: Beziehungsstatus: kompliziert
Ist Fair auch bio? Und umgekehrt? Für bewusste Verbraucher ist die wachsende Vielfalt der Siegel oft schwer durchschaubar. Die Entwicklung ist aber eindeutig positiv
Längst gehören Bioprodukte zum festen Bestandteil des Angebotes für Verbraucher:innen, auch in großen Supermarktketten. Ein positiver und wünschenswerter Trend, der aber konsequent weitergedacht werden muss: „Wir müssen aufpassen, dass wir dabei unsere Werte bewahren. Fairness muss zu Bio gehören!“ Boris Voelkel, Geschäftsführer Einkauf bei der Naturkostsafterei Voelkel, wurde auf der letzten Mitgliederversammlung im Dezember 2025 des Vereins FairBio erneut als Vorstandsmitglied gewählt. Seine Motivation: „Mir geht es besonders um den langfristig fairen Umgang zwischen Lebensmittelherstellern und Landwirten.“
Bei Bioprodukten greifen aus seiner Sicht oft dieselben konventionellen, systematisch zynischen Marktmechanismen wie auf dem offenen Markt, die die Bedürfnisse der Erzeuger:innen und den wirtschaftlich fairen Umgang mit ihnen in sehr vielen Fällen außer Acht lassen, der „blinde Fleck“, wie Voelkel ihn treffend bezeichnet.
Für Verbraucher:innen ist die Vielfalt an inzwischen präsenten Siegeln oft schwer zu durchschauen. Unter den Biosiegeln haben sich das bundesdeutsche Sechseck und das EU-Blatt etabliert – die sich inhaltlich gleichen. Anders als beim Begriff „bio“ gibt es für „fair“ keine gesetzlichen Standards. Zu den bekanntesten gehören das Fairtrade-Siegel und die Produkte der Gepa.
Auch diese unterscheiden sich hinsichtlich der Produktionsbedingungen und Lieferketten. Und: Wenn die Käufer:innen mit gutem Gewissen zu fair gehandelten Produkten greifen, ist nicht allen klar, dass „bio“ und „fair“ nicht deckungsgleich sind, auch wenn im Schnitt ungefähr zwei Drittel der Fair-Produkte auch den Biomaßstäben genügen. Nur wenige Siegel aber erfüllen bereits beide Anforderungen, wie zum Beispiel das verbandsübergreifende FairBio-Siegel und „Naturland Fair“, eine freiwillige Zusatzzertifizierung für bereits von Naturland zertifizierte Erzeuger, Verarbeiter und Handelsunternehmen.
Das soll sich in Zukunft deutlich weiterentwickeln, so Voelkel: „Wir müssen in diesem Zusammenhang einen anderen Umgang miteinander etablieren, was ich mir von den großen Verbänden Bioland, Demeter, Naturland wünsche und dort auch anrege, und wo der FairBio Verein an manchen Stellen schon mal vorlegt, ohne Anspruch auf Perfektion.“
Voelkel setzt dabei auf erweiterte Prüfkriterien, die stärker auf direkte wirtschaftliche Zusammenhänge abzielen: „Meistens geht es bei Fair-Siegeln um die Erntekräfte und die Mitarbeitenden. Mir persönlich geht es ja eher um den Umgang von Industrieunternehmen mit den Landwirten. An dieser Stelle müssen ein empathisches Wirtschaften und ein zugewandtes Miteinander ermöglicht werden, was ich auch für wirtschaftlich klug halte.“
Auch die vom Verein 2025 durchgeführte Social Media Kampagne „Fair+Bio“ berücksichtigt den regionalen Herkunftsaspekt, der gerade im Rahmen des Klimawandels immer stärker an Bedeutung gewinnt. So hätten zum Beispiel Freilandtomaten aus Italien und Spanien, trotz „bio“ eine katastrophale Umweltbilanz. Deshalb soll in Zusammenarbeit mit der Universität Kassel Witzenhausen eine norddeutsche Freilandtomate gezüchtet werden, die auf die hiesigen Klimabedingungen abgestimmt ist. Die Firma Voelkel wird in diesem Jahr 50 bis 100 Tonnen der Früchte abnehmen, wie Boris Voelkel berichtet. Und: „Der Geschmack der favorisierten Sorte ist bereits jetzt fantastisch – das ist eben auch mal eine Chance, die mit dem Klimawandel einhergeht.“ Cordula Rode
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