Berliner Bürgerämter: Vom Amtsschimmel befreit

Freundliche Dinosaurier hinterm Schalter, fehlerfreie Terminvergabe, sogar Zahlungsverkehr mit EC-Karte möglich: Staunen über die Bürgerämter von heute.

Mann im Clownkostüm in einem Berliner Bürgeramt

Nicht immer zum Schreien komisch: Besucher im Schöneberger Bürgeramt an Karneval 2011. Foto: dpa

Meine Freundin und ich wollen heiraten. Nach über 15 gemeinsamen Jahren scheint uns das ein vertretbares Risiko. Für so eine Heirat braucht man allerdings eine aktuelle Meldebestätigung des Einwohnermeldeamtes. Mit Grauen erinnerte ich mich an meinen letzten Besuch dort.

„Ach, das ist doch gar kein Problem“, sagte meine Freundin, „man kann sich da jetzt Termine übers Internet geben lassen.“ Ich kicherte: „Das habe ich beim letzten Mal auch gedacht, aber da gab’s nur Fehlermeldungen, und die Frau am Schalter, die ich danach gefragt habe, hat sich gar nicht wieder eingekriegt vor Lachen.“ Meine Freundin zuckte mit den Schultern, setzte sich an den Rechner, und schwups hatte sie einen Termin. Ich erschrak. Ist es doch schon so schlimm mit der Wohnumfeldverbesserung im Wedding?

Wir beschlossen, gemeinsam zum Amt zu gehen. Zu zweit hat man bessere Chancen, den Kassenautomaten vor Schalterschluss zu erreichen – falls einer unterwegs liegen bleibt, kann der andere es vielleicht noch schaffen.

Als wir das Rathaus betraten, sah alles aus wie immer. Pressefotografen, die nach einem Symbolfoto für die viel zitierte „humanitäre Katastrophe“ suchen, könnten hier problemlos fündig werden. Ich verdrehte die Augen. Meine Freundin aber ging ganz unbeeindruckt an den wimmernden und schluchzenden Menschen vorbei zum Empfangsschalter und rief dem Mann dahinter zu: „Wir haben einen Termin über das Internet vereinbart, müssen wir uns da trotzdem erst noch bei Ihnen anmelden?“ Ich ging schon mal in Deckung in Erwartung der nun unweigerlich folgenden Schimpftirade ob der Frechheit, ihn erstens einfach so zwischendrin anzusprechen, ohne sich in die Reihe gestellt zu haben, und zweitens eine Auskunft in einer dermaßen absurden Angelegenheit zu verlangen. Er hätte ja nicht einmal unrecht.

„Wat wollnse denn?“

„Nein, nein“, rief der Mann freundlich, „achten Sie einfach auf den Bildschirm, da müsste Ihre Nummer gleich aufgerufen werden.“ Und dann dachte ich endgültig, mich trifft der Schlag: „Entschuldigen Sie bitte, wir haben derzeit zehn Minuten Verspätung. Nehmen Sie doch bitte so lange noch Platz, ja?“ „Entschuldigen Sie bitte“ – ich traute meinen Ohren kaum, hatte der wirklich „Entschuldigen Sie“ gesagt? Und „bitte“? Wer ist dieser Mann, und was hat er mit dem Schalterbeamten gemacht? Ich war alarmiert. „Das ist eine Falle“, flüsterte ich meiner Freundin zu, aber sie machte nur eine wegwerfende Handbewegung.

Acht Minuten später leuchtete unsere Nummer auf. Ungläubig und unter Schock wankte ich meiner Freundin hinterher in die Schalterhalle. Nummer sieben, das kam mir irgendwie bekannt vor – und tatsächlich, da saß sie: meine Schalterbeamtin. Dieselbe wie beim letzten Mal. Ein Relikt. Ein Dinosaurier des unfreundlichen, kodderigen, schimpfenden, zischenden, quakenden, sprich: des guten, alten und wahren Berlin. Fast hätte ich sie vor Freude umarmt.

„Wat wollnse denn?“, keifte sie uns zur Begrüßung entgegen, und mir fiel ein Stein vom Herzen. Wenigstens hier war alles noch normal. „Wir wollen heiraten“, antwortete meine Freundin und wedelte ihr mit der Wartenummer vor der Nase herum. „Wie denn, Wedding im Wedding? Na, müssense ja selber wissen, sind ja alt genug.“ Sie nahm den Zettel mit der Nummer, dann guckte sie zu mir rüber. „Wat’n? Den da?“ Meine Freundin nickte, die Schalterfrau musterte mich skeptisch, dann schnaufte sie: „Na, ist ja Ihre Sache.“

Ach, welche Freude! Nichts anderes hätte ich hier hören mögen. Beglückt setzte ich mich. „Wir hätten deshalb gerne unsere Meldebestätigungen“, flötete ich.

„Wie – unsere?“, fauchte die Frau zurück. „Na, unsere Meldebestätigungen. Man braucht die Dinger doch fürs Standesamt.“

„Ja, schon. Ihre Zukünftige kann auch gerne eine kriegen. Die hat nämlich einen Termin.“ Sie deutete auf den Zettel, „aber Sie nicht, junger Mann.“ Sie funkelte mich an.

„Wie jetzt?“, fragte ich, obwohl ich mich über das alte Berliner Pejorativum „junger Mann“ natürlich sehr gefreut habe.

„Hörnse mal, in diesem Netz da, wose sich den Termin geholt haben, da steht das extra dabei: Immer nur eine Person pro Termin. Und wie viele sindse, na? Zwei. Is nich! Besorgense sich ma schön selbst’n Termin.“

Ich sah sie flehend an: „Och, kommen Sie. Wir brauchen doch beide dasselbe. Wir wohnen doch auch zusammen.“

„Na und?“

„Wir heiraten doch auch zusammen.“

„Na und? Hörnse schlecht? Immer nur eine Type pro Termin, scheißegal obse heiraten oder sich wieder loswerden wollen, dis Prozedere is immer das gleiche!“

„Beim nächsten Mal lassen wir uns zwei Termine geben, versprochen.“

„Beim nächsten Mal? Junger Mann, Sie wollen heiraten! Wennse da gleich ans nächste Mal denken, lassenses doch lieber gleich bleiben. Sparense Ihnen und mir’ne Menge Arbeit, glaubenses mir!“

Ich kapitulierte. Sie genoss ihren Triumph. Ich wollte gerade aufstehen und mich in mein Schicksal fügen, da grinste sie listig: „Na gut, ausnahmsweise. Weilse heiraten, wa! Da sindse ja schon genug gestraft.“ Dann drückte sie eine Taste auf ihrer Tastatur, und, ruckzuck spuckte der Rechner die zwei Wische aus. Zeitaufwand: keine 30 Sekunden. „So, und jetzt krieg ich zweimal zehn Euro. Wie zahlense denn?“ Ich seufzte. Also auf zum Kassenautomaten.

„Mit EC-Karte“, sagte meine Freundin, und ich zuckte zusammen. Oh nein, hoffentlich hat sie jetzt nicht alles kaputt gemacht. Noch hatten wir die Bescheinigungen nicht in der Hand. Und jetzt ein solcher Affront.

„Fein, gebense her“, sagte die Frau. Ich konnte es nicht glauben. Sie nahm die Karte, zog sie durch so ein Ding, und fertig war’s.

„Seit wann funktioniert das denn?“, fragte ich fassungslos.

„Na hörnse mal, was glaubense denn, wo wir hier sind. Wir leben hier doch nicht hinterm Mond. Das Ding haben wir doch schon seit Jahren.“ Sie grinste mich an.

Ich holte tief Luft. Aber im Grunde war ich bester Laune.

Text aus: „Im wilden Wedding“, Edition Tiamat

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