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Bericht über FischfangaktivitätenAlles eine Frage der Flagge

Zum Schutz der Bestände hat Brüssel entschieden, den Thunfisch-Fang durch europäische Unternehmen zu reduzieren. Aber die kennen einen Trick.

ap | Die Fischereiflotte der EU-Länder zählt beim Fang von Thunfisch zu den wichtigsten der Welt. Sie sind mit sogenannten Ringwadenfängern unterwegs, Schiffen mit gigantischen Netzen, von denen einige fast 2.000 Tonnen Fisch auf einmal aufnehmen können. Dutzende solcher Schiffe sind auch fern von Europa im Indischen Ozean im Einsatz – auf der Jagd nach Gelbflossenthun, Großaugenthun und Echtem Bonito, die am Ende überwiegend in Dosen verpackt in Supermarktregalen landen.

Als Jess Rattle im Indischen Ozean immer öfter Ringwadenfänger unter der Flagge von Ländern wie Mauritius, Tansania oder Oman arbeiten sah, wurde sie misstrauisch. „Wir wollten verstehen, wem diese Schiffe tatsächlich gehörten“, sagt die Expertin von der Organisation Blue Marine Foundation. „Gehörten sie den Küstenstaaten, deren Quoten sie jetzt nutzten, oder gehörten sie doch der EU?“

Ein neuer Bericht, der am Donnerstag gemeinsam von der Blue Marine Foundation und dem Beratungsunternehmen Kroll veröffentlicht wurde, zeigt das Ausmaß der Aktivitäten von Thunfisch-Fangschiffen aus der EU im Indischen Ozean. Demnach geht etwa ein Drittel der dortigen Fänge von Thunfischarten, deren Bestände sich nach einer Zeit der massiven Überfischung gerade erst langsam wieder erholen, auf europäische Unternehmen zurück.

Ermöglicht wird dies laut Rattle unter anderem dadurch, dass immer mehr Schiffe in Staaten vor Ort registriert werden, um Zugang zu höheren Fangquoten zu erhalten. Auf diese Art sei die von Europa kontrollierte Flotte auf mehr als 50 Ringwadenfänger und Versorgungsschiffe gewachsen und der Fang von tropischem Thunfisch habe zugenommen, obwohl die Europäische Union sich eigentlich zu einer Reduzierung verpflichtet habe.

Umflaggen behindert Transparenz

Die Veröffentlichung des Berichts erfolgte wenige Tage vor Beginn des Jahrestreffens der Indian Ocean Tuna Commission auf den Malediven, bei dem Vertreter der EU und von 28 Staaten mit Bezug zur Thunfisch-Fischerei erwartet werden. Das Umflaggen von Schiffen ist nicht verboten und in der Branche schon länger üblich. Durch mehrschichtige Briefkastenfirmen- und Register-Konstrukte lässt sich aber eben auch verschleiern, wer wirklich hinter bestimmten Aktivitäten auf den Meeren steht. „Die Möglichkeiten Europas, zu einem Ende der Überfischung beizutragen, sind größer, als es zunächst erscheinen mag“, sagt der Kroll-Manager Benedict Hamilton.

Tierschutzaktivistin Rattle sagt, während europäische Unternehmen auch zuvor schon unter der Flagge der Seychellen gefischt hätten, sei die Registrierung von Schiffen im Oman und in Kenia eine neue Entwicklung. Die Europeche Tuna Group, die die Interessen der europäischen Thunfisch-Industrie vertritt, erklärt in einer Stellungnahme, die Beziehungen der Branche zu örtlichen Küstenstaaten seien ein Ausdruck langfristiger Investitionen in der Region. Die Staaten würden durch Steuereinnahmen, Lizenzgebühren, den Aufbau von Infrastruktur und die Nutzung örtlicher Häfen profitieren, sagt Anne-France Mattlet, eine Sprecherin des Verbands.

EU sieht sich nicht zuständig

EU-Kommissionssprecher Maciej Berestecki betont, dass es sich bei „Umflaggungen“ von Schiffen um private geschäftliche Entscheidungen handle, die nicht von öffentlichen Behörden beeinflusst würden – und dass die EU für Schiffe unter fremden Flaggen nicht zuständig sei. „Die EU hat ihr Äußerstes getan, und tut dies weiterhin, um Fangquoten zu fördern und einzuhalten“, sagt Berestecki.

Trotz der großen Entfernung sind die europäischen Fangflotten im Indischen Ozean dominierend. Spanische und französische Thunfisch-Unternehmen begannen dort in den 1980er Jahren mit dem Einsatz von Ringwadenfängern. Diese arbeiten mit riesigen Netzen, die ringförmig um Schwärme von Fischen ausgebracht und dann zusammengezogen werden – ähnlich wie bei einer Tasche oder einem Sack mit Zugband.

Immer wieder gab es angesichts der Aktivitäten auch Streit zwischen der EU und Staaten vor Ort. Vor fünf Jahren, als die Gelbflossenthun-Bestände stark zurückgingen, warfen die Malediven den Europäern vor, keine ernsthaften Vorschläge zur Senkung der Fangquoten vorzulegen. Im Jahr 2023 lehnte die EU einen Vorstoß Indonesiens für ein Ringwadennetzverbot ab.

Um eine Erholung der Bestände zu ermöglichen, führte die Indian Ocean Tuna Commission zuletzt neue Regelungen ein, die allmählich Wirkung zeigen. Brüssel erklärte sich bereit, den Fang von Gelbflossenthun durch Schiffe mit EU-Flagge um 21 Prozent zu reduzieren.

Genau das habe aber offenbar viele europäische Unternehmen dazu gebracht, nach den Quoten anderer Staaten zu schielen, um die eigenen Fangmengen stabil halten zu können, sagt Glen Holmes von der Organisation Pew Charitable Trusts, die sich gemeinsam mit Global Fishing Watch und weiteren Umweltverbänden für mehr Transparenz bezüglich der Fangflotten im Indischen Ozean einsetzt.

Mehr Transparenz gefordert

Ähnlich wie aktuell die Tanker der sogenannten Schattenflotte nutzen auch viele Fischereischiffe die Flaggen von Staaten, die für einen sehr lockeren Umgang mit internationalen Regeln bekannt sind – oder deren Regierungen einfach nicht die Ressourcen haben, um eine Einhaltung von Regeln auf hoher See durchzusetzen. In einem Bericht zeigte die Umweltorganisation Oceana zuletzt, dass auch europäische Fischerei-Unternehmen regelmäßig auf solche Billigflaggen setzen.

Oceana-Expertin Vanya Vulperhors fordert, die EU-Staaten müssten deswegen anfangen, Daten zu den Besitzern der Schiffe der eigenen Flotten zu sammeln und zu veröffentlichen, um europäische Gesetze besser durchsetzen zu können. Das würde dann auch ein Licht auf „die wahre Flotte der EU“ werfen, fügt sie hinzu. Ihre Organisation habe im vergangenen Jahr herausgefunden, dass die europäische Flotte doppelt so groß wäre, wenn man die unter Nicht-EU-Flagge fahrenden Schiffe Europas hinzurechne.

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