Barrierefreiheit in Berlin: Keine Frage von Zufall und Wohlwollen
Die Landesfachstelle für Barrierefreiheit berät Verwaltungen, Behörden, Vereine oder Unternehmen. Getragen wird sie von Profis: dem Verein Sozialhelden.
Ja, „Inklusion ist ein Menschenrecht“, das sieht Raúl Krauthausen natürlich auch so. Aber dem Gründer und Vorstand von Sozialhelden e. V. reichen solche „Teebeutelsprüche“, wie er sie nennt, schon lange nicht mehr aus. Das geht auch seinen MitstreiterInnen so, und ihr Anspruch, von der Theorie in die Praxis zu kommen, hat dazu beigetragen, dass der Verein sich für die Trägerschaft der neuen Landesfachstelle für Barrierefreiheit beworben hat. Seit November ist sie im Auftrag der Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung tätig.
Am Montag besuchte Senatorin Cansel Kiziltepe die Fachstelle in den Räumlichkeiten der Sozialhelden am Hauptbahnhof, um sich über deren bisherige Arbeit zu informieren. Für Kiziltepe eher ein Wohlfühltermin, schließlich arbeitet die Fachstelle auf der Grundlage ihrer Förderung: Mit jeweils 450.000 Euro in den Jahren 2026 und 2027 stehen genügend Mittel bereit, um 5,5 Vollzeitäquivalente zu finanzieren.
Was macht das mit der politischen Rolle eines Vereins, der seit nunmehr 21 Jahren nicht nur Menschen mit Behinderung berät und informiert, sondern auch mangelhafte Barrierefreiheit anprangert? Wird man da nicht ein bisschen handzahm? „Man kann das auch anders framen“, findet Jonas Deister, einer der Leiter der Landesfachstelle. „Je nachdem, was ansteht, können wir jetzt den besten Weg wählen, um etwas durchzusetzen.“ Die Fachstelle mit ihrem öffentlichen Mandat mache eben „noch mal andere Türen auf“.
Die Fachstelle redet mit Berlins öffentlichen Einrichtungen, etwa Bezirksverwaltungen, Behörden oder Gerichten, aber auch mit Vereinen, zivilgesellschaftlichen Initiativen oder Unternehmen. Bei den Beratungsleistungen geht es immer darum, dass Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können – auf Grundlage des Landesgleichberechtigungsgesetzes und der UN-Behindertenkonvention.
Dabei arbeite man hauptsächlich in vier Themenfeldern, erläuterte Philip Hamdorf, Programmleiter der Landesfachstelle: Mobilität, Kommunikation, Veranstaltungen und „angemessene Vorkehrungen“. Unter Letzterem sind individuelle Anpassungen, etwa von Arbeitsplätzen, zu verstehen, die über die allgemeine Barrierefreiheit hinausgehen. Viele Anfragen seien im Übrigen gar nicht leicht zu kategorisieren, sagte Hamdorf. Aber hier hilft die langjährige Erfahrung der Sozialhelden mit dem Thema.
Leitsystem für den Weihnachtsmarkt
Zwei Beispiele für die bislang rund 50 aufgelaufenen Beratungen: Die Stadtbibliothek Pankow will ihr Angebot inklusiver machen, die Fachstelle unterstützt mit einem Konzept, aber auch mit Workshops für MitarbeiterInnen, etwa beim Thema Neurodiversität von NutzerInnen. Und der Veranstalter des Weihnachtsmarkts auf dem Gendarmenmarkt möchte ein Leitsystem für blinde Menschen einrichten – auch hier hilft die Fachstelle. Wenn es so weit ist, will sie das Personal vor Ort schulen.
Beim Thema Mobilität ist schon einiges passiert – „Berlin ist jetzt auch nicht die schlechteste Stadt in Sachen Barrierefreiheit“, wie Raúl Krauthausen einräumte. Aber der Weg ist trotzdem noch weit: So sei es gerade für Ortsunkundige mit Beeinträchtigungen oft nicht leicht, sich zurechtzufinden und zum Beispiel sicher vom Flughafen BER in die Stadt zu kommen. Es gebe lokales „Geheimwissen“, etwa, dass man mit Rollstuhl vorne auf dem Bahnsteig warten müsse, wenn es sich um einen alten Zug handle – Stichwort Klapprampe.
Bei der baulichen Infrastruktur sei es enorm wichtig, Inklusion von Anfang an mitzudenken und nicht nachträglich „eine Lösung ranzuflanschen“, befand Krauthausen. „Sonst sieht und fühlt man es, und alle sind auf eine gewisse Art unzufrieden, obwohl es teuer war.“
Deutlich einfacher lassen sich da digitale Angebote verbessern – theoretisch jedenfalls. So sind Informationen über die Barrierefreiheit von Arztpraxen laut Jonas Deister ein „Riesenthema“. Zwar frage die Kassenärztliche Vereinigung so etwas ab, es geschehe aber lediglich per Selbstauskunft der ÄrztInnen. Ergebnis: Auf Terminbuchungsplattformen wie Doctolib fehlen oft entsprechende Angaben. Die Fachstelle habe jetzt bei der Senatsverwaltung um Hilfe gebeten, an bessere Daten zu kommen.
Die Senatorin zeigte sich hochzufrieden mit der Arbeit ihrer neuen Fachstelle. Dass diese in Zukunft auch noch besser ausgestattet werden könnte, räumte sie ein und verwies auf die kommende Regierungskoalition, von der die Mittelzuweisung nach den Wahlen im September abhängen werde. Dass der Geldhahn dann noch ein bisschen weiter aufgedreht wird, ist sehr zu wünschen, denn, O-Ton Kiziltepe: „Barrierefreiheit darf nicht vom Zufall und vom Wohlwollen abhängen.“
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