ist es gar nicht. Dennoch haben wir neuerdings ein Lemminge-Syndrom. Es äußert sich durch die zivilisierte Form des Klippenstürzens: Es ist der Rücktritt. Angefangen hat es mit Oskar Lafontaine. Er rücktrittete voraus, und alle, alle folgen ihm. Zuerst zog die nette Claudia Nolte, die es schon als Grundschülerin zur Bildungsministerin gebracht hat, von zu Hause aus. Dann kündigte die sexuelle Antwort Deutschlands auf Bill Clinton, Verona Feldbusch, ihren Vertrag bei „Peep“. Diesem Rücktritts-Sog konnten sich auch die EU-Kommissare nicht entziehen. Obwohl sie nachweislich niemanden umgebracht haben und eigentlich Milosevic mit Rücktritt dran gewesen wäre, folgten sie Lafontaines Beispiel. Von diesem Strom mitgerissen, will nun auch Rudolf Scharping von seinem Amt als Verteidigungsminister zurücktreten. Obwohl er nur noch Schröders Rücktritt abwarten muß, um doch noch Bundeskanzler zu werden.

Zurücktreten muß man können. Am tragischsten ist der Fall des Bundeskanzlers. Am Tag vor Lafontaines Rücktritt hatte er selbst damit gedroht und ihn dann doch nicht wahr gemacht. Einmal hätte er Trendsetter sein können. Und dann war ihm Lafontaine doch wieder voraus. Wird Schröder ewig im Schatten von Lafontaine bleiben? Markus Franz

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