Bezieherin eines Grundeinkommens: Das große Los

Thaïs Bendixen bezieht seit einem knappen Jahr bedingungsloses Grundeinkommen. An ihrem Alltag hat das eigentlich wenig geändert.

Thaïs Bendixen auf dem Sofa sitzend mit Laptop

Thaïs Bendixen bei sich zuhause, arbeitend Foto: Stefanie Loos

BERLIN taz | Thaïs Bendixen sitzt am Laptop auf dem Sofa ihres Friedrichshainer WG-Zimmers, das sie gemeinsam mit ihrem Freund bewohnt, und tut das, was sie den größten Teil des Tages tut: arbeiten. Mails checken für den neuen Job in einem Start-up zum Beispiel. Einen Text schreiben. Recherchieren.

Gearbeitet hat sie, bevor sie im Sommer 2019 erfuhr, dass sie ein Jahr lang Grundeinkommen bekommen wird. Sie hat auch in den vergangenen zehn Monaten gearbeitet, in denen alle vier Wochen 1.000 Euro einfach so auf ihrem Konto auftauchen. Und sie hat auch an dem Tag im August gearbeitet, als sie von ihrem Gewinn bei der Verlosung so eines Grundeinkommens erfuhr. Während sich andere von einem solchen Geschenk vielleicht eine Weltreise, ein neues Auto oder einen Sprachkurs kaufen würden, hat Thaïs Bendixen einfach weitergemacht. Und doch kam das Grundeinkommen zu einem Zeitpunkt, der nicht besser hätte sein können, meint sie.

Vor vier Jahren meldete sich Thaïs Bendixen für die Verlosung von „Mein Grundeinkommen“ an, dem Verein, der von Michael Bohmeyer im Juli 2014 in Berlin gegründet wurde und durch Spenden und Crowdfunding bis heute 627 bedingungslose Grundeinkommen verlost hat. 1.000 Euro für jeden. Egal, wie sehr oder wie wenig er es braucht. Keiner, der teilnimmt, muss spenden, aber alle, die spenden, nehmen an der Auslosung teil. Bei der Anmeldung kann man einen Partner wählen, der dann auch das Grundeinkommen bekommt. Oder mehrere, unter denen der Verein dann noch einmal auslost.

Thaïs Bendixen wurde von ihrem Freund als Partnerin gewählt. Sie wurden gelost, kurz bevor Bendixen plötzlich kein Einkommen mehr hatte, aber trotzdem ihr Studium beenden wollte.

Finnland:

Einen der aktuellsten großen Versuche mit bedingungslosem Grundeinkommen, die breit diskutiert wurden, hat in den Jahren 2017 und 2018 Finnland unternommen. 2.000 nach dem Zufallsprinzip ausgewählte Arbeitslose zwischen 25 und 58 Jahren hatten zwei Jahre lang einen Betrag von monatlich 560 Euro steuerfrei erhalten. Zusätzlicher Verdienst durch ein Erwerbseinkommen wurde damit nicht verrechnet.

Spanien:

Ende Mai hat die spanische Regierung angesichts der Coronakrise die Einführung eines – allerdings nicht bedingungslosen – Grundeinkommens beschlossen. Die neue Leistung ist mit Sozialhilfe oder Hartz IV zu vergleichen, beides gab es dort in dieser Form bislang nicht. Der spanische Staat wird Bedürftigen 465 bis gut 1.000 Euro monatlich zahlen. Bereits in dieser Woche haben 75.000 Haushalte mit insgesamt 255.000 Personen im ganzen Land die erste Zahlung erhalten. Die Regierung geht davon aus, dass insgesamt 850.000 Haushalte Anspruch auf die neuen staatlichen Hilfen haben werden, was bis zu 3,5 Milliarden Euro pro Jahr kosten wird.

Deutschland:

Anfang April hat der Berliner Senat mit der Investitionsbank Berlin (IBB) das Hilfspaket Soforthilfe II für Kleinst­unternehmer, Freiberufler und Selbstständige mit bis zu 5 Beschäftigten konzipiert. Bisher wurden laut IBB 220.368 Anträge gestellt und 211.768 mit insgesamt über 1.793 Millionen Euro ausgezahlt. 14.250 haben über 95,3 Millionen Euro zurückgezahlt, wobei es sich um Vollrückzahlungen und Teilrückzahlungen handelte.

Thaïs Bendixen ist als Tochter einer Spanierin und eines Deutschen in Portugal aufgewachsen, besuchte dort eine deutsche Schule und kam danach zum Studium nach Deutschland, weil hier, wie sie sagt, die Unis besser seien. Sie studierte Geowissenschaften. Am Anfang ihres Studiums bekam sie noch Bafög, sagt sie, doch dann schlug sie sich selbst durch.

Die zierliche Frau mit dem energischen Blick klappt ihren Laptop zu und setzt sich zum Gespräch an einen riesigen Tisch aus Europaletten, der das Berliner Zimmer, in dem sie lebt, dominiert. „Also, ich habe es immer hinbekommen“, sagt sie. „Wenn Geld fehlte, habe ich an Marktforschungen teilgenommen oder auf Events gearbeitet.“ Und dann, nach einer kleinen Pause: „Ich bin nicht ängstlich, ich habe immer das Gefühl, ich werde schon irgendwie überleben. Eher würde ich sagen, dass ich vorsichtig bin.“

Draußen ist Sommer, also schlägt Thaïs Bendixen vor, das zu tun, was sie immer tut, wenn sie dann doch endlich einmal genug gearbeitet hat. Wir verlassen die Wohnung, raus zum Späti, Radler und Limo, ran ans nahe Spreeufer. Es ist manchmal ein wenig schwer, Thaïs Bendixen nahe zu kommen, es ist manchmal aber auch ganz einfach, sie zu verstehen, wenn man die Dinge nur zusammenzählt.

Bei der Weltfinanzkrise 2008 war die junge Frau ein Teenager. Während diese Zeit in Deutschland auch dank Sozialstaat an manchen Gleichaltrigen einfach vorübergegangen sein mag, muss das in Portugal unmöglich gewesen sein. Bendixens Eltern arbeiten beide im Tourismus – und der Tourismus ist immer eine der ersten Branchen, in denen es knirscht. Da galt vor 12 Jahren, das gilt auch wieder in diesem Jahr, in der Corona­krise. „Meine Mutter war im April einen ganzen Monat lang mit den Stornierungen beschäftigt“, sagt sie.

Am Anfang, als sie an der ersten Verlosung teilnahm, interessierte sie sich nicht so sehr fürs Grundeinkommen, auch politisch nicht. „Aber je erwachsener man wird, desto mehr denkt man über die Sachen nach, die man macht.“ Heute hält Bendixen das Grundeinkommen für eine der interessantesten Ideen, unsere Gesellschaft vom Kopf auf die Beine zu stellen. Das wird ihr besonders im Augenblick wieder sehr deutlich, wo viele Menschen in eine tiefe Krise schlittern, weil sie nicht mehr arbeiten können, weil ihre Läden noch immer geschlossen sind, weil sie entlassen oder auf Kurzarbeit sind.

Ist es nicht ungerecht, dass beim bedingungslosen Grundeinkommen auch Millionäre Geld bekämen? All jene also, die es nun wirklich nicht nötig haben? „Vielleicht sähe so ein Mensch die Welt anders, wenn er auch mal Geld geschenkt bekäme“, sagt Thaïs Bendixen. Wie soll das Grundeinkommen finanziert werden? „Deutschland gibt sehr viel Geld aus fürs Jobcenter.“ Und: „Der Reichtum in diesem reichen Land könnte wirklich gerechter verteilt sein.“

Zu Geld, so kristallisiert sich immer mehr heraus, hat Bendixen ein maximal funktionales Verhältnis. Sie hat auch schon von 500 Euro im Monat gelebt – Miete inbegriffen. Markenkleider? Andere Statussymbole? Braucht kein Mensch. Besser man legt was beiseite, um später weniger Stress zu haben. „Es ist nicht gut, wenn man nicht weiß, ob man die nächste Miete bezahlen kann.“

Kurz nachdem Thaïs Bendixen das erste Grundeinkommen aufs Konto bekommen hatte, berichtet sie, wurde ihr der Studentenjob gekündigt. Dabei hatte sie tolles Feedback bekommen, sogar gehofft, dass sie übernommen würde. Innerhalb von zwei Wochen hatte sie kein eigenes Einkommen mehr, die Ersparnisse hatte sie kurz zuvor für ein Auslandssemester ausgegeben. Und nun musste sie auch noch die Masterarbeit schreiben. „Ich habe mich natürlich sofort beworben und auch gleich eine Zusage bekommen. Aber das Grundeinkommen hat es mir ermöglicht, mich weiterzubewegen und auf etwas Sinnvolleres zu warten. Ich hatte einfach Zeit.“

Thaïs Bendixen in der Nähe ihrer Wohnung am Spreeufer Foto: Stefanie Loos

Thaïs Bendixen fand damals einen Studentenjob, der ihr Spaß machte. Dieser wiederum half ihr dabei, in dem Traumjob zu landen, den sie vor Kurzem angenommen hat. „Ich arbeite im Bereich Fernerkundung“, berichtet sie stolz. Ihr Arbeitgeber betreibt eine Plattform, über die man Satellitendaten bekommt und auch gleich auswerten lassen kann. „Es ist neu und superspannend“, sagt sie, „ich lerne gerade wahnsinnig viel dazu.“

Michael Bohmeyer, der Gründer des Vereins „Mein Grundeinkommen“, hat 2018 mit seiner Mitautorin Claudia Cornelsen einen Teil derer, die das „große Los“ gewonnen haben, besucht – und dann haben sie darüber das Buch „Was würdest du tun?“ geschrieben, das vergangenes Jahr erschienen ist. Alle, die das Geld bekommen hatten, stellten damit Unterschiedliches an. Nicht alle litten vor dem Grundeinkommen an mangelnder finanzieller Sicherheit. Nicht alle gehören zu jenen 50 Prozent aller Deutschen, die keine Rücklagen haben, die auf Sicht fahren und immer und immer ihren Mut beweisen müssen. Manche wollten einfach mehr kulturelle Teilhabe oder öfter schön essen gehen.

Und trotzdem haben sie alle etwas gemeinsam, schreibt Bohmeyer, auch jene, die auf den ersten Blick blöd konsumierten. Sie alle hatten das Gefühl, etwas geschenkt bekommen zu haben. Sie alle meinten, das blinde Vertrauen, das ihnen plötzlich entgegengebracht wurde, zurückgeben zu müssen. Sie meinten, endlich entfalten zu können, was in ihnen steckt. Sie investierten in nicht weniger als in sich selbst – selbst dann, wenn sie einfach nur viele Konzertkarten kauften.

Genau so hat es auch Thaïs Bendixen gehalten – nur dass sie nicht in Materielles investiert hat. Wir sind inzwischen in einem kleinen Park angelangt, wo sie sich zum Tischtennis verabredet hat. Hier geht sie oft hin, genießt ihren Feierabend. Damals, als sie ihren Studentenjob verlor, sagt sie, war das ein Schock. Sie war traurig, wusste nicht mehr, was sie kann. „Ich bin manchmal etwas unsicher“, lächelt sie und meint damit wohl auch, dass damals wie bei vielen in diesem Lebensabschnitt nicht wenig auf dem Spiel stand. Durch das Grundeinkommen habe sie nicht nur Zeit gewonnen, sondern auch ein ganz anderes Standing. Ein Selbstbewusstsein, das sie aus der Kündigung heraus nicht hätte entwickeln können.

In zwei Monaten läuft ihr Grundeinkommen aus. „Das ist okay“, sagt sie, sie habe jetzt viel weniger Angst als noch vor einem Jahr, obwohl sie ja noch bei ihrer Arbeit in der Probezeit sei. Außerdem, fügt sie nach einer längeren Pause an: Vielleicht würde man sich zu sehr daran gewöhnen, wenn man es lebenslang bekäme. „Ich fände es toll, wenn es jedem drei Jahre lang zustünde. Und wenn jeder selbst auslösen könnte, wann er es bekommen möchte.“

Was würde das ändern? „Man könnte drei Jahre lang komplett etwas Neues ausprobieren, etwas, das man sich sonst nicht trauen würde und was heute als riskant gilt.“

Zum Beispiel? „Zum Beispiel Fotografieren, Musik, Kunst. Viele hätten nicht nur einfach mehr Sicherheit. Sie würden sich verändern.“

Nach der Arbeit gönnt sich auch Thaïs Bendixen Freizeit Foto: Stefanie Loos

Hat Thaïs Bendixen je mit dem Gedanken gespielt, mal ein Jahr lang nichts zu tun?

Seit das Grundeinkommen diskutiert wird, fallen immer wieder zwei Gegenargumente: Die Menschen, so das erste, würden sich nur noch in die Hängematte legen. Die Menschen, so das zweite, würden keine Drecksarbeit mehr machen wollen. Thaïs Bendixen sagt: „Drecksarbeit müsste halt besser bezahlt werden.“

Und: „Ich verstehe es nicht, dass Leute das überhaupt können: Nicht arbeiten. Ich könnte das niemals, einfach ein Jahr gar nicht arbeiten. Ich muss einfach etwas zu tun haben, wenn ich morgens aufwache.“

Auch wenn sie von heute auf morgen für ihre Arbeit nicht mehr bezahlt würde, auch wenn sie nicht mehr für ihren Lohn arbeiten müsste: Man kann ziemlich sicher davon ausgehen, dass sich in ihrem Leben nicht allzu viel verändern würde.

Selbst im Berliner Schulsystem hat sich inzwischen herumgesprochen, dass intrinsische Motivation zu besseren Ergebnissen führt. Und große Sorgen eher zu schlechteren.

Es gibt aktuelle Umfragen, nach denen 50 Prozent der Deutschen so ein Grundeinkommen befürworten – Tendenz steigend.

Ach, übrigens, eine kleine Besonderheit, die hat sich Thaïs Bendixen dann doch geleistet. Man sieht es in ihrem Zimmer nur, wenn man lang danach sucht. Dort stehen da und dort hübsche, kleine Keramikvasen herum.

„Ich habe angefangen zu töpfern“, sagt sie ein wenig schüchtern. „Das hat mir einfach gutgetan.“

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