Berlins Kultursenator Klaus Lederer: „Ich mache wohl nicht alles falsch“

Der beliebteste Politiker des Landes über eintrittsfreie Museen, die Förderung von Frauen, Kultur als sozialen Kitt und die Kritik der Freien Szene.

Klaus Lederer lächelt in die Kamera

„Kultur hat einen größeren Stellenwert gewonnen für den sozialen Zusammenhalt“: Klaus Lederer​ Foto: Karsten Thielker

taz: Herr Lederer, laut Umfragen sind Sie schon seit einiger Zeit der beliebteste Landespolitiker Berlins …

Klaus Lederer (lacht)

Wie fühlt sich das an?

Es freut mich, denn das heißt ja wohl, ich mache nicht alles falsch.

Fragen Sie sich manchmal, wie Sie es geschafft haben, so beliebt zu werden?

Ja.

45, geboren in Schwerin, Jurist, seit Dezember 2016 Kultur- und Europasenator von Berlin. Zuvor war er neun Jahre lang Landesvorsitzender der Berliner Linken.

Und finden Sie darauf eine Antwort?

Keine eindimensionale. Vielleicht ist es auch eine Frage meines politischen Stils: kommunikativ gemeinsam zu Lösungen zu kommen und dabei eine gewisse Verbindlichkeit an den Tag zu legen.

Als Kultursenator haben Sie einen unauffälligeren Job als viele andere Senatorinnen und Senatoren.

Früher war das sicher so. Aber mein Ziel war schon, mit meiner Arbeit dem Kulturbereich insgesamt mehr Bedeutung zu verschaffen.

Und ist Ihnen das gelungen?

Berlin ist Kulturhauptstadt Deutschlands, vielleicht sogar Europas, und da ist mein Bereich sehr relevant. Vor allem hat Kultur aber einen größeren Stellenwert gewonnen für den sozialen Zusammenhalt.

Lederer über Frauenförderung

„Es gibt eigentlich nur eine Quote, die akzeptabel wäre, und zwar 50 Prozent plus.“

Kultur als Kleister der Gesellschaft?

Jedenfalls als eine Möglichkeit, sich zu fragen, wie es eigentlich gesellschaftlich weitergehen soll. Und Alternativen zu denken – mit künstlerischen Mitteln. In der Frage, wo wir als Gesellschaft heute stehen – es gibt ja durchaus krisenhafte Entwicklungen – und wie wir das Miteinander regeln: Dafür haben Kunst und Kultur eine große Relevanz.

Ihre Partei betont immer wieder, dass die soziale Schere auseinandergeht.

Natürlich ist die soziale Frage zentral in dieser Debatte, aber es ist nicht die einzige Frage. Die vergangenen Jahrzehnte haben Spuren hinterlassen; der gesellschaftliche Zusammenhalt bröckelt. Es wurde immer wieder betont, dass sich jeder selbst der Nächste sei; es galt der Anspruch, dass der Markt alles regelte und der Staat sich weitestgehend heraushalten solle aus den sozialen Bereichen. Wir müssen auch in Berlin – trotz bemerkenswerter Leistungen in den vergangenen drei Jahren – immer noch erhebliche Leistungen erbringen, um Sozialstaatlichkeit anders zu definieren und zu revitalisieren.

Was meinen Sie damit?

Die Frage, wie wir in zehn oder zwanzig Jahren leben wollen, wird noch wesentlich entlang von Kriterien wie Eigenverantwortlichkeit einerseits und staatlicher Alimentierung andererseits diskutiert und weniger als gesamtgesellschaftliche Herausforderung mit Bindekraft. Dabei muss doch die Debatte über die Herausforderungen durch die Klimaveränderungen verbunden sein mit einer anderen Art zu arbeiten und zu leben.

Sie klingen jetzt schon so ein bisschen wie ein Regierender Bürgermeister. Üben Sie manchmal?

Mein Anspruch war und ist, nicht in Ressortdenken zu verharren, sondern gesellschaftliche Fragen als das zu betrachten, was sie sind: Das eine hängt mit vielem anderen zusammen.

In Umfragen lag die Linkspartei in Berlin lange vor den Grünen. Wollen Sie der nächste Regierende Bürgermeister werden?

Ich denke über diese Frage nicht nach: nicht vor dem Schlafen und nicht danach. Aber jeder, der sich in eine politische Funktion begibt, und jeder, der wie ich mit dem Gedanken spielt, sich in zwei Jahren wieder zur Wahl zu stellen, muss die Konsequenz im Hinterkopf haben, dass die eigene Partei die stärkste wird und man am Ende auch so ein Amt wahrnehmen muss. Unabhängig von der Frage vermute ich, dass der Wahlkampf erst 2021 anfängt. So steht uns das Jahr 2020 vielleicht noch zur Verfügung, um die eine oder andere ungelöste inhaltliche Frage in Berlin zu lösen.

Dann fangen wir doch mal an: Reicht ein eintrittsfreier Sonntag im Monat in Museen, um die Spaltung der Gesellschaft aufzuhalten?

Keine einzelne Maßnahme für sich reicht dafür aus. Der eintrittsfreie Sonntag ist der Versuch, mit den Museen zusammen darüber nachzudenken, wie man jene Menschen erreicht, die bisher kaum in diese Einrichtungen gehen.

Es geht also nicht nur um den Eintritt allein?

An diesem einen Tag im Monat soll ausdrücklich mehr geboten werden. Da gibt es die Outreach-Stellen, die im kommenden Jahr endgültig zum festen Bestandteil der Museen werden.

Was ist deren Aufgabe?

Sie bauen Brücken in die Stadtgesellschaft. Und sie entwickeln das Ausstellungsprogramm und die Konzepte der Häuser mit.

Sind diese Vermittlerstellen von Dauer?

Ja. Wir haben diese neun Stellen vor zwei Jahren – also mit dem letzten Doppelhaushalt – eingerichtet, mit diesem kommen sieben weitere dazu. Grundsätzlich hat jede Einrichtung eine Stelle. Der Bereich der Vermittlungsarbeit soll zum dauerhaften und stabilen Bestandteil werden. Deshalb entfristen wir diese Stellen mit dem aktuellen Doppelhaushalt.

„Die Verbände der Freien Szene behandeln jede Nichterfüllung ihrer Maximalforderungen so, als passiere gar nichts.“

Wer macht mit bei den eintrittsfreien Sonntagen?

Sämtliche landeseigenen Museen und jetzt auch jene der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Darüber bin ich sehr froh.

Und der Umfang?

Ab April je ein Sonntag im Monat in allen Einrichtungen.

Gleichzeitig ist ja im Gespräch, dass das Humboldt Forum und das Museum der Moderne komplett eintrittsfrei sein sollen. Ist da Ihr Angebot nicht ein bisschen mickrig?

Prinzipiell, denke ich, dürfen kulturelle Angebote auch Eintritt kosten, zumindest für jene, die sich das leisten können. Wir haben uns entschieden, uns mit der Berlin-Ausstellung an der generellen Eintrittsfreiheit für das Humboldt Forum nicht zu beteiligen – auch weil wir versprochene Kompensationszahlungen nicht erhalten. Die Berlin-Ausstellung im Humboldt Forum wird also genau wie die anderen Ausstellungen lediglich einmal im Monat am Sonntag kostenfrei sein. Sämtliche Museen Berlins komplett kostenfrei zu machen kann man nicht eben mal so durchsetzen. Das ist eine Frage des Stellenwerts von Kultur insgesamt. Das würde auch bedeuten, dass ein Kulturhaushalt nicht wie aktuell bei 2 Prozent des Gesamthaushalts stehen bleiben kann. Mein Eindruck war übrigens, dass Neil McGregor …

.. der damalige Chefintendant des Humboldt Forums …

… die Eintrittsfreiheit auch verkündet hat, weil die Konzeption für das Haus seinerzeit nicht so ganz überzeugt hat.

Überzeugt sie jetzt?

(denkt nach) Also ich nehme wahr, wie in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz durchaus darüber diskutiert wird, wie man mit der kolonialen Hypothek offensiv umgehen soll – das betrifft ja besonders die ethnologischen Sammlungen.

Klaus Lederer

„Gemeinsam ließe sich viel mehr erreichen.“ Foto: Karsten Thielker

In den letzten beiden Jahren hat die Freie Szene – also der Verbund der Kulturschaffenden jenseits der etablierten Häuser – Sie scharf kritisiert: Sie würden vor allem jene unterstützen, die sowieso schon etabliert seien.

Nun ja. Die Verbände der Freien Szene behandeln jede Nichterfüllung ihrer Maximalforderungen so, als passiere gar nichts. Es wird ignoriert, dass es hier in Berlin – und das gibt es in keiner anderen Stadt in Deutschland – Mindeststandards gibt bei allen Förderinstrumenten der freien Kultur, der freien Kunstproduktion und -präsentation. Es wird ignoriert, dass wir für die freien und darstellenden Künste in der Konzeptförderung 5,5 Millionen Euro mehr allein für Orte zur Verfügung stellen werden, auch um die personelle und soziale Situation in den Einrichtungen zu verbessern. Und dass wir in den nächsten Jahren rund 1 Million Euro mehr für die gezielte Förderung des Tanzes bereitstellen, dass wir die Alte Münze zu einem Kulturort machen, dass wir für die Kinder- und Jugendtheater sehr viel Geld in die Hand genommen haben. Und nur wer das alles ignoriert, kann mir ernsthaft zum Vorwurf machen, dass ich die Tariferhöhungen für die Festangestellten vorgezogen habe. Die Freie Szene ist ein extrem wichtiger Stützpfeiler für die künstlerische Entwicklung der Stadt. Was mich aber stört, ist, dass die Freie Szene nicht mit den Institutionen für ein Mehr an Mitteln kämpft, sondern versucht, eine Privilegierung im Gesamtgefüge der Kultur sicherzustellen. Das ärgert mich. Gemeinsam ließe sich viel mehr erreichen.

Ihr Name ist untrennbar mit der Volksbühne verbunden. Wann waren Sie denn zum letzten Mal dort?

Bei der Revue um den 30. Jahrestag der Maueröffnung. Und das nächste Mal schaue ich mir das Stück „Legende“ nach Ronald M. Schernikau an.

Hat sich das Haus entwickelt, wie Sie sich das gewünscht haben?

Ich bin Klaus Dörr sehr dankbar, dass er in einer sehr schwierigen Zeit bereit war, das Haus übergangsweise zu übernehmen und so beherzt ein Ensemble und Repertoire aufzubauen. Das hat uns genug Zeit verschafft, uns bedächtig an eine Nachfolgeintendanz heranzuarbeiten.

Ihr Kurs war, im Rückblick betrachtet, waghalsig.

Es war für mich bereits vor Antritt von Chris Dercon erkennbar, dass sein Konzept mit hohen Risiken behaftet und letztlich finanziell nicht untersetzt war. Insofern war es nicht waghalsig, sondern notwendig, die Zusammenarbeit mit Chris Dercon zu beenden. Ich kann doch nicht stillhalten und zusehen, wie so ein Haus gegen die Wand fährt, nur weil ich mich mit keinem anlegen will.

Wie steht es jetzt finanziell um die Volksbühne?

Für dieses Jahr war ein Jahresfehlbetrag von 400.000 Euro prognostiziert, inzwischen sind es nur noch 162.000.

„Prinzipiell dürfen kulturelle Angebote auch Eintritt kosten, zumindest für jene, die sich das leisten können.“

Wir freuen uns ja alle auf den designierten Nachfolgeintendanten an der Volksbühne, René Pollesch, aber hätte es nicht auch mal eine Frau sein können?

Wir versuchen, alle unsere Steuerungsmöglichkeiten zu nutzen, um die gläserne Decke abzubauen, damit Frauen in der Regie und in der Intendanz an großen Häusern eine Chance bekommen. Mir scheint René Pollesch ein Garant dafür zu sein, dass die Zahl der Frauen, die an der Volksbühne Regie führen werden, dass außerdem die Zahl der Kolleginnen, die in der Leitung arbeiten, hoch sein wird. Außerdem wirft Pollesch in seinem künstlerischen Schaffen auch die richtigen Fragen in Bezug auf Geschlechterverhältnisse auf. Trotzdem haben wir ein Problem. Ich habe mir viele Absagen eingeholt, als ich auf Frauen zugegangen bin und sie gefragt habe, ob sie sich zutrauen würden, ein solches Haus zu führen.

Es gab zu wenige Bewerberinnen?

Ja, das muss man ganz klar sagen, und ich finde, es ist eine Katastrophe.

Was kann man denn da machen?

Wir versuchen, Konzeptionen zu befördern, die eine Sensibilität für dieses Thema haben. Oder bei personellen Entscheidungen darauf zu gucken, ob mein Gegenüber gewillt ist, hier beherzt etwas zu tun. Wir haben es mit einem strukturellen Problem zu tun, dessen Überwindung noch eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen wird. Da kann man nicht einfach den Schalter umlegen – leider.

Wie wäre es mit einer Quote von, sagen wir, 35 oder 40 Prozent?

Es gibt eigentlich nur eine Quote, die akzeptabel wäre, und zwar 50 Prozent plus.

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