Beschwerden über Lehrer in Bremen: Entnazifizierung erfolglos

Ein Bremer Gymnasiallehrer fällt seit Jahren durch rechte Sprüche und als Leugner des Klimawandels auf. Er darf er aber weiter unterrichten.

Schüler*innen mit und ohne Kopftuch

Schülerinnen mit Kopftuch wurden offenbar wiederholt Opfer verbaler Attacken des Lehrers Foto: Julian Stratenschulte/dpa

BREMEN taz | Kommt ein Gymnasiast im schwarzen Pulli in die Klasse. Sagt der Lehrer: „Black makes me angry“. Heißt ein Schüler Cahit, so wird er von diesem Lehrer als „Dschihad“ angeredet, „mit einem Grinsen“, wie Augenzeug*innen berichten. Und es ist nicht der einzige „Witz“ des Lehrers auf Kosten seiner Schüler*innen: aus dem Vornamen Sama etwa wird offenbar schon mal Osama. Ein Siebtklässler musste sich anhören: „Ich weiß nicht, wo du herkommst, aber in Deutschland malen wir schön.“ Und ein anderer, der an der Beerdigung eines Familienangehörigen teilnehmen wollte: „Können die nicht schneller buddeln, oder an einem anderen Tag?“

Die Vorfälle am Bremer Kippenberg-Gymnasium liegen zum Teil Jahre zurück, und die Liste der Vorwürfe gegen den Deutsch- und Geschichtslehrer ist auch noch viel länger. 58 Eltern und Schüler*Innen des Gymnasiums im gutbürgerlichen, rot-grün dominierten Bremer Stadtteil Schwachhausen haben sich nun zusammengetan und eine mit zahlreichen Beispielen untermauerte, sechsseitige Dienstaufsichtsbeschwerde geschrieben, die der taz vorliegt. Die Eltern- und Schülerschaft fordert, dass der Lehrer „ab sofort nicht mehr unterrichten darf“.

Schulleitung und Schulaufsicht sehen das anders. Bei einem außerordentlichen Elternabend im Juni, so berichten Eltern, wurde zwar vereinbart, dass der Lehrer nicht mehr in jenen Klassen lehren darf, die er bisher unterrichtete, dafür aber in anderen derselben Schule. Zusätzlich solle er an einem „Coaching“ teilnehmen, berichtet die Sprecherin der Elterninitiative, Betina da Rocha.

Bereits im März war der Lehrer Thema eines Elternabends – dabei räumte die Schulleitung ein, so berichten Eltern, „dass die Probleme seit Jahren bekannt seien“. Bereits am Gymnasium Horn war der Lehrer einschlägig aufgefallen. Und wurde deshalb in den benachbarten Stadtteil versetzt. Auch dort, am Kippenberg-Gymnasium, gab es Kritik an ihm.

Er erklärte den Schüler*innen: „Klimawandel gibt es nicht“. Greta Thunberg nannte er „Thunfisch“ und forderte, die Aktivistin solle „den Mund halten und nichts sagen“. Seiner Klasse empfahl er: „Wer dem Klima helfen will, kann ja nach Indien gehen und die Straßen säubern.“ An anderer Stelle erklärte er den Gymnasiast*innen: „Ihr seid doch alle durch die linksgrüne Propaganda geblendet.“ Auch Muslim*innen wurden Eltern zufolge Ziel seiner Angriffe: „Geht in Deckung, gleich geht ’ne Bombe hoch“, soll er im Vorübergehen über zwei Schülerinnen mit Kopftuch gesagt haben.

„Diskriminiert und eingeschüchtert“

Der Lehrer habe Schüler*innen „herabgewürdigt, diskriminiert und eingeschüchtert“, schreiben die Eltern in ihrer Erklärung. Außerdem habe er genau jene Werte „massiv und anhaltend“ verletzt, die die Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD) jüngst noch hochgehalten hatte, als es darum ging, ob die AfD-Aktivistin Ann-Katrin Magnitz, Tochter des AfD-Bundestagsabgeordneten Frank Magnitz, Referendarin an einer Bremer Schule werden kann. Damals verlangte Bogedan von den Lehrer*innen noch „ein klares Bekenntnis gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, für Menschenwürde, Solidarität und Gleichberechtigung“.

Die Eltern vertrauen nach eigenen Worten nicht mehr darauf, dass die Schüler*innen bei dem Beschuldigten „einen Unterricht erhalten, der respektvoll und fair ist, frei von Diskriminierungen und politisch neu­tral.“ Sie verlangen von der Aufsichtsbehörde und der Schulleitung „kurzfristig wirksame Maßnahmen“.

Die sind nicht in Sicht. Die Bildungsbehörde will sich auf Nachfrage gar nicht zu dem Fall und den Vorwürfen äußern, der Lehrer selbst reagierte nicht auf eine kurzfristige Mailanfrage der taz. „Wir können zu der Dienstaufsichtsbeschwerde maximal sagen, dass die Vorhaltungen in Prüfung sind“, sagt die Ressortsprecherin Annette Kemp – und verweist nicht nur auf den Datenschutz, sondern auch auf „Fürsorgegründe“. Über die Fürsorge für die Schüler*innen sagt sie nichts.

Dabei sei der Lehrer „seit Jahren“ für sein Verhalten bekannt, so da Rocha; eine Beschwerde von 2013 sei „versandet“, obwohl die Schüler*innen offenbar massiv litten. „Die brechen zum Teil in Tränen aus“, erzählt die Mutter eines Abiturienten.

Die Dienstaufsichtsbeschwerde offenbart ein Klima der Angst – frühere Beschwerden seien zurückgezogen worden, weil Schüler*innen und Eltern schulische Nachteile durch den betreffenden Lehrer befürchteten, heißt es. Wohl deshalb kommt ihr Klage genau zum Ferienbeginn in Bremen. „Alle versuchen das auszusitzen“, sagt da Rocha über die Schulleitung, die Schulaufsicht und die Bildungsbehörde.

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