Begegnung mit Wildtieren: Heia Safari

Auf den Spuren von Dickhäutern und Dickköpfen in der afrikanischen Savannah. Und ein Hippo, direkt vor der eigenen Haustür.

Illustration mit Nashorn und Frau

Foto: Illustration Eléonore Roedel

Afrika stand früh auf meiner Liste. Mein Vater liebte den fernen Kontinent, und bei uns zu Hause stapelten sich die Bildbände über die wenig bekannten Länder. Ich konnte gerade Dreirad fahren, da war das Virus auf mich übergesprungen. Die Landschaft, die Menschen und die wilden Tiere faszinierten mich, auch wenn ich mich vor den geschnitzten schwarzen Holzmasken mit Strubbelhaaren schrecklich fürchtete. Meine erste Afrikareise kam dennoch viel später.

Die Masai Mara im Südwesten Kenias war schon immer als besonders wildreiches Gebiet bekannt. Wie eine grüne Oase in der Savanne lag das Mara Buffalo Safari Camp am Ufer des Mara-Flusses. Dass Flusspferde Dickhäuter und Dickköpfe seien, erfuhr ich gleich bei der Ankunft. Dass sie zu den gefährdetsten, aber auch zu den gefährlichsten Wildtieren Afrikas zählten. Den Tag verbringen sie im Wasser, wo sie ihre empfindliche Haut vor der Sonne schützen. In der Dämmerung gehen die Pflanzenfresser auf Nahrungssuche – an Land. Auch in dieses Camp. „Das kann man spannend finden. Doch wir sind hier nicht im Zoo“, warnte der Manager Joel. „Ihr geht nie allein.“

Kurz darauf erschienen echte Massai-Krieger, die die Gäste zu ihren Bungalows begleiteten. Ayubu war hochgewachsen, in einen roten Kanga gehüllt, trug schwere Ohrringe, einen Perlenhalsring und einen Speer in der Hand. Wortlos griff er nach meinem Koffer und zwinkerte mit den Augen. Ein persönlicher Leibwächter. Ich war beeindruckt. Ayubu führte mich durch die parkähnliche Anlage.

Vom befestigten Steinweg aus ging es zu den rustikalen strohgedeckten Spitzdachhütten, den Bandas. Wir waren fast an der Uferböschung, als er endlich das Gepäck vor der letzten Banda abstellte. „For you!“ Der Massai hielt mir lächelnd den Schlüssel hin. Doch ich sah nur das schlammige Wasser, in dem mehrere rosé schimmernde Hippo-Rücken lagen, reglos wie Felsbrocken. Tagsüber baden sie, nachts fressen sie in unserem Camp, fielen mir Joels Worte wieder ein. Ich maß die Entfernung ab. „Call me“, beruhigte Ayu­bu. Er drehte sich um und entschwand mit federndem Gang. Ihn rufen, aber wie? Einfach seinen Namen?

Auf meiner Veranda genoss ich die wundersame Ruhe der Buschatmosphäre. Meine Aufregung schwand. Langsam fand ich Gefallen am Grunzen der Flusspferde, einer undefinierbaren Mischung aus Schiffssirene, Eselsgeschrei und Lachsack. Die Vorfreude auf die erste Pirsch im Morgengrauen ließ mich alle Befürchtungen vergessen.

Auf Pirsch in der Savanne

Im 1.510 Quadratkilometer großen Naturschutzpark der Masai Mara waren uns die Big Five versprochen – Löwen, Elefanten, Nashörner, Büffel und, mit Glück, Leoparden. Den Namen verdankt der Park dem Mara-Fluss, der sich in vielen Schleifen von Tansania nach Kenia windet, und dem dort lebenden Hirtenvolk der Massai.

„It’s tea-time, Lady!“, flötete am nächsten Morgen der Weckdienst, der Tee und zwei Butterkekse brachte. Es war kurz nach sechs. Die beste Zeit, um Wildtiere zu sehen. Am Startplatz liefen die Motoren schon. Joel teilte die Gäste in Gruppen ein. Ich stieg bei Simeon ein. Behutsam lenkte der Ranger den Wagen in Zebra-Look in die weite Savanne.

Am Horizont zeichneten sich Hügelketten ab, die von der aufgehenden Sonne rötlich gerahmt waren. Davor erhoben sich blassgrüne Schirmakazien, Tamarinden, ein einsamer Bao­bab-Baum. Sonst standen auf der Hochebene nur ausgedörrte Gräser, verholzte Sträucher und rußschwarze Stöcke, ein offenes Gelände, das Tieren wenige Verstecke bot. Ideal für die Beobachtung.

Impalas sprangen im Zickzack davon, Dikdiks huschten aufgescheucht durchs Unterholz. Überrascht unterbrachen Giraffen ihr Mahl an einer Akazie, am Fluss graste eine Riesenherde Zebras. Zu Gast in Eden.

„Wenn man die Natur versteht, riecht man die Tiere“, sagte der Kenianer in der grünen Uniform. Der Jeep wippte über die Landschaft. „Da, Löwen“, rief Simeon. Es dauerte eine Weile, ehe meine Augen zwei Löwen von strohgelben Dornbüschen und dem Savannenboden unterscheiden konnten. Das Fahrzeug pirschte sich bis auf wenige Meter heran. Wie zwei eitle Diven lagen Mutter und Tochter auf einem Steinklotz und ließen sich wohlgefällig von allen Seiten fotografieren. Vier Geschwister räkelten sich darunter im Gras, die wohl gut gefrühstückt hatten. Vielleicht den Büffel, an dessen abgenagtem Skelett wir vorhin vorbeigefahren waren?

Auge in Auge mit dem Flusspferd

Nachmittags ging es wieder raus zur Safari – ein Wort aus der Swahili-Sprache, das „reisen“ bedeutet. Guide Simeon erwies sich als Profi im Spurenlesen. Als hätte er Raubtieraugen, lauerte er den Wildtieren auf. Bald hatte er wieder Löwen gesichtet, die mit der Grandezza des kenianischen Wappentiers an unserem Jeep vorbeischritten. Nach ein paar holprigen Sandkuhlen machte Simeon eine Gruppe Gnus und Kaffernbüffel an einer Wasserstelle aus. Im Schritttempo fuhr er durch Gestrüpp und über Steine. Thompson-Gazellen und Kudus suchten das Weite, ein Warzenschwein, der „Kenia-Express“, flitzte davon. Aus dem Busch bewegte sich langsam eine Elefantenherde Richtung Horizont. Und Rhinos? „Fast ausgerottet“, sagte der Ranger. Leoparden? „Morgen ist auch noch ein Tag“, zügelte er die Ungeduld.

Es dämmerte, als das Camp in Sicht kam. Den Kopf voller Eindrücke folgte ich dem Weg zu meinem Bungalow. Plötzlich hörte ich ein lautes Schmatzen und Schnaufen. Mir stockte der Atem. Ein Hippo, direkt vor meiner Haustür! „Don’t worry!“, ertönte hinter mir die flüsternde Stimme von Ayubu. Meine Erstarrung wich. Das riesige Flusspferd graste ungerührt weiter und verschwand langsam in der Dunkelheit.

Ich fand Gefallen am Grunzen der Flusspferde, einer Mischung aus Schiffssirene, Eselsgeschrei und Lachsack

Mein erstes Afrikaerlebnis war aber noch längst nicht das aufregendste. Das kam wiederum Jahre später in Südafrika. Wieder war es eine Begegnung mit einem Dickhäuter. Diesmal mit dem Nashorn.

Zu der Zeit hing das Schicksal der grauen Kolosse bereits am seidenen Faden. Südafrika hatte bereits große Flächen unter Naturschutz gestellt. Afrikas Süden schien ihr letztes Paradies zu sein, besonders für die Nashörner. Doch Wilderer jagten sie so gnadenlos, dass sich ihr Bestand mit jedem Jahr reduzierte. Kein Artenschutzabkommen, kein Handelsverbot, kein Schutzgebiet und keine Armee halfen. Im Krüger-Nationalpark war Nashornschutz zur Sache der Besitzer von privaten Wildreservaten und Luxuslodges geworden. Tierwohl und kommerzielle Interessen vermischten sich. Was sollten die Lodges ihren Safari-Gästen präsentieren, wenn die Big Five ausgerottet sind?

Professionelle Wilderer

Das Lagerfeuer der Sweni Lodge knisterte lauschig, Shan­gaan-Tänzerinnen betörten mit traditionellen Gesängen. Der Gesprächsstoff war allerdings ungemütlich. „Was bei uns los ist, ist Krieg“, schoss es aus Mac Maclachlan heraus, als wir auf die Nashörner zu sprechen kamen. Der Ranger im Singita Wildreservat im Norden des Krüger Nationalparks beschrieb die Dramatik: Täglich würde mindestens ein Nashorn massakriert. Die Wilderer arbeiteten immer professioneller.

Mac Maclachlan, Ranger

„Die Wilderer kommen in der Dämmerung mit Hubschraubern, Kleinflugzeugen, Sichtgeräten, Mobilfunk, sind mit Jagdgewehren und Motorsägen bewaffnet“

„Sie kommen in der Dämmerung mit Hubschraubern, Kleinflugzeugen, Nachtsichtgeräten, Mobilfunk, sind mit Jagdgewehren und Motorsägen bewaffnet“, berichtete Mac, selbst in einer Anti-Wilderer-Einheit aktiv. Eine Mafia, gegen die nicht einmal das nationale Militär und gut ausgerüstete Spezialtruppen etwas ausrichteten.

Die Zahl der erlegten Tiere steigt Jahr um Jahr. „Die Diebe wollen nur das Horn, schlachten aber das ganze Tier“, klagte der Wildhüter. Das Elend der angeschossenen Kreaturen mochte ich mir kaum vorstellen. Doch Mac half nach: „Oft schlagen die Barbaren ihnen das Horn vom lebendigen Leib ab, verschwinden mit der Beute und lassen das Opfer qualvoll verenden.“ Wenn das nicht aufhöre, prophezeite er, dürfte das Rhinozeros in zwanzig Jahren ausgerottet sein.

Verbrechen am Nashorn

Im Sweni-Schutzgebiet lebten einige noch, hatte Maclachlan versichert. Während er den Landrover steuerte, saß Spurenleser Sunday Ndlovu auf dem linken Kotflügel. Als er frische Dungspuren im Sand entdeckte, gab er ein Zeichen zu stoppen. „Noch warm“, sagte der Tracker vom lokalen Shangaan-Volk. Der Wagen rollte weiter, bis Sunday stumm auf ein braunes Gestrüpp zeigte. Sekunden darauf trat ein drei Tonnen schweres Muskelpaket heraus, ein riesiges Breitmaulnashorn von prähistorischer Schönheit, keine dreißig Meter entfernt.

Wir haben unsere Autor*innen gebeten, die Reise, die sie besonders beeindruckt und ihre Weltlust geschürt hat, ­aufzuschreiben. Die dritte Folge unserer Serie beschreibt die Begeisterung für Afrikas Tier. Die Illustrationen von Eléonore Roedel setzen die Reisen unserer Autor*innen vielfältig, fantasievoll und eigensinnig ins Bild.

Was für eine enorme Masse sich da bewegte, dachte ich, ein Kopf wie ein Felsen, besetzt mit diesen zwei Hörnern, auf die es die Wilderer abgesehen haben. Ich war Aug in Aug mit einem der letzten lebenden Dinosaurier. Paläontologen bescheinigten ihm die erfolgreichste Entwicklungsgeschichte eines Landsäugetieres. Seit mehr als fünfzig Millionen Jahre bevölkerte es die Erde, und jetzt, im 21. Jahrhundert, ging es ihm ans Leder. Nur, um aus seinem Horn ein Pülverchen zu machen, das für Asiaten vermeintlich Heilkräfte besäße.

Doch ich sollte dem Nashorn auf dieser Reise noch näher kommen. Im Wildreservat von Singita Sabi Sand arbeitete Wade Swart Field als Ranger. Zu seinem Job gehörten auch Walking Safaris. Mit geladenem Jagdgewehr und zwanzigjähriger Erfahrung gerüstet, startete er mit einer Einführung ins Wesentliche. Die wichtigste Regel: Niemals laufen! Im Busch laufen nur Opfer. Der Wildhüter verriet noch, dass es bei manchen Tieren genüge, auf den Gewehrkolben zu klopfen – und sie würden verschwinden.

Die Expedition begann. Zu Fuß in der dichten Wildnis kam plötzlich doch Angst vor der eigenen Courage auf. Wer sagt denn, dass kein Löwe vorbeikäme? Das Nashorn mochte ein Grasfresser sein, doch eine Begegnung mit ihm wäre ebenfalls ein Rendezvous auf Leben oder Tod. Nashörner sehen schlecht, hören und riechen aber exzellent. Wenn der bullige Körper mit den kurzen Beinen in Fahrt kommt, schafft er locker fünfundvierzig Stundenkilometer. Ihre Angriffslust war sprichwörtlich: Engländer nennen die Herde „Crash“ – Zusammenstoß.

Absurdes Wagnis

Wade ging voran, ich blieb dicht hinter ihm. Er könne Tiere riechen, sagte er leise: „Purer Selbstschutz.“ Nach kurzer Pirsch entdeckte er frische Spuren von zwei Breitmaulnashörnern. „Mutter mit Kalb“, raunte er mir zu und winkte, ihm gebückt zu folgen. Es ging durch hohes Gras und quer über eine Lichtung. Hinter ein paar Büschen erblickte ich die beiden, die wie Fressmaschinen mit dem Kopf nach unten durch die Landschaft wanderten. „Der Wind steht gut, die Sonne blendet sie“, flüsterte der Wildhüter, wahrte aber einen großzügigen Sicherheitsabstand.

Die Rhinozerosse rasteten an einem Wasserloch. Wade wählte einen Termitenhügel als Sichtschutz aus, ein guter Posten, um die gewaltigen Wesen aus der Urzeit in Ruhe zu beobachten. „Sie haben uns gewittert, aber sie sind relaxt“, beschwichtigte er mich. Plötzlich hoben beide Panzertiere gleichzeitig die Köpfe mit den spitzen Hörnern und wandten sie zum Termitenhügel. Sie gingen ein paar Schritte, drehten sich unruhig. Dann donnerten sie los. Mehrere Tonnen Angriffslust.

Der Boden bebte, und sie hielten direkt auf unser Versteck zu. Das war kein Spiel, kein Film, und es gab keine Barrikade, hinter die der Stierkämpfer springen könnte, wenn ihn der Mut verließ. Das war’s jetzt, sagte ich zu mir und fühlte mich auf dem Weg ins Jenseits. Doch ebenso plötzlich blieben die beiden Nashörner wenige Meter vor uns stehen. Wieder reckten sie die Hörner, standen starr, wendeten sich ruckartig ab und trabten davon, als wäre nichts gewesen.

Was für ein absurdes Wagnis, dachte ich, als ich wieder bei Sinnen war. Wenn Wade hätte schießen müssen, um die Abenteurer im Busch zu retten, wären wieder zwei der prähistorischen Wesen verloren gewesen. Wahrscheinlich hatte er auf das Holz seines Gewehrkolbens geklopft.

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