„Berliner Zeitung“: Chefreporterin kehrt Verleger Friedrich den Rücken
Die Journalistin Anja Reich-Osang arbeitete drei Jahrzehnte lang für die „Berliner Zeitung“. Jetzt nimmt sie Abschied – auch von Verleger Holger Friedrich.
Es ist eine sentimentale Abschiedsmail. „Die Arbeit bei der Zeitung war für mich immer auch eine Herzensangelegenheit“, schreibt Anja Reich-Osang an die Kolleg:innen der Berliner Zeitung, „und die Redaktion ein Ort, von dem man losfährt, um für die Leser die Welt zu erkunden, und zu dem man anschließend wieder zurückkommt. Eine feste Basis, eine Heimat.“
Doch Reich-Osang kehrt nach 30 Jahren als Redakteurin nicht mehr zu diesem Blatt zurück, das 2019 von Holger und Silke Friedrich gekauft wurde und seitdem eine eigenwillige Entwicklung genommen hat. Stichworte: Kreml-Propaganda, China-Connection, politische Öffnung nach rechts außen.
Der von Holger Friedrich vorangetriebene Umbau liest sich wie der Gegenentwurf zu dem, was Anja Reich-Osang in ihrer Mitteilung an die Redaktion als „das Besondere an der Berliner Zeitung“ beschreibt: „Dass man eigentlich immer alles schreiben konnte, sich alles in Bewegung befand, ständig neue Leute mit neuen Ideen kamen, die Redaktion ein Spiegelbild der Gesellschaft war, im Guten wie im Schlechten“. Mit Reich-Osang geht die Reporterin Wiebke Hollersen, seit 2021 bei der Zeitung – eine weitere Ost-Frau.
Die gebürtige Ost-Berlinerin Reich-Osang, Jahrgang 1967, gehörte zu den prägendsten Autorinnen: Sie war unter anderem Korrespondentin in New York, erlebte dort den 11. September 2001 und verfasste mit ihrem Mann, dem Spiegel-Reporter Alexander Osang, ein Buch zu ihren Erlebnissen. Später ging das Paar gemeinsam nach Tel Aviv, auch dort arbeitete sie als Korrespondentin für die Zeitung. 2020, mit der Rückkehr nach Berlin, erfasste die Osangs eine neue Wirklichkeit: Die Friedrichs hatten die Zeitung gekauft.
Schlechtes Betriebsklima
Alexander Osang beobachtete Holger Friedrich und seine Familie für ein Spiegel-Porträt über den Verleger, überschrieben: „Der Systemsprenger“. Es ging darin unter anderem um die Stasi-Vergangenheit von Holger Friedrich. Osang forderte, Friedrich das „Recht auf Irrtümer“ einzuräumen, er sei schließlich „ein Anfänger im Geschäft“. Und verglich den Verleger mit Sigmund Jähn: „Er ist ja selbst so was wie der erste Mann im All. Ein Kosmonaut.“
Man könnte sagen: Die Osangs waren sehr wohlwollend gestimmt. Zu dem Porträt gab es damals allerlei Diskussionen. Der Branchendienst Kress thematisierte, dass nur in einem Halbsatz erwähnt worden war, dass Osangs Frau bei der Berliner Zeitung arbeitete. Der Deutsche Journalisten-Verband erklärte, nach der Lektüre der Geschichte könne man sich eigentlich nicht wundern darüber, dass sich Holger Friedrich immer wieder in die Berichterstattung und Themenplanung der Redaktion einmische.
Das Betriebsklima wurde immer schlechter. Ehemalige Redakteur:innen sagen, dass Friedrich Widerworte nur schwer ertrage, wiederum aber voll des Lobes sei über die westdeutschen Führungsleute. Philippe Debionne, inzwischen Chefredakteur, habe er als „ausgesprochen loyal gegenüber der Institution“ gewürdigt, berichtet einer. Der Geschäftsführer des Tochterblatts Ostdeutsche Allgemeine, Dirk Jehmlich, schimpft über Friedrich-Kritiker:innen: Dies seien Leute, „die wegen schlechter Leistung gehen mussten oder die nur noch da sind, weil niemand Abfindungen zahlen möchte“.
Anja Reich-Osang fällt in eine andere Kategorie. Sie spricht zwar nicht über ihre Erlebnisse mit Holger Friedrich und ihre Sicht auf die Entwicklung des Blattes, und auch Friedrich selbst lässt eine Anfrage der taz unbeantwortet. Doch es lässt sich ziemlich sicher davon ausgehen, dass die Trennung schmerzhaft ist. Für beide. Und dennoch wohl unvermeidbar.
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