Böses Internat: Gegenwart auf höchstem Niveau
In der Netflix-Serie „Wayward“ geht es um Erziehungshorror in einem Milieu, das sich selbst für gut hält. Eigentliches Ereignis ist aber Mae Martin.
Ist „Wayward – Unberechenbar“ tatsächlich die beste Serie, die ich in diesem Jahr gesehen habe? Ah, nein – „Slow Horses“ ist doch noch ein Ticken lustiger. Ist „Wayward“ die aufwühlendste Serie? Unbedingt! Das liegt erst in dritter Linie an der herausragenden Besetzung mit Mae Martin, Toni Colette, Sarah Gadon und Alyvia Alyn Lind, um nur die Spitzen zu nennen.
Es liegt erst in zweiter Linie an Setting und Plot. Dass nämlich mitten in der sich aus dem Kreis der Demokratien verabschiedenden Trump-USA ein ganz anderes – oder eben doch nicht? – Milieu in den Blick genommen wird: eine Kleinstadt im liberalen Vermont, wo Diversität noch als Wert gilt und alle solidarisch aufeinander achten; und dass schon in der ersten Folge, die sonst bei Serien etwas mühsam daherkommt, weil so viele Charaktere eingeführt und Handlungslinien gezogen werden müssen, handwerklich höchst geschickt gemacht und spannend das Unheil seinen Lauf nimmt.
Das Geschehen um das toxische Hippie-Pädagogik praktizierende Internat „Tall Pines Academy“ ist hart und an den Bildschirm bindend. Und doch ist entscheidend für meine Faszination nicht die Tatsache, wie hier etwas dargestellt wird, sondern was verkörpert ist, konkret: wie Mae Martin sich selbst verkörpert.
Denn was heißt es denn, wenn von Mae Martin als „nicht binäre kanadische Person, die in Comedy und Schauspiel tätig ist“, die Rede ist, wie es auf Wikipedia heißt?
acht Folgen, auf Netflix
Immer noch keine Bartstoppeln
Das bleibt für Leute für mich, die bislang wenig Umgang mit nicht binären Personen haben, abstrakt; in „Wayward“ aber wird diese Abstraktheit nach wenigen Minuten zur gesellschaftlichen Tatsache, insbesondere in der Paarbeziehung von Alex Dempsey (Mae Martin) mit Laura Redman (Sarah Gadon), wo immer wieder beiläufig von den noch nicht wachsenden Barstoppeln die Rede ist oder ein Piepser an die nächste Testosterongabe erinnert.
Unsere Gegenwart auf höchstem Niveau erzählt – gibt es tatsächlich nicht so oft.
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