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Beruf und schöne Dinge des LebensWas statt Schnotten aus der Nase kommt

Sportgucken ist bekanntlich genauso gesund wie Sportmachen. Oder sollte man vielleicht doch lieber sportlich Deleuze lesen?

Stuff the Magic Dragon, Orlandos Maskottchen, mag Popcorn Foto: Reinhold Matay/reuters

L ife is short. „Buy the shoes“ ist ein wichtiges, wenn auch nicht mein einziges Lebensmotto. Vor allem der erste Teil motivierte mich vergangene Woche zu Höchstleistungen. Mit dem Ziel, alles, was schön und berührend ist, in wenige Tage zu quetschen, begann ich mit der Record Realease Party von „The Morning Stars“, die aus Barbara Morgenstern und ein paar ihrer Lieblingskollegen besteht, und an denen absolut nichts auszusetzen ist: Sie klingen, als ob Fay Hallam und Gang of Four und die Krauttypen von Embryo jammen, aber aus Freundschaft, nicht aus Konkurrenz. Denn nur wer sich mag, kriegt eine derart harmonische Dreistimmigkeit hin. (Wobei das bei Crosby, Stills und Nash nicht ganz stimmt.)

Den folgenden Abend gestaltete ich sportlich und schaute mir das erste reguläre NBA-Spiel in Deutschland an, bei dem die Memphis Grizzlys auf die Orlando Magic trafen. Sportgucken ist bekanntlich genauso gesund wie Sportmachen. Wie die Basketballprofis in Siebenmeilenturnschuhen über das Spielfeld hechten und Dunkings abliefern, so als wäre es nichts, drei Meter hochzuhüpfen, lässt einen zudem sowohl die eigene Vergänglichkeit als auch die Arthrose aufs Angenehmste vergessen.

Natürlich wollte ich mich mit Stuff the Magic Dragon, Orlandos Maskottchen, fotografieren lassen, es handelt sich um einen quietschgrünen Kika-Drachen, dem statt Schnotten Papier-Jojos aus der Nase kommen, doch an meinem Platz ließ sich nur das Memphis-Maskottchen Grizz sehen. Und das ist verdächtig – es behauptet, es sei ein Grizzly, wirkt aber wie ein Fuchs, an dem ein Friseur farbexperimentiert hat.

Außerdem bin ich selbst Besitzerin eines Taschentuchspenders in Form einer Osterinsel-Moai-Figur, der statt Schnotten Papiertaschentücher aus der Nase kommen, das Stuff-Nasen-Konzept ist mir also vertraut. Am Ende gewannen Orlando Magic knapp, und ich freute mich für die Mutter der Berliner Wagner-Brüder, die dort mitspielen (und die selbstredend niemand „Wagner-Truppe“ nennt).

Die Sportsfreunde Lacan, Barthes und Foucault

Weil zu den schönsten Dingen des Lebens Kunst gehört, besuchte ich am Freitag eine Lesung der Graphic Novel „Salut Deleuze“ von Jens Balzer und Martin tom Dieck, in der Deleuze und seine Sportsfreunde Barthes, Lacan und Foucault sich mit Orpheus herumschlagen und dabei erstaunlicherweise genannten Moai-Figuren nicht unähnlich sehen (Eurydike hat dagegen fast ein Stupsnäschen).

Samstag gondelte ich in die C/O Berlin-Galerie, wo Bieke Deporteer ägyptische Familien zu Hause fotografierte und danach Ägyp­te­r:in­nen eingeladen hatte, anonym ihre Gedanken auf den Fotos zu hinterlassen, sodass eine Kommunikation über das Bild hinaus entsteht. „Vor meinem Vater und meinem Onkel trage ich auch kein Kopftuch“, hat jemand auf das Foto einer Frau geschrieben, die in Sportkleidung allein am Wohnzimmertisch sitzt, „doch ärmellos, das ist nicht ok“.

Im nächsten Raum musste ich vor Rührung kurz weinen, weil ein Angehöriger des indigenen Dani-Volks aus Neu-Guinea sich in einem Videoschnipsel so mitreißend über das Wiedersehen mit einem Anthropologenkumpel freut. Aber Tränen sind gut! Ich will ja alles erleben! Und ein Bällebad der Gefühle gehört dazu! Außerdem weiß ich zur Not, wo die Papiertaschentücher stecken.

Aber Tränen sind gut! Ich will ja alles erleben! Und ein Bällebad der Gefühle gehört dazu!

Emotional in Hochstimmung feierte ich am Sonntagnachmittag schnell noch den 60. Geburtstag eines nicht nur unverschämt talentierten, sondern auch extrem netten Musikproduzenten. Seine Freun­d:in­nen brachten ihm als „Moses-Allstar-Band“ Ständchen, aber was für Ständchen, und was für Freund:innen! Wunderbar, wenn man qua Beruf mit Menschen verbandelt ist, die etwas können. Allemal besser als das übliche Geburtstags-Mitsing-Übel. Und diese personalisierten Texte versteht eh nie einer.

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