Beikost-Trend Baby-led Weaning: Freiwilligkeit statt Brei-Fahrplan

„Baby-led Weaning“ ist eine Alternative zum ewigen Brei. Babys essen bei den Eltern mit und sollen so früh lernen, Essen als Genuss zu begreifen.

Drei Fotos nebeneinander: Ein Baby riecht an einer großen Zitrone, ein Brettchen in Form eines Igels mit Essen, Kinderhände halten Rosenkohl

Essen begreifen, Essen genießen – das ist die Idee von Baby-led Weaning Foto: instagram.com/genussbaby

Mal ist es ein Brei-Flugzeug, mal ein Bananen-Adler im Sturzflug. Es gibt Eltern, die lassen Löffel hubschraubergleich um die verschlossenen Münder ihrer Kinder herumflattern. Der Erfolg ist dabei oft mäßig.

Jedes Baby kommt irgendwann an den Punkt, an dem es ab und an etwas anderes möchte als die Mutter- oder Pre-Milch, die in den ersten Lebensmonaten die einzige Nahrungsquelle ist. Damit beginnt die Zeit der Beikost, die den schrittweisen Übergang hin zu „richtigem“ Essen begleitet. Die Milchzähne sind gerade erst im Kommen, auch haben zahlreiche Kinder anfangs noch motorische Schwierigkeiten.

Da ist Brei rein konsistenzmäßig ein logischer Sattmacher, der zudem wichtige Zutaten für das Kind enthält – dafür stehen zumindest die Hersteller mit ihrem Namen. Damit alles seine Ordnung hat, werden regelrechte Brei-Fahrpläne erstellt, die vorgeben, in welchem Lebensmonat welche Milchmahlzeiten mit welchen Breisorten ersetzt werden. Hinterfragt wird all das in seiner Absolutheit selten. Und die Breiflugzeuge fliegen weiter ihre vergeblichen Runden.

Christiane Meister ist Mutter einer kleinen Tochter. Als Alma sechs Monate alt ist, entscheidet sich die Wissenschaftsjournalistin gegen Brei und für „Baby-led Weaning“ (BLW). Seitdem wird im Hause Meister meisterlich dagegen angekocht: und zwar gegen alles, was von Werbe- und Breiindustrie empfohlen wird. Denn Baby Alma isst mit. Punkt.

Gegessen wird, was auf dem Tisch steht

Baby-led Weaning – „Baby-geführte Entwöhnung“ – gilt als Trend aus England, gibt es im Prinzip aber natürlich schon seit Urzeiten. Die Idee dahinter ist, dass das Baby die Abkehr von der Muttermilch selbstständig und als freiwilligen Prozess gestaltet. Auf das Füttern von Brei wird verzichtet, das Kind bestimmt die Menge selbst und isst je nach Können mit den Händen, was eben auf den Teller kommt. Sprich: den Teller der Eltern. Allerdings in babygerechter Form.

Am Anfang reicht es, kleine Mengen von dem anzubieten, was die Eltern essen. Laut dem Verband der Hebammen sollte das Baby Nahrung zum Mund führen können – und wollen. Auch der Zungenstreckreflex, mit dem festes Essen wieder aus dem Mund gestoßen wird, sollte nicht mehr da sein.

Im Detail sieht das bei den Meisters dann so aus: Trauben, Cocktailtomaten oder Beeren werden wegen der Erstickungsgefahr halbiert – so können sie vom Baby gegebenenfalls abgehustet werden. Die Ernährung ist salzarm, es gibt kein rohes Fleisch, keinen rohen Fisch und keine Rohmilchprodukte. Zu Beginn servierten die Meisters Kürbis, Karotte, Zucchini als Pommessticks oder in Spalten geschnittene, gedünstete Äpfel, Birnen und Bananen. Inzwischen isst Alma aber fast immer das, was auch ihre Eltern essen.

„Eines der ersten ‚richtigen‘ Essen, das Alma mitgegessen hat, war eine Gemüsequiche. Bolognese mit Nudeln kam auch sofort gut an“, erzählt ihre Mutter. Pro Woche gibt es einmal Fleisch, einmal Fisch. „Kürzlich hat Alma das erste Mal Muscheln gegessen. Es gibt kein Fertigessen, das ist uns wichtig.“ Und weil das Füttern entfällt, kann die Familie zusammen essen.

Mehr Sinnlichkeit, weniger Überfütterung

Anhänger und Anhängerinnen von Baby-led Weaning sehen viele Vorteile. Einer ist das Tempo. Breibabys werden in der Regel stur Löffel für Löffel gefüttert und dabei kann es passieren, das Eltern nicht genau mitbekommen, wann ihr Kind eigentlich satt ist. Greift das Baby jedoch eigenständig zu, kann es einfach aufhören, wenn es genug hat. So könne auch späteres Übergewicht verhindert werden.

Zudem können Babys die verschiedenen Genüsse sinnlich besser wahrnehmen. Denn jedes Lebensmittel ist einzigartig, schmeckt anders, riecht anders, fühlt sich anders an. Auch lernen Babys, früher den Mund zu benutzen und zu kauen. Das wiederum soll bei der späteren Sprachentwicklung helfen.

Die Methode hat nicht nur Befürworter. Kinderärzte befürchten, dass eine mögliche Mangelversorgung entstehen könnte, zum Beispiel bei Eisen. Auch weil der natürliche Eisenspeicher eines Säuglings nach sechs Monaten aufgebraucht ist. Zudem könnten motorisch ungeschickte Kinder Probleme beim Zugreifen haben.

Die Milch macht's weiterhin

BLW-Anhänger entgegnen, das Baby erkenne instinktiv, welche Nährstoffe ihm fehlen. Christiane Meister sieht das etwas anders: „Die Sorge ist nicht völlig unbegründet, der Breifahrplan bietet schließlich eine gute Übersicht über die Nährstoffe.“ Bei Alma befürchtet sie dennoch keinen Nähstoffmangel: „Beim Baby-led Weaning geht es ja wirklich um Beikost. Den großen Teil der wichtigen Nährstoffe bekommt Alma über die Mutter- oder Pre-Milch“ – so empfiehlt es auch die WHO für das erste Lebensjahr. „Aber trotzdem achten wir auf Abwechslung beim Essen“, sagt Meister. Man müsse auch nicht warten, bis die ersten Milchzähne da sind: „Alma hat anfangs mit dem Gaumen gekaut. So trainierte sie auch ihre Mundmuskulatur.“

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Auch vor der Gefahr des Erstickens warnen Kritiker. Deshalb belegten Almas Eltern extra einen Erste-Hilfe-Kurs. Zusätzlich haben Babys einen Schutzmechanismus, denn bei ihnen liegt der Würgereflex weiter oben auf dem Gaumen als bei Erwachsenen, sie würgen also früher. „Das ist dann gruselig, das muss man aushalten“, sagt Christiane Meister. „Allerdings kann das auch mit Brei passieren, der schließlich auch in die Luftröhre geraten kann.“ Für sie ist Würgen ein Teil des Essenlernens.

Auffällig findet Meister, dass viele Kleinkinder dazu neigen, die Freude am Essen zu verlieren. Sie kann sich vorstellen, dass das Problem manchmal auch bei den Eltern liegt: „Das Thema Essen ist bei vielen emotional aufgeladen und wird auch gerne von Außenstehenden kommentiert. Isst das Kind genug, isst es abwechslungsreich, nimmt es genug zu? Die Gedanken kenne ich selber auch.“ Dabei könne die Freude am Essen auf der Strecke bleiben. „Auch der oft empfohlene Breifahrplan wirkte auf mich so technokratisch und genussfern“, sagt sie.

Nicht #breifrei, sondern #breifreiwillig

Auf ihrem Instagram-Blog „Genussbaby“ zeigt sie deshalb, wie viel Spaß Essen machen kann: mit Fotos von Gerichten und frischen Zutaten, von Alma beim Essen und Entdecken, mit Rezepten und Anekdoten. Dort isst Alma übrigens auch mal Porridge. „Der deutsche Begriff #breifrei für Baby-led Weaning ist irreführend“, schreibt Meister dazu. „Es geht darum, dass das Baby früh die verschiedenen Konsistenzen von Essen kennenlernen kann. Dazu gehört natürlich auch Brei.“ Allerdings kann das Baby selbst bestimmen, ob es nicht lieber Fingerfood möchte.

Baby-led Weaning soll dafür sorgen, dass Kinder nicht zu kleinen Suppenkaspern heranwachsen. Sie sollen vieles kennenlernen. Denn sie haben eine angeborene Neophobie – die Angst vor Neuem. Mit dem zweiten Lebensjahr wird das Essen kritischer betrachtet, auch weil die Geschmacksrezeptoren auf der Zunge dann zunehmen und Bitteres deutlich stärker wahrgenommen wird. Viele Kindergartenkinder sind schlechte Esser und lehnen alles ab, was ihnen dubios vorkommt.

Christiane Meister möchte verhindern, dass Essen in ihrer Familie zum Dauerthema wird, deswegen hat sie sich gegen eine reine Breiernährung entschieden. „Mir ist es wichtig, mein Kind so zu erziehen, dass es kein Rosinenpicker wird. Außer, es hat gerade Lust auf Rosinen.“

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